Fußball-WM

Fünf Ideen für neue Autokorso-Routen in Berlin

Nach einem Deutschlandsieg zieht es die Autokonsorten ausschließlich zum Kurfürstendamm: Fünf Vorschläge für alternative Routen – damit das Hupkonzert nach dem Abpfiff etwas ganz Besonderes wird.

Foto: Gero Breloer / AP

Stolze 5419 Kilometer misst das Berliner Straßennetz. Ausreichend Platz also, um dem alle vier Jahre boomenden Trendsport nachzugehen: dem „Korso, der aus Autos besteht“ (Duden). Leider ist die Kreativhauptstadt hier so einfallslos wie Mesut Özil in Strafraumnähe.

Nach einem Deutschlandsieg zieht es die Autokonsorten ausschließlich zum Kurfürstendamm – nur Touristen sind langweiliger. Alles zwischen Wittenbergplatz und Uhlandstraße wird blockiert. Die Marketing-Abteilung von Media Markt würde sagen: Der Kudamm wird „schlandisiert“. Heute beginnt eine neue Zeitrechnung. Deutschland wird Weltmeister – und Berlin revolutioniert den Autokorso. Wir haben fünf kreative und nicht ganz ernst gemeinte Alternativen gesammelt.

1. Klassenerhalts-Korso

Ein bisschen Berlin war ja auch bei der WM in Brasilien. Neu-Herthaner Valentin Stocker schaffte es mit der Schweiz bis ins Achtelfinale, John Anthony Brooks erzielte für die USA sogar den Siegtreffer gegen Ghana. Zwar kehren die WM-Fahrer erst in ein paar Wochen aus dem Urlaub zurück, doch ein eigener Korso tut Hertha BSC trotzdem gut. Das zweite Jahr nach dem Aufstieg ist oft das schwerste. Der Klassenerhalts-Korso führt am Trainingsgelände vorbei, wo sich Ronny (Audi Q7, metallicbraun), Sandro Wagner (Mini Cooper, mattschwarz) und Änis Ben-Hatira (Bentley Continental) anschließen. Während der Runde durchs Olympiastadion verstaucht sich der übermotivierte Ronny beim Bremsen den Fuß. Der angeschlagene Profi wird flux zur Charité an der Invalidenstraße transportiert. Um die Hausnummer 44, Bundesministerium für Verkehr, macht der Korso einen Umweg – aus Rücksicht. Im Büro von Alexander Dobrindt brennt noch Licht. Selbst am Abend des WM-Siegs feilt der Minister an einer neuen Maut-Taktik.

2. Avus-Rennstrecke

Ein Korso braucht Publikum. Das ist historisch bedingt, schon vor vielen hundert Jahren ließen sich siegreiche Feldherren durch die Straßen kutschieren, damit das Volk am Rand „Hurra“ rufen konnte. Auf der ehemaligen Rennstrecke Avus könnten die Berliner den Autokorso im Sitzen bejubeln. Die alte Tribüne ist zwar heruntergekommen, der Senat würde zur Sanierung aber bestimmt ein paar Euro aus dem Schlaglochprogramm locker machen. Die Tribüne ist voll besetzt, der Autokorso rauscht mit 80 Sachen die A115 herunter. Am Treff auf der Spinnerbrücke bekommt auch wirklich jeder Rucksacktourist eine Mitfahrgelegenheit: Argentinier, Holländer, Italiener, Brandenburger. Sogar Schalker. In der Stunde des WM-Triumphs können wir Berliner alles. Auch nett.

3. Argentinien-Route

Nett waren auch die deutschen Nationalspieler nach ihrem „Blitzkrieg“ gegen Brasilien. Sie strichen dem untröstlichen David Luiz über die Steckdosenfrisur, das kam bei den Gastgebern gut an. Als Trost für die bald untröstlichen Argentinier sollte Berlin einen Autokorso zu Ehren des Vize-Weltmeisters abhalten; Berlin und Buenos Aires sind immerhin seit 20 Jahren Partnerstädte. Los geht es auf der Argentinischen Allee in Zehlendorf, der Korso wird angeführt von Lokalmatador Bushido. Er lenkt seinen Mercedes über die B1 Richtung Schöneberg, weiter zur argentinischen Botschaft an der Kleiststraße. Dort steht der Botschafter auf dem Balkon und kämpft vor Rührung mit den Tränen. Bushido holt sein Mikro aus dem Handschuhfach und stimmt eine Rap-Version von „Don’t cry for me Argentina“ an. Der Korso nickt zum Beat.

4. Ernst-Reuter-Platz-Runde

Professsoren der Universität der Künste (UdK) finden den Lärm am Ernst-Reuter-Platz zu monoton. Im Rahmen eines Forschungsprojekts schlugen sie vor, die Ampelschaltung zu verändern, um „die auditive Herrschaft der Autos zu reduzieren“. Wir schlagen vor: Lenkt einen Autokorso durch den Kreis. Die monotone Klangwelt wäre Vergangenheit: das Zischen von Raketen, Fangesänge und Kotzgeräusche – eine urbane Fußball-Oper. Eine Runde nach der anderen. Sollte nach ein paar Stunden bei manchen der Drehwurm drin sein, kein Problem: Die Musik-Fakultät der UdK ist ganz in der Nähe. Die Experten vom Seminar Tontechnik klären kompetent über die Funktion des Innenohrs auf.

5. Fahrrad-Korso-Tour

Der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr meint: Fahrräder und Korso, das passe nicht. Die überwiegend männlichen Korsofahrer wollten durch das Auto Stärke demonstrieren. Doch der Umwelt zuliebe: Was nicht passt, wird passend gemacht. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Berlin empfiehlt als besonders fahrradfreundliche Strecke die Stralauer Straße in Mitte. Hier sei es durch Umbauarbeiten deutlich sicherer geworden. Der Vorteil des Fahrradkorsos: Laut Straßenverkehrsordnung gelten bereits 15 Radfahrer als Verband. Das heißt, sie dürfen nebeneinander und sogar auf dem Bürgersteig fahren. Der Verband beziehungsweise Korso muss nur als solcher erkennbar sein. Fantechnisch ist zumindest vorgesorgt, im Internet ist das „WM-Fahrradset“ erhältlich: schwarz-rot-gelbe Klingel, Sattelschutz und Fähnchen.