Oranienplatz

Das verlorene Kind der Vivianne G.

Die Mutter gehörte zu den Flüchtlingen am Oranienplatz. Die Schweiz hat sie abgeschoben, obwohl ihre Tochter dort lebt. Die Geschichte einer Ehe, in der zwei Menschen unterschiedliche Rechte haben.

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Vivianne G. hat lange nicht mehr gelächelt. In einem Café in Kreuzberg bestellt sie Tee. Sie möchte sonst nichts, obwohl sie es vertragen könnte. Meist isst sie Brot und Kartoffeln. Ihr Magen tut weh, mal wieder. Am Tag ihrer Abschiebung aus der Schweiz, erzählt sie, haben Polizisten sie mit nur 20 Franken in der Tasche zum Flughafen gebracht.

Damals habe ihr Ex-Mann gesagt: „Du bist alleine aus Afrika gekommen, du gehst auch alleine nach Afrika zurück.“

Dies ist die Geschichte einer gescheiterten Ehe, in der zwei Menschen mitten in Europa unterschiedliche Rechte haben. In der eine Ehefrau ihr Kind zurücklassen musste und zum Flüchtling geworden ist. Hier geht es nicht darum, ob Deutschland einen Menschen aus Afrika aufnehmen soll. Sondern, ob Deutschland die Politik der Schweiz auffangen muss.

Gestrandet in der besetzten Schule

Die 39-Jährige ist nicht lange in Kenia geblieben. Nach ihrer Abschiebung aus der Schweiz nach Afrika vor zwei Jahren und dem gescheiterten Versuch einer Rückkehr ist sie in Berlin gelandet, in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule, die von Flüchtlingen besetzt ist. Ein Ort, wo Matratzen herumliegen wie Strandgut. Flüchtlinge von überall hat es hierher verschlagen. Weil sie hören, dass ihnen hier geholfen wird. Doch am Ende kämpft doch jeder für sich alleine. Über die Zustände in dem Gebäude wird viel diskutiert, über kaputte Fernster und Urin im Treppenhaus, doch über die Menschen darin weiß man wenig. Die alte Schule ist für die meisten eine Zwischenstation auf der Suche nach einem besseren Leben.

Seit kürzlich ein Mann in der Schule erstochen wurde, übernachtet sie im Flüchtlingsheim in Neuruppin, wo sie ein Zimmer mit einer Mutter und deren Kind teilt. Dort hat sie weniger Angst. Aber Mutter mit Kind, diesen Anblick hält sie schwer aus. Ihre eigene Tochter ist unerreichbar für sie.

Vor elf Jahren dachte Vivianne G., sie wäre bereits angekommen in einem besseren Leben. Alles beginnt mit einem eingehaltenen Versprechen. Am 18. April 2003 im Tessin, in einem Standesamt mit Holzdach. Im Arm hält eine junge Frau aus Kenia ihre frisch geborene Tochter. An ihrer Seite steht ein wohlhabender Schweizer, er hält einen Strauß Tulpen in der Hand. Nach der Hochzeit fährt die Familie in ihre Vier-Zimmer-Wohnung in Rapperswil. Ein Ort am Zürichsee. Segelboote spiegeln sich im Wasser. Vivianne G. erhält eine Aufenthaltserlaubnis der „Kategorie B“ für die Schweiz. Sie ist fünf Jahre gültig.

Nicht mal die eigene Familie hat ihr geglaubt

Doch die Ehe scheitert. Ihre Tochter Amanita (Name geändert, d. Red.), heute elf Jahre, wächst nun in einem Kinderheim bei Zürich auf. In einem Land, in das die Mutter nur noch mit Sondergenehmigung reisen darf. Ihr Ex-Mann lebt in einem Wohnheim für Alkoholkranke. Er darf die Tochter besuchen, das Sozialamt zahlt ihm die Fahrten. Die Mutter dagegen darf nicht mehr in ihrer Nähe leben.

Nicht mal die eigene Familie hat ihr geglaubt, als sie zurück in Kenia war, alleine und nur mit einer Handtasche über der Schulter. „Hast du jemanden umgebracht?“, fragte ihr Bruder. Und ihre Mutter wollte nur wissen: „Wo ist deine Tochter?“

Laut der Menschenrechtsgruppe „Augenauf Basel“ diene das Ausländerrecht in der Schweiz oft dazu, Grundrechte auszuhebeln. Der Fall von Vivianne G. sei dafür „stellvertretend“, schreibt die Organisation in einer Bewertung für die Berliner Morgenpost.

Eltern machen Fehler. Aber meistens bekommen sie immer wieder Chancen. Dass Vivianne G. so weit entfernt ist von einem Familienleben, hat mit Fehlern zu tun, die sie gemacht hat. Es liegt aber auch an ihrer Herkunft. Ihr Mann, der Schweizer ist, wird eine neue Chance bekommen, mit seiner Tochter zu leben. Obwohl er in seiner Elternrolle zeitweise so viel mehr versagt hat als sie.

„Müssen Sie etwas befürchten, wenn Sie nach Kenia zurückkehren?“, fragt ein Beamter, als Vivianne G. ihr Asyl in Deutschland beantragt. Sie antwortet: „Ich habe keine Angst davor, so lange ich meine Tochter habe.“ Im Protokoll der Behörde steht die Notiz: „Sie wird immer wütender und sagt, warum sie hier sei, sie habe besseres zu tun. Sie brüllt die Dolmetscherin an.“

Zurück nach Afrika mit der Tochter. Für die einen klingt das nach Liebe. Für die Schweizer Behörden klingt das wie die Androhung einer Entführung.

Er war sehr verliebt am Anfang

Ihr Ex-Mann, Peter G., 61, klingt verbindlich am Telefon. Er sitzt im Zimmer seines Wohnheimes unweit vom Zürichsee. „Ich habe damals auf Afrikanerinnen gestanden, das war wohl ein Fehler“, sagt er und fügt das schweizerische „oder?“ an den Satz. Vivianne G. ist damals seine dritte afrikanische Freundin in Folge.

Seine zukünftige Frau traf er im Jahr 2002 in einer Bar in der Schweiz. Andere erzählen, sie hätten sich in Mombasa in Kenia kennen gelernt, wo Europäer am Strand gerne die einheimischen Frauen anschauen. Peter G. beschreibt sein Leben damals so: Erfolgreicher Grafiker, eigenes Atelier, Autosammler, Ferienwohnung im Tessin, Pilotenschein.

Er verliebt sich in die dunkelhäutige Frau, die damals so schön lächeln konnte. Er will heiraten und ein Kind. Als ihr Touristenvisum ausläuft, schickt er ihr weiter Geld nach Mombasa. „Am Anfang“, sagt er, „habe ich nicht gemerkt, was mit meiner Frau nicht stimmte.“

Demo vor der Schweizer Botschaft

Im Oktober 2013 hatten Aktivisten vom Protestcamp am Oranienplatz zur Demo vor der Schweizer Botschaft aufgerufen. Auf dem Flugblatt stand: „Gebt Vivianne ihre Tochter zurück. Stoppt die Verfolgung einer afrikanischen Mutter durch die Schweizer Behörden.“

Wer ist diese Frau vom Flugblatt wirklich? Hunderte Seiten füllen ihre Akten in der Schweiz und in Deutschland. Viele davon konnten für diesen Artikel eingesehen werden.

Weniger als ein Jahr ist das Paar verheiratet, als aktenkundig wird, dass ihre Ehe in der Krise ist. Am 19. März 2004 ruft sie die Polizei. Sie fühlt sich vom Ehemann bedroht. Vivianne G. sagt der Polizei, ihr Mann habe den Kuchen zu teuer gefunden, den sie zum Geburtstag der Tochter gekauft hat. Er sagt, er habe vor Ärger das Handy seiner Frau aus dem Fenster geworfen. Die Partner beschuldigen sich gegenseitig, zu viel getrunken zu haben.

Er dachte an Geburtsdepression

Wer angefangen hat mit einem Ehestreit, wissen Eheleute meist selbst nicht mehr. Am Anfang dachte Peter G., seine Frau leide an einer Geburtsdepression. Dann habe er Tetrapaks mit Rotwein gefunden, gefaltet und versteckt in der Wohnung. „Eines Abends, als ich von der Arbeit nach Hause kam, lief in der Küche der Mixer ohne Deckel drauf. Überall an der Wand klebte Kartoffelbrei.“ So etwas sei dann häufiger passiert. Er habe sich niedergeschlagen gefühlt und habe immer mehr getrunken. Bis seine Hand zitterte. „Trunksucht war der Grund, warum ich meine Kunden verloren habe.“ Peter G. erzählt das mit ruhiger Stimme.

Vivianne G. sagt, vor ihrer Ehe habe sie nie viel getrunken. Erst der Streit habe sie dazu gebracht.

Vom 6. bis 30. April 2004 flüchtet Viviane G. mit ihrer damals einjährigen Tochter in ein Wohnheim für Mutter und Kind. Sie will eine „Auszeit“ von ihrem Mann. Und von ihrer Schwiegermutter aus dem Tessin, die sich in den Haushalt und die Erziehung ihrer Tochter einmischt. Ihren Mann nennt sie „Muttersöhnchen“. Sie fühlt sich nutzlos und als Frau und Mutter nicht ernst genommen.

„In Afrika gibt es gar keine Unterstützung“

Das Geschäft des Mannes läuft schlechter. Sie arbeitet als Zimmermädchen in einem Hotel. Dreimal in der Woche halbtags. Sie muss um 6:30 Uhr anfangen. Sie hat Probleme, um diese Zeit eine Betreuung für Ihre Tochter zu finden. Viele alleinerziehende Mütter kennen das. Was viele nicht kennen: Dass sie auf dem Sozialamt Sätze hören wie: „Gehen Sie doch nach Afrika, da gibt es gar keine Unterstützung.“

In einem Gutachten eines Sozialpädagogen zur Situation der Familie heißt es: „(...) unterschiedliche Ansprüche bezüglich Ordnung haben zu großen Konflikten in der Beziehung geführt. (...) Herr G. ist der absolute Perfektionist mit dem Anspruch, dass alles genau an seinem Platz stehen muss. Frau G. hingegen ist eher die Tolerante, Nachlässige, welche halt auch einmal etwas herumliegen lässt oder das Geschirr nicht sofort abwäscht.“

Das klingt nach: Schweizer und Afrikaner passen eben nicht zusammen. Ist es so einfach? In den Schweizer Akten wird viel von „gescheiterter Integration“ die Rede sein. Im Kanton St. Gallen ist die Partei Schweizer Volkspartei (SVP) stark. „Integration ist Sache der Zuwanderer“, lautet ihre Leitlinie. Die SVP war es auch, die den Volksentscheid „Gegen Masseneinwanderung“ organisierte. In Deutschland wurde danach diskutiert, ob es fremdenfeindlich in der Schweiz zugeht.

Antabus gegen Alkohol

Vivianne G. jedenfalls hat das Gefühl, dass sie sich aufgeben muss, um in der Schweiz zu funktionieren. Trotzdem versucht sie es und zieht wieder zu ihrem Mann. Das Paar sucht Hilfe bei Beratungsstellen und Ärzten. Der Gutachter notiert, Vivianne G. sei selbstbewusster geworden, seit sie arbeite. Die Eheleute würden sich „teilweise rührend“ bemühen. Auch wenn Vivianne G. „teilweise den Eindruck einer gefühlsmäßig distanzierten Frau“ hinterlasse, pflege sie ihr Kind liebevoll. Peter G. sei „schnell aufgewühlt“ und „wenig belastbar bei Problemen auf der Beziehungsebene.“ Bei beiden Eheleuten hänge der Alkoholkonsum „stark von ihrer psychischen Verfassung ab“.

Sie schaffen es nicht, zueinander zu finden. Der Mann zieht in eine Pension und sagt, dass er die Tochter nicht zu sich nehmen kann. Anfangs zahlt er Unterhalt, bis er kein Geld mehr hat. Sie steht alleine da. Ein vom Amt eingesetzter Beistand soll die Erziehung der Tochter beaufsichtigen. Vivianne G. versucht mit Antabus ihr Trinken in den Griff zu kriegen. Antabus hemmt den Abbau von Alkohol in der Leber. Wer es nimmt und trinkt, den bestraft der eigene Körper. Bereits wenig Alkohol löst Haut-rötungen, Kältegefühl in den Armen und Beinen und Übelkeit aus, bis zu Herzrasen. Es gibt Tage, an denen trinkt sie trotzdem.

Als die Tochter Amanita fünf Jahre alt ist, fängt sie an, sich in die Hose zu machen. Sie malt Bilder von roten Ampeln. Vivianne G. findet, die Tagesmutter betreue ihr Kind nicht richtig. In der Gruppe sind ältere Kinder, sie fahren ihrer Tochter mit dem Fahrrad davon. Sie versucht, Amanita bei Freunden unterzubringen. Oder sie bleibt zu Hause und geht nicht zur Arbeit.

20 Franken Nothilfe

Ihren Job im Hotel verliert die Mutter. Im Jahr 2006 soll sie ein Sozialprogramm in einem Werkszentrum zurück den Arbeitsmarkt bringen. Aber dort erscheint sie oft nicht und sagt, sie sei krank gewesen oder habe auf ihre Tochter aufpassen müssen. Sie lehnt auch ab, am Wochenende zu arbeiten. Dann schmeißt sie auch diesen Job hin.

Das Sozialamt kürzt das Geld. Etwa 2.700 Franken im Monat hatte sie bis dahin erhalten. Nun müssen sie und ihre Tochter von 20 Franken „Nothilfe“ am Tag leben. Im April 2008 wendet sich Vivianne G. an die Presse. Es erscheint der bisher einzige Artikel über sie, in den „Obersee-Nachrichten“, einer Gratiszeitung. Darin berichtet sie von „Schikanen auf dem Sozialamt.“ Der Abteilungsleiter der Sozialbehörde lässt sich in dem Artikel zitieren, Vivianne G. sei „uneinsichtig“ und halte sich an „keine Regeln.“ Nothilfe gebe es für nur, weil sie ein kleines Kind zu ernähren hat.

In Deutschland würde das einer Mutter nicht passieren

Vielleicht stimmt die Diagnose des Sozialamtes: Vivianne G. ist weder besonders fleißig und zudem eigenwillig. Weil sie nicht arbeiten kann, vielleicht aber auch nicht wirklich arbeiten will. Und doch scheint es ausgeschlossen, dass in Deutschland so mit einer alleinerziehenden Mutter umgegangen würde.

191.000 Franken soll der Schweizer Staat laut Akten in den Jahren 2004 bis 2011 für Vivianne G. bezahlt haben. Aber eine Mutter von ihrem Kind zu trennen, ist auch in der Schweiz nur in extremen Situationen möglich. Die Europäische Menschenrechtskonvention, Artikel 8, schreibt die „Achtung des Familienlebens“ vor. Dort steht aber auch, der Staat dürfe eingreifen, wenn es um „das wirtschaftliche Wohl“ des Landes gehe. Juristen sprechen von Abwägung.

„Kalte Adoption wie in der DDR“

Der Berliner Anwalt von Vivianne G., Jürgen Ebbing, sagt: Was in der Schweiz passiert ist, erinnere ihn an die „kalte Adoption“, wie sie in der DDR geschah: Die Mutter werde des Landes verwiesen, ihr Kind komme in fremde Hände.

Rapperswil am Zürichsee ist ein Ort, an dem es schwer ist mit wenig Geld zu leben. In einem Supermarkt klaut Vivianne G. eine Flasche Wein und Lebensmittel für 68,40 Franken. Sie wird erwischt, bezahlt die Waren und 100 Franken Strafe. Dann bekommt Post von der Staatsanwaltschaft. Weitere 380 Franken soll sie zahlen: „150 Franken Bußgeld, 150 Franken Gebühren, 80 Franken für besondere Auslagen.“ Wenig später klaut sie wieder. Joghurt und Rotwein. Diesmal soll sie 550 Franken Strafe zahlen. Später wird es heißen, sie sei „arbeitsscheu“ und habe das Gastrecht in „schwerwiegender Weise missbraucht.“

Die Kinder sehen gepflegt aus

Am 18. Oktober 2010 ruft ein Nachbar um ein Uhr nachts die Polizei. In der Wohnung von Vivianne G. schreie ein Kind. Laut Einsatzprotokoll dauert es, bis Vivianne G. mit einer Freundin erscheint. Sie sagt, sie seien Zigaretten holen gewesen. In der Wohnung ist ihre Tochter, zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt, sowie zwei weitere Kleinkinder. Eine dritte Freundin war in der Wohnung. Alle Frauen haben getrunken. Vivianne G. lässt die Polizisten ins Kinderzimmer. Sie macht das Licht an, die Kinder wachen auf. Die Beamten notieren, die „Kinder sahen gepflegt und gesund aus (...) Sie zeigten sich weder ängstlich noch wirkten sie abgemagert.“

Eine Meldung, dass ein Kind in Gefahr ist, klingt anders. Aber das Amt droht der Mutter, ihre Tochter in Obhut zu nehmen. Vivianne G. sagt auf einem Termin in der Behörde: „In dem Land, wo ich herkomme, hilft man sich gegenseitig, man gibt seine Kinder nicht weg.“ Vivianne G. sagt heute, die Nachbarn hätten sie ausspioniert. Der Abend, als die Polizei kam, sei ein normaler Abend gewesen: Freundinnen zu Besuch um sich gegenseitig zu frisieren und über Probleme zu reden.

Zwischen Wahrheit und Wahn

Inzwischen sieht sie überall in ihrem Umfeld Rassismus. Eine Wahrnehmung zwischen Wahrheit und Wahn. Sie zieht sich weiter zurück.

Am Anfang hatte sie die Tipps zur Kinderpflege von der amtlichen Betreuerin gerne angenommen. Dann habe diese angeblich Dinge gesagt wie „Putzfrau, geh’ arbeiten.“ Sie lässt die Frau seltener in ihre Wohnung. Oft geht sie nicht ans Telefon, wenn die Behörde anruft. „Sie sieht in den Hilfestellungen eine unnötige Einmischung in die Familie“, schreibt die Kinderschutzbehörde. Die Tochter fehlt später häufiger in der Schule. Es kommt vor, dass Amanita kein Essen dabei hat.

Als sich die Eheleute am 18. Januar 2010 offiziell scheiden lassen, gibt es nicht viele Güter, über die zu streiten wäre. Der Mann erhält „sämtliche Pfannen, das Sideboard aus der Küche, das japanische Futon-Bett“, heißt es im Urteil. Einziger Streitpunkt ist der Pass der Tochter. Vivianne G. will ihn behalten. Ein Gericht entscheidet: Sie muss ihn an die Beiständin herausgeben.

Polizisten durchsuchen ihre Wohnung. Sie finden den Pass, versteckt im Kleiderschrank.

Tochter aus dem Kinderzimmer geholt

Am 12. August 2010 klingeln wieder Polizisten an der Tür. Sie spürt eine Bedrohung und will nicht öffnen. „Erst nach längerem Zureden ließ sie uns in die Wohnung“ heißt es im Polizeiprotokoll. Die Beamten fragen, wo die Tochter ist, gehen durch die Wohnung und finden das Mädchen im Kinderzimmer. Sie spielt. „Keine Diskussion“, sagen die Beamten zur Mutter, sie werden die Tochter mitnehmen. Im Protokoll steht weiter: „Nachdem wir Frau G. den Obhutsentzug eröffnet haben, änderte sich ihre Stimmung schlagartig, wir konnten sie nur mit Mühe beruhigen.“

Dieser Tag ist, als hätte der Schweizer Staat ihr den Krieg erklärt. In einer Sitzung stellen Mitarbeiter der Vormundschaftsbehörde fest, dass es der Tochter im Kinderheim gut geht. Sie schreiben: „Frau G. kann es nicht ertragen, wenn es ihrer Tochter an einem neuen Ort besser geht und setzt sie verbal unter Druck.“

Vivianne G. will ihr Kind zurück. Anwälte von „Augenauf Basel“ legen Widerspruch ein. Ohne Erfolg. In der Ablehnung schreibt die Behörde, nur dank ihrer „starken Persönlichkeit“ habe die Tochter aus den „Unzulänglichkeiten und Defiziten“ der Mutter keinen Schaden genommen. Aus dem Umfeld seien immer mehr Meldungen über Gefährdungen gekommen. Wer genau dieses „Umfeld“ ist, schreiben sie nicht. Weiter heißt es: „Erschwerend kommt hinzu, dass sie aus einem anderen Kulturkreis stammt, die deutsche Sprache nicht gut beherrscht und Mühe mit den Gepflogenheiten der Schweiz bekundet.“

Im Teufelskreis des Bleiberechts

Ein Kind aus einer Familie zu nehmen, ist für Behörden heikel. Wann greift man ein? Wer trägt die Verantwortung, wenn man nicht eingreift? Nirgends in den vielen Akten allerdings findet sich ein Hinweis, dass das Mädchen einen körperlichen oder psychischen Schaden erlitten hätte. Amanita sei „gut in die Schule integriert, sozial kompetent und intelligent.“

Die Begründungen für die Trennung von Mutter und Kind: sie erscheinen unkonkret. Wenn in Deutschland ein Kind in Obhut genommen wird, ist oft weit mehr passiert. Aber auch dann ist das Ziel, die Familie wieder zusammenzubringen. Hier wirkt es so, als habe man Gründe gesucht, sie zu trennen. Vivianne G. darf ihre Tochter nur noch alle zwei Wochen sehen. Jeweils für zwei Stunden und nur in Begleitung.

Sturz vom Balkon

Wenige Monate, nachdem ihre Tochter abgeholt wurde, stürzt Vivianne G. von einem Balkon. Sie bricht sich mehrfach das Bein.

Am 16. März 2011 tut Vivianne G. das, was einige Mütter tun, deren Kind in Obhut ist: Sie nimmt das Recht in die Hand. Sie holt ihre Tochter von der Schule ab. Wie damals, als der Streit mit ihrem Mann schlimm wurde, geht sie in ein Frauenhaus. Als Amanita im Kinderheim nicht auftaucht, rufen Betreuer bei Vivianne G. an. Sie gibt zu, dass die Tochter bei ihr ist. Wo, sagt sie nicht. Am nächsten Tag wird die Tochter zurück ins Heim gebracht. Die Mutter wird angezeigt „wegen Entziehung von Unmündigen.“ Beim Verhör schweigt sie.

Ihr Abstieg geht weiter. Zwei Monate später wird die Wohnung zwangsgeräumt. Die Zahlungen für die Miete wurden gestoppt, sie hätte sich eine kleinere Bleibe suchen müssen. Als Polizisten durch das Fenster einsteigen, finden sie in Müllsäcke verpackte Kleidung. Zu diesem Zeitpunkt lebt Vivianne G. bei Freunden. Einige Tage schläft sie auf einer Bank am Bahnhof.

Ständig beobachtet

Später wird ihr eine neue Wohnung zugeteilt. Eigentlich eine neue Chance, doch es fällt Vivianne G. schwer, darin etwas Gutes zu sehen. Seit die Polizei ihr die Tochter weggenommen hat, traut sie niemanden mehr. Ihre neue Wohnung liegt direkt neben dem Sozialamt. Sie fühlt sich ständig beobachtet.

Erneute Verwarnung: Vivianne G. soll arbeiten, wenn sie in der Schweiz bleiben will. Sie tut es nicht. Ihr größter Fehler. Als sie im Januar 2012 ihre Sachbearbeiterin auf dem Sozialamt besucht, warten dort Polizisten. Sie bringen sie ins Abschiebegefängnis. Ihr Flug nach Nairobi startet am 19. Januar. Ihre Tochter darf sie nicht mehr sehen. Sie erhält Einreiseverbot in die Schweiz bis zum Jahr 2016.

In St. Gallen geht es besonders hart zu

Brigitte Schnellmann ist Sozialarbeiterin in der Liebfrauenkirche in Zürich. Sie beobachte häufiger „schikanöse Behandlungen von dunkelhäutigen Frauen in Sozialämtern“. Im Kanton St. Gallen gehe es besonders hart zu. „Es ist, als traue man diesen Frauen grundsätzlich nicht zu, alleine für ihr Kind zu sorgen.“ Schnellmann ist es, zu der Vivianne G. im Dezember 2011 kommt, wenige Tage vor ihrer Abschiebung. „Als ich merkte, wie ernst die Lage war, wurde sie bereits zum Flughafen gebracht.“

In Nairobi wohnt Vivianne G. bei Freunden. Ihre Familie ist weiter argwöhnisch: sie glauben, dass sie einiges verbrochen haben muss, weil sie ohne Tochter nach Afrika zurück musste. Hilfe findet sie bei Peter Meienberg, 84, Schweizer, er ist Pater in Nairobi und leitet die Hilfsorganisation „Farajah“.

Aus ihrer neuen Heimat wurde Vivianne G. ausgewiesen. In ihrer alten Heimat steht sie vor verschlossenen Türen. Auf der Suche nach einem besseren Leben steht sie nun mit weniger da als zuvor.

Kein Besuch zu Weihnachten

Pater Meienberg schreibt an die Schweizer Behörden und bittet, dass Vivianne G. ihre Tochter zu Weihnachten besuchen darf. Zu diesem Zeitpunkt haben sich Mutter und Tochter bald ein Jahr nicht mehr gesehen. Der Leiter des Kinderheimes antwortet am 17. Dezember, eine Woche vor Weihnachten, ein Treffen könne nicht organisiert werden. Zumal Vivianne G. „Morddrohungen“ gegen Mitarbeiter des Kinderheimes ausgesprochen habe.

Der Krieg geht weiter. Im nächsten Brief aus der Schweiz wird angekündigt, ihr nun auch das Sorgerecht zu entziehen. Damit verliert sie nahezu alle Rechte an ihrer Tochter. „Die zwangsweise angeordnete Ortsabwesenheit sowie die daraus resultierenden Probleme, Erziehungsfragen vor Ort zu besprechen“ würden das rechtfertigen. Sie soll zu einer Anhörung in die Schweiz kommen. Auf dem Brief steht auch: „Wir empfehlen Ihnen, mit öffentlichen Verkehrsmitten anzureisen.“ Vivianne G. legt dagegen keine Rechtsmittel ein.

Im Teufelskreis

Die Schweizer Behörden folgen einer eigenwilligen Logik: Es könne nicht von einer „affirmativen“, also bejahenden Beziehung zwischen Mutter und Kind gesprochen werden. Die Tochter fühle sich im Kinderheim wohl, schreiben sie. Ein Teufelskreis, der für Bleiberechtsfragen typisch ist: Weil das Kind nicht bei der Mutter lebt, muss die Mutter nicht mit Sozialhilfe unterstützt werden. Weil die Mutter ihre Tochter selten sieht, greift die Menschenrechtskonvention zum Schutz der Familie nicht.

Ohne Sorgerecht kein Aufenthalt, ohne Aufenthalt kein Sorgerecht.

Der Berliner Anwalt von Vivianne G., Jürgen Ebbing sagt: „Die Behörden haben hier einen Tatbestand geschaffen, um auf dieser Grundlage die Abschiebung erst zu ermöglichen.“ Die Menschrechtsgruppe „Augenauf Basel“ sagt, Vivianne G. müsse die Chance haben, in der Nähe der Tochter zu leben. Ansonsten werde ihr Rechtsanspruch auf die Führung eines Familienlebens obsolet.

Flucht nach Deutschland

Im Februar 2012 darf Vivianne G. doch in die Schweiz, ihr Einreiseverbot wird für zwei Wochen ausgesetzt. Für den Sorgerechtstermin auf dem Amt, aber auch damit sie ihre Tochter sehen kann. Sozialarbeiterin Schnellmann von der Liebfrauenkirche in Zürich zahlt den Flug. Wenn sie ihre Tochter im Heim besucht, ist immer ein Aufpasser dabei. Zum letzten vereinbarten Treffen mit der Tochter erscheint sie nicht. Sie sagt heute, ihre Tochter habe sie damals gewarnt, dass Polizisten im Heim seien. Sie hätte Angst gehabt, erneut abgeschoben zu werden und flieht nach Deutschland.

Ein Unbekannter bringt Vivianne G. mit dem Auto nach Köln, von dort reist sie nach Eisenhüttenstadt und beantragt Asyl.

„Meine Mutter hat gesagt, ich soll“

In einer Mail schreibt eine Betreuerin aus dem Heim, Vivianne G. habe ihre Tochter beim letzten Treffen unter Druck gesetzt. Amanita habe auf Weisung der Mutter einen Brief schreiben müssen, dass sie aus dem Heim will. Das aber habe die Tochter gar nicht gewollt und nach dem Abschied von der Mutter lange geweint. Deshalb habe Amanita „in Absprache mit ihrer Bezugsperson“ einen weiteren Brief geschrieben.

„Ich wollte nicht den Brief schreiben meine Mutter hat gesagt ich soll. Und mitt „hol mich hir raus“ war sie zufrieden und ich weiss nicht ob es richtig war. Jedenfalls will ich nicht hier weg oder in ein anderes Heim“.

Unter diesen Zeilen steht der Name des Mädchens und ein Datum. In einem Sorgerechtsstreit landet das, was ein Kind malt, in Aktenordnern von Anwälten. Amanita hat auch Schönes gemalt: Einen Geburtstagsgruß für die Mutter, den auch andere Kinder unterschrieben haben.

Anrufe werden nicht durchgestellt

In der internen Mail des Kinderheims steht, Anrufe der Mutter würden nicht mehr durchgestellt, um die Tochter zu schützen. Vivianne G. ruft in diesen Tagen oft im Heim an, die Mitarbeiter fragen sie, wo sie sich aufhält. Doch zu diesem Zeitpunkt ist sie untergetaucht. Wenn Mitarbeiter des Kinderheimes auch Angst vor der wütenden Mutter haben, es wäre verständlich. In E-Mails an das Heim schreibt sie Sätze wie: „Dont´worry your slave will get back to her mother soon.“ Die Präsidentin der Kinderschutzbehörde schreibt am 25. April 2013 eine Mail an die Sachbearbeiterin „A-K“ im Ausländeramt des Kanton St. Gallen. Der Zustand sei unhaltbar. Sie fragt: „Wie kann die Ausweisung der Kindsmutter so bald wie möglich erfolgen???“ Die Antwort: man suche bereits nach ihr.

Die Mutter einfach aus dem Land zu schaffen, für viele Probleme wäre es die einfachste Lösung.

„Die Intelligenz hat sie von mir“

Im Café in Kreuzberg sieht man Vivianne G. an, dass ihre Kräfte am Ende sind. Immerhin geht sie regelmäßig zu einer Therapeutin. Der Leiter des Kinderheimes darf auf Anfrage der Morgenpost nicht sagen, wie es der Tochter geht. Die Tochter werde in der Schweiz „vollumfänglich“ vertreten, teilt der Leiter höflich mit. Inzwischen telefoniert sie wieder regelmäßig mit der Tochter. „Aber oft hört ein Betreuer mit.“

Vor einiger Zeit hatte Vivianne G. die Phantasie, dass ihre Tochter beim Schwimmunterricht fast ertrunken ist. Der Vater, Peter G., sagt dagegen am Telefon, der Tochter gehe es „supergut“. Sie habe Rollerblades und laufe Ski. Zu Weihnachten habe er ihr einen Tablet-Computer geschenkt. Damit könne die Tochter per Video mit der Mutter telefonieren. Amanita sei gut in der Schule und begabt im Zeichnen.

Er sagt: „Die Intelligenz hat meine Tochter von mir.“

Seit einem Jahr trinke Peter G. nicht mehr. Er will das Sorgerecht für seine Tochter zurück und dürfte gute Chancen haben. Auch ohne Job. Weil er Schweizer ist. Mit seiner Ex-Frau hat er lange nicht gesprochen. Peter G. sagt aber: „Es wäre völlig in Ordnung, wenn die Mutter in der Nähe von unserer Tochter lebt.“

„Recht eklatant missachtet“

Die Menschenrechtsgruppe „Augenauf Basel" schreibt, das Recht der Mutter sei „eklatant missachtet“ worden. Auch das Recht der Tochter, ihre Mutter zu sehen, werde „Interessen des Landes“ nachgeordnet. Es sei ein Verstoß gegen Artikel 8 der Menschenrechtskonvention. Eine Anwältin kümmert sich im Auftrag von „Augenauf Basel“ in der Schweiz um den Fall. Auch der Berliner Anwalt Jürgen Ebbing will mit den Rechten der Tochter argumentieren: In Deutschland hat ein Kind bis zum 16. Lebensjahr Anspruch auf Umgang mit beiden Eltern. „Dafür ist die Anwesenheit der Mutter erforderlich.“ Auch die Berliner Härtefallkommission könnte der Mutter ein Bleiberecht gewähren. Aussicht auf politisches Asyl hat sie nicht. Ebbing geht davon aus, dass sich die Verfahren in beiden Ländern vor dem Europäischen Gerichtshof treffen werden.

Die Kinderschutzbehörde Rapperswil schreibt: „Den Anforderungen von Artikel 8 ist genüge getan, wenn das Besuchsrecht in Form von Kurzaufenthalten ausgeübt wird.“

Vor ein paar Wochen kam die Nachricht, dass die Behörden Vivianne G. erneut einen Besuchstermin für ihre Tochter einräumen wollen. Die Mutter sammelt nun Geld, um in die Schweiz reisen zu können. Doch sie hat Angst, dass sie dort wieder Polizisten in ein Flugzeug nach Kenia setzen.

Seit einer Woche liegt sie im Doppelzimmer eines Berliner Krankenhauses. Die Bauchschmerzen sind schlimmer geworden. „Verdacht auf Nierensteine“, sagt sie. Es klingt müde.

Foto: Steffen Pletl