Mahnwachen in Berlin

TU-Umfrage – Montagsdemonstranten weder links noch rechts

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Foto: Reto Klar

Hippies, Spinner, Nazis? Laut einer Umfrage der Technischen Universität Berlin sind die Teilnehmer der Montagsdemonstrationen überwiegend weder links noch rechts, aber zum Teil antisemitisch.

Als der Berliner Organisator Lars Mährholz im Frühjahr zu den ersten „Montagsmahnwachen für den Frieden“ aufrief und die Protestmenge wechselweise auf dem Potsdamer Platz und am Brandenburger Tor rasch mehrere Tausend Teilnehmer zählte, war das Rätselraten groß: Wer sind diese Menschen und was wollen sie?

Populistische Redner brachten die Montagsdemonstrationen in den Ruf, sich zu einer neurechten Bewegung zu formieren. Anlass für ein Team von Wissenschaftlern der Technischen Universität Berlin, Herkunft und politische Einstellung der Teilnehmer zu untersuchen. 306 von rund 1000 angesprochenen Demonstranten nahmen an ihrer Umfrage teil.

„Uns überraschte, dass viele Indikatoren eher für eine starke Linksorientierung sprachen“, sagt Soziologe Peter Ullrich. Demnach ordnen sich 38 Prozent der Befragten links ein, 22 Prozent sehen sich in der politischen Mitte und nur zwei Prozent rechts davon. Der überwiegende Teil aber (39 Prozent) wollte sich keiner Position zuordnen – „wir sind weder links noch rechts“ hat Mährholz zum Mantra der Bewegung erkoren.

Dennoch, so Ullrich, sei der Vorwurf einer Rechtslastigkeit nicht unberechtigt. Das zeige sich in konkreten Fragen: So stimmten 33,8 Prozent überwiegend oder ganz der Aussage zu „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“. Und 27,3 Prozent hielten die Behauptung, „die Zionisten haben sich weltweit an die Hebel der Macht gesetzt und lassen nun Politik, Börse und auch die Medien nach ihrer Pfeife tanzen“, für überwiegend oder ganz zutreffend. Antizionistisch-antisemitische, antiamerikanische und verschwörungstheoretische Ansichten seien verbreitet. Die Demonstrationen böten Potenzial für eine rechtspopulistische Einflussnahme. „Aber sie klar als rechtsextrem einzuordnen, verbietet sich“, so Ullrich.

Viele Montagsdemonstranten wurden über soziale Netzwerke mobilisiert

Im Vergleich zum Durchschnitt der Gesamtbevölkerung sind die Teilnehmer der „Mahnwachen“ überwiegend männlich (70 Prozent), der Anteil der 25- bis 39-Jährigen ist mit 50 Prozent mehr als doppelt so hoch. Die größte Gruppe sind Arbeiter, Angestellte und Beamte (37,6 Prozent).

80 Prozent der Befragten wurden über soziale Netzwerke im Internet mobilisiert – darin ähneln die Montagsdemonstrationen den Occupy-Protesten gegen den Einfluss von Banken im Jahr 2011. Geht es nach den Wissenschaftlern, dürfte sich bald noch eine weitere Gemeinsamkeit zeigen: „Wir wären nicht überrascht, wenn das Phänomen sehr bald versanden würde“, sagt Protestforscher Dieter Rucht. „Die Beteiligung nimmt bereits ab.“

( cke )