Kommentar

CSD 2014 in Berlin - Willkommen im Klub der Kleingeister

Der CSD ist so unpolitisch wie nie, weil es weniger um Solidarität und die gemeinsame Sache geht, sondern um Eitelkeiten, Kleinigkeiten und gepflegte Feindseligkeiten, meint Hajo Schumacher.

Foto: Rainer Jensen / pa/dpa

Zu den besten Asterix-Bänden zählt die Goten-Ausgabe: Cholerik streitet mit Mickerik mit Elektrik mit Theoretik, Ost- gegen West-Goten. Und am Ende herrscht Krieg, jeder gegen jeden.

So ähnlich wie im Comic verhält es sich mit dem CSD: Der eine Stamm paradiert im Westen, der andere zwischen Friedrichstraße und Potsdamer Platz, die Kreuzberger müssen natürlich wieder ihr eigenes Ding machen und am Freitag bereits ziehen die Friedrichshainer um ihre Häuser.

Ein CSD, vier Paraden und unzählige verwirrte Gesichter. Wer hütet die wahre Idee? Wer macht nur Partykommerz? Und wen kann man eh nicht riechen? Ausgerechnet eine Demonstration für mehr Miteinander gerät zum monatelangen Kleinkrieg und endet damit, wogegen sich die bunte Parade seit 35 Jahren zu Recht wehren will – Ablehnung, Intoleranz, Ausgrenzung. Vielfalt nach Goten-Art.

Man wolle wieder politischer werden, haben die Organisatoren angekündigt. Aber was haben diskriminierte Homosexuelle in Russland, Saudi-Arabien oder China davon, dass sich die Diskriminierten in Berlin gegenseitig diskriminieren? Das Gegenteil ist richtig: Der CSD ist so unpolitisch wie nie, weil es weniger um Solidarität und die gemeinsame Sache geht, sondern um Eitelkeiten, Kleinigkeiten und gepflegte Feindseligkeiten. Diese Streitereien bewegen sich auf jenem Level, das Kleingärtner, Sozial- und Christdemokraten zelebrieren. Eine einstmals kreative, schlagkräftige und bunte Truppe ist auf Maschendrahtzaun-Niveau angekommen. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn die Nichtheterosexuellen nicht die Monstranz Toleranz vor sich hertrügen.

Der Christopher Street Day hat seine Wurzeln im Kampf für Fairness und Gelassenheit. Im Jahre 1969 prügelten New Yorker Polizisten auf Homosexuelle ein, die sich in der Bar Stonewall in der Christopher Street getroffen hatten. Erstmals widersetzten sich Mutige der Intoleranz. Seither hat die CSD-Parade auf eine bunte Art mit ernstem Kern die ganze Welt erobert. Inzwischen jedoch ist eine gesellschaftspolitisch wichtige Bewegung in klassische Vereinsmeierei umgeschlagen und beweist, dass die Menschen im Kern ziemlich ähnlich ticken, ganz gleich welcher sexuellen Orientierung. Toleranz ist immer und für jeden eine Aufgabe und erschöpft sich nicht in Parolen und Transparenten, sondern in alltäglichem Handeln.

Wir halten fest: Spießigkeit kennt keine Geschlechterschranken. Und was lernen wir daraus: Der CSD ist endgültig in den Partykalender der engagiert vorgetragenen Selbstbespiegelung mit gleichzeitigem Besäufnis aufgenommen, als weitere Spielart des Karnevals, der auch mal einen ernsten Hintergrund hatte. Willkommen im Klub der Kleingeister.