Sommerspiele

Olympiabewerbung – Berlin will die Spiele haben

Berlin will die Sommerspiele und Paralympics 2024 oder 2028 ausrichten: Ein Plus sind die vielen bereits jetzt olympiatauglichen Austragungsorte. Konkurrenz wird die Hauptstadt aus Hamburg bekommen.

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Stell Dir vor, Berlin plant ein Großprojekt – und alle sind begeistert. Es wird pünktlich fertig und sogar die Kosten laufen nicht aus dem Ruder. Die Verantwortlichen zeigen zudem Organisationstalent. Alles funktioniert.

Geht nicht? Nicht in der Hauptstadt? Geht doch, findet zumindest – ausgerechnet, möchte man einwenden – der in Sachen Bürgerbeteiligung und Großprojekte zuletzt wenig erfolgsverwöhnte rot-schwarze Senat. Ja, wir wollen Olympia und wir können das auch. So haben es die Regierungsmitglieder am Dienstag beschlossen. 2024 oder 2028 soll es soweit sein. Mehr als 10.000 Athleten würden die Stadt 17 Tage lang in eine Sportarena verwandeln. Die Berliner hätten die Wahl, welche der 44 Wettbewerbe sie sich anschauen wollen. Sie könnten sich auch über für Olympia erneuerte Sportstätten und sanierte Straßen freuen.

Man mag das als Utopie abtun. Mindestens aber ist es noch Zukunftsmusik. Zumindest ein bisschen hat die Zukunft am Dienstag begonnen. Denn mit ihrem Beschluss haben die Senatoren von CDU und SPD klargestellt, dass die Stadt am sogenannten Interessenbekundungsverfahren des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) teilnehmen wird.

Neben Hamburg hat damit auch Berlin seinen Hut in den Ring geworfen – und auf den Senat wartet nun jede Menge Arbeit. Denn der DOSB hat bereits 13 Fragen zur Bewerbung übermittelt, die der Senat bis Ende August beantworten muss. Neben der auch für den Sportbereich zuständigen Verwaltung von Innensenator Frank Henkel (CDU) arbeiten daran auch die Senatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD), sowie die Finanz-, die Wirtschafts- und die Verwaltung für Stadtentwicklung. Die Mitglieder des DOSB sollen auf einer Versammlung am 6. Dezember entscheiden, ob die Kandidatur Berlins (oder die Hamburgs) offiziell beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eingereicht werden soll.

Nur wenige Wettkampfstätten-Neubauten erforderlich

Bei vielen Fragen des DOSB dürften den Politikern die Formulierungen leicht von der Hand gehen. Zum Beispiel, wenn es um die Sportstätten geht: Mit dem Olympiastadion, der O2 World am Ostbahnhof, der Max-Schmeling-Halle, dem Velodrom und dem Jahn-Sportpark gibt es in der Stadt viele mögliche, olympiataugliche Austragungsorte. „Berlin gehört zu den wenigen Städten weltweit, für die die Durchführung Olympischer Sommerspiele kein städtebauliches Großprojekt mit Milliardeninvestitionen werden muss“ – so formulierte es der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), der jüngst ein Thesenpapier zu einer möglichen Bewerbung vorlegte, das so fundiert ist, das der Senat es als Vorlage für seine Antworten auf den Fragenkatalog des DOSB nutzen könnte.

Für sämtliche Wettbewerbe, auch das stellt der BUND klar, würde der Bestand allerdings nicht ausreichen. Bei einigen Sportarten wäre Berlin auf die Unterstützung anderer Länder angewiesen. Die Ruderstrecken in Grünau würden den Anforderungen beispielsweise nicht gerecht. Als Ausweichmöglichkeit würde sich der Beetzsee in Brandenburg anbieten. Die Segler könnten in Warnemünde um die Medaillen kämpfen.

Für das Konzept der temporären und der in andere Regionen „ausgelagerten“ Wettkampfstätten ist Berlin auf die Unterstützung des IOC angewiesen. Bisher bestand das Komitee darauf, dass der Kampf um die Medaillen nur in Ausnahmefällen außerhalb des Austragungsortes stattfinden soll. Im Dezember wollen die Mitglieder die Ansprüche aber etwas zurückzuschrauben. Passiert das nicht, könnte Berlin seine Bewerbung wieder zurückziehen. So steht es dem Vernehmen nach in dem Senatsbeschluss.

Das olympische Dorf könnte auf dem dann still gelegten Flughafen Tegel entstehen. Anders als die Sportstätten würden die Wohnhäuser aber nicht als Provisorium errichtet werden. Im Gegenteil: Im Sinne der Nachhaltigkeit sollen nach den Spielen die von Wohnungsnot geplagten Berliner darin einziehen.

IOC trifft die Entscheidung 2017

Bei anderen Fragen des Verbandes dürften sich die Senatoren schwer tun. „Warum will Ihre Stadt die Olympischen Spiele ausrichten?“, will der DOSB wissen. Mehr als die Aussage, dass man Sport gut findet, muss sich der Senat einfallen lassen. Man könnte auch sagen: Berlin braucht ein Thema, eine Philosophie für „Olympia in Berlin“. Wie diese aussehen könnte, ist bisher nicht erkennbar. Spannend dürfte auch sein, wie der Senat sich zur Frage einlässt, wie die Bevölkerung zu einer möglichen Bewerbung steht. „Der Senat sieht die Unterstützung der Bevölkerung als unabdingbar für eine Bewerbung um Olympische Spiele“, sagte dazu am Dienstag Innensenator Henkel. Ideen, Bedenken und Wünsche müssten in einen möglichen Bewerbungsprozess einfließen. Und wie genau? „Dazu sollen neue Formate der Bürgerbeteiligung entwickelt werden“, so der Senator etwas nebulös.

SPD-Fraktionschef Raed Saleh preschte kürzlich mit der Idee für eine vom Senat oder vom Abgeordnetenhaus initiierte Volksbefragung hervor. Eine solche Befragung müsste in der Berliner Verfassung verankert werden – und auch darüber müsste die Bevölkerung abstimmen. Nötig wären also zwei Befragungen. Das wird knapp – wenn Berlin sich für 2024 bewerben will. Denn die endgültige Entscheidung, wo das Olympische Feuer tatsächlich brennen wird, trifft das IOC erst 2017. Berlin müsste seine vollständige Bewerbung aber bereits bis Ende 2015 einreichen – also schon in eineinhalb Jahren. Wie der Senat es bis dahin schaffen will, die von der SPD angekündigte Volksbefragung durchzuführen und die von Henkel propagierten „neuen Formate der Bürgerbeteiligung“ zu einem Abschluss zu bringen, ist nicht ersichtlich.

Es müsste zudem gelingen, die Stimmung in der Bevölkerung zu drehen. Große Euphorie ist bisher nicht zu spüren. Die peinliche Vorstellung, die Berlin bei der (erfolglosen) Bewerbung für Olympia 2000 ablieferte, ist vielen noch gut im Gedächtnis. Auch das Pannen-Projekt BER und die Klatsche, die der Senat beim Volksentscheid zum Tempelhofer Feld erlitt, hat den Glauben in die organisatorischen Fähigkeiten des Senats erschüttert. „Die Berliner sind vielleicht grundsätzlich etwas skeptisch, was Olympia betrifft. Besonders skeptisch sind sie aber, was den aktuellen Senat betrifft“, sagt der Präsident des grundsätzlich Olympia-freundlichen Berliner Landessportbundes, Klaus Böger.

Bedenken hat auch die Opposition. „2024 wird zu knapp“, sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Ramona Pop. Wenn man die Bevölkerung einbinden wolle, brauche man mehr Zeit. Allenfalls eine Bewerbung für die Spiele 2028 hält Pop für „bedenkenswert“. Auch die Piraten sind vorsichtig. Die Linke lehnt eine Olympia-Bewerbung grundsätzlich ab. „Angesichts unserer begrenzten Mittel sollten wir nicht 60 Millionen für eine Olympia-Bewerbung ausgeben, sondern lieber unsere Schulen sanieren und in den Wohnungsbau investieren“, sagte der Fraktionsvorsitzende, Udo Wolf.