Neues Programm

Berliner Forscher arbeitet am perfekten Busverkehr

Ein Professor von der Freien Universität hat ein Computerprogramm entwickelt, durch das Busse schneller und kostengünstiger fahren sollen. Das soll nur der erste Schritt sein.

Foto: Amin Akhtar

Die Wahl fiel knapp, aber mit der nötigen Mehrheit aus: Anfang des Jahres stimmten 56,4 Prozent der Göttinger Studenten der Einführung eines Semestertickets für Busse zu. Ein Novum in der niedersächsischen Stadt, von deren 120.000 Einwohnern immerhin ein Fünftel Studenten sind. Und eine ganz neue Situation für die Göttinger Verkehrsbetriebe (GöVB): Was würden die zusätzlichen Fahrgäste für den Busverkehr in der Stadt bedeuten?

Etwa 260 Kilometer entfernt sitzt Jan Fabian Ehmke, 33, in seinem Büro und klickt durch eine Präsentation. Der Juniorprofessor für Wirtschaftsinformatik an der Freien Universität Berlin (FU) stammt aus Göttingen, sein Herz hängt an den GöVB. Er will den Busverkehr in seiner Heimat verbessern. Eine Folie zeigt ihn als kleinen Jungen hinter dem Steuer eines Linienbusses. Daneben sind 20 Jahre alte Umlaufpläne abgebildet. „Noch mit Schreibmaschine geschrieben – und scheinbar für immer gültig“, sagt Ehmke.

Der 33-Jährige weiß: Die Umlaufplanung ist für Verkehrsunternehmen überlebenswichtig. Sie stellt dar, wie viele Fahrzeuge wann und auf welcher Linie eingesetzt werden. Und sie bestimmt so Kosten für Flotte, Treibstoff und Personal. Bisher, sagt Ehmke, wurde die Zusammenstellung der Göttinger Busflotte lediglich auf der Basis von Erfahrungswerten durchgeführt. Wie aber reagiert man darauf, wenn plötzlich deutlich mehr Menschen mit dem Bus fahren wollen, dabei aber keine unnötigen Kosten entstehen dürfen?

FU-Professor verbessert Software für kosteneffiziente Busfahrpläne

Zusammen mit seinen Studenten hat Ehmke eine Software einer Kollegin weiterentwickelt. Diese konnte die Umlaufplanung anfangs nur unter gegenwärtigen Fahrgastzahlen optimieren. Ziel aber war, diese so zu verbessern, dass auch Zukunftsszenarien berücksichtigt werden können. Unter dem Aspekt, dass die Busse so viel wie möglich unterwegs sind – ohne lange Standzeiten oder Leerfahrten – und dabei möglichst viele Passagiere befördern. Sprich, absolut kosteneffizient sind. „Es ging dabei vor allem darum, den richtigen Mix aus großen und kleinen Fahrzeugen für die Flotte zu finden.“

Die neue Software namens „Fleetmix“ kombiniert sämtliche Fahrten unter Berücksichtigung veränderter Fahrgastzahlen. Das Ergebnis für die Einführung des Semestertickets: „Anders als die GöVB dachten, müssen sie im Verhältnis eher weniger große Gelenkbusse bereitstellen.“, sagt Ehmke. Die Gesamtanzahl von rund 80 Bussen stimmte hingegen. Neben dem Semesterticket wurden andere Szenarien durchgespielt. So wären in Göttingen bei einem Bevölkerungsanstieg von fünf Prozent insgesamt nur zwei Busse mehr nötig. Würde die Bevölkerung um fünf Prozent schrumpfen, müsste die Gesamtzahl der Busse gleich bleiben – es wären aber weniger Gelenkbusse nötig. Auch der aktuelle Bedarf wurde ermittelt. Ehmke und sein Team profitierten dabei von exakten Fahrgastzahlen, die die GöVB mittels eines Zählsystems in den Fahrzeugen bereitstellen konnte.

Berliner Verkehrsbetriebe zählen regelmäßig Busfahrgäste

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nehmen in einem Großteil ihrer Busflotte Zählungen vor. Ein wichtiger Aspekt: „Jeder Berliner zieht durchschnittlich alle fünf Jahre um“, sagt Michael Grunwald von der Verkehrsplanung. Dementsprechend werde regelmäßig geschaut, in welchen Kiezen das Angebot angepasst werden müsse, „und das natürlich nicht mehr mit Lochkarten, sondern mit Computern“, sagt Grunwald. Für die Optimierung ihrer Umlaufplanung arbeitet die BVG mit der Technischen Universität Berlin und diversen Start-ups zusammen.

In Göttingen wird sich nun zeigen müssen, ob die Ergebnisse der FU-Wirtschaftsinformatiker für die Praxis taugen. „Die von uns berechneten Pläne sind kostenminimal, was die Fahrzeugperspektive angeht, aber unterscheiden sich sehr“, erklärt Ehmke. Das bedeutet: Basierend auf dem jeweiligen Szenario müssen Dienst- und Personaleinsatz so geplant werden, dass diese zum neuen Umlaufplan passen. „Wir werden die Daten der FU nun auswerten und mit unserem Dienstplan abstimmen“, sagt GöVB-Geschäftsführer Michael Neugebauer. Auch mit dem neuen Linienfahrplan, der bald kommen soll.

Ehmke denkt schon einen Schritt weiter. Er träumt von einer Software, die den gesamten Betrieb optimiert: vom Fahrplan über die Flotte bis zum Personal. „Es müsste möglich sein, dass man sagt: Wir haben zehn Millionen Euro zusätzlich. Wie setzen wir die am besten ein?“ Ein solches Programm existiert jedoch weltweit noch nicht.