Hauptstadtvermarkter

Hype um Berlin ist das Ergebnis harter Arbeit

Vor 20 Jahren gründeten sich die Hauptstadtvermarkter Berlin Partner. Die Beliebtheit der Stadt ist auch ihr Verdienst. Richtig los ging es mit dem Sommermärchen der Fußball-WM 2006.

Foto: Reto Klar

Die Mauer war erst kurz zuvor gefallen, der Umzug von Regierung und Bundestag nach Berlin lag noch in weiter Ferne, in der Stadt klafften die Baulöcher. Berlins Bewerbung für die Olympischen Spiele 2000 war 1993 blamabel gescheitert.

Die Notwendigkeit, für Berlin zu werben und die werdende Hauptstadt besser in den Köpfen zu verankern, war offensichtlich geworden. Diese Gedanken hatte nicht nur der Senat, sondern auch zehn große deutsche Unternehmen. 1994 legten Lufthansa, Daimler, Bahn & Co je 300.000 Mark auf den Tisch, um in die Hauptstadtwerbung einzusteigen. Aus der Olympia 2000 GmbH wurde die Partner für Berlin GmbH.

„Berlin wurde hauptsächlich durch Tourismus definiert, darum wollten wir mit Partner für Berlin auch dem Wirtschaftspotenzial der Hauptstadt ein Gesicht geben“, erinnert sich Heinz Dürr. Er führte den Aufsichtsrat von 1994 bis 2005. Ihm folgten Rolf Eckrodt und Holger Hatje.

Nachhaltiger Einfluss auf die Berliner Wirtschaft

Wohl kaum eine Organisation aus der Nachwendezeit hat einen so nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der Berliner Wirtschaft und Wirtschaftspolitik genommen wie die als Marketingnetzwerk gegründeten Partner, die in diesem Jahr 20 Jahre alt werden.

Die Basis legten auch berlinfreundliche Menschen von außerhalb wie der schwäbische Unternehmer Heinz Dürr. Als Bahnchef sorgte er dafür, dass sich das bundeseigene Unternehmen stark in Berlin engagierte. Dem Beispiel folgten viele andere. Heute gibt es 227 Berlin-Partner, die sich mit Geld und Sachleistungen beteiligen.

Berlin profitiert von WM 2006

„Wir haben die Alleinstellungsmerkmale Berlins gesucht“, beschreibt der 81-jährige Dürr die Aufgaben der Anfangszeit. Dabei haben die Pioniere der Partner selber eines geschaffen. Denn eine von Firmen und der Stadt getragene Wirtschaftsförderung, wie sie sich über die Jahre entwickelt hat, gibt es in kaum einer anderen Metropole.

Richtig in Schwung kamen die Partner für Berlin, nachdem Dürr als Aufsichtsratschef 1996 den vormaligen Senator für Stadtentwicklung und Kultur, Volker Hassemer, als Geschäftsführer engagierte. „Mit ihm ging es richtig los“, sagt der frühere Automanager Rolf Eckrodt, Aufsichtsratschef von 2005 bis 2008, anerkennend. In seine Amtszeit fiel das Sommermärchen der Fußball-WM 2006, das Berlins Image den wohl wichtigsten Schub verlieh. „Da klappte einfach alles“, sagt Eckrodt.

Doch zuvor war Aufbauarbeit nötig. Hassemer erwies sich als Maschine von Ideen, von denen heute noch viele die Agenda der Stadt prägen. Partner für Berlin erfand die „Schaustelle“, bei der Bürger und Touristen Baustellen betrachten konnten. Im Format „Berliner Meisterköche“ präsentierte sich die aufstrebende Berliner Spitzengastronomie.

Schon damals hip und „very interesting“

1999 lud der regierende Bürgermeister erstmals zum Hoffest ein. Seit Hassemers Zeiten drängen sich Menschen zu Langen Nächten in die Museen, inzwischen hat dieses Format in Wissenschaft, Stadtnatur oder Industrie zahlreiche Ableger gefunden. Berlin war schon damals hip, dank seiner Szene und Kreativität. Einmal war Dürr in Irland. Dort erwähnte er in einem Meeting die Love Parade. „One million people, they make love“, beschrieb der Schwabe das Phänomen. Die Iren sagten: „Very interesting“. Acht Wochen später kamen 60 Unternehmer und Investoren mit einem Sonderflug der Lufthansa nach Berlin.

Den Partnern für Berlin und ihren umtriebigen Führungskräften war das reine Marketing bald nicht mehr genug. Hassemer begann, mit Firmen auch über eine mögliche Ansiedlung in Berlin zu sprechen. So stellte sich alsbald die Frage, wie denn die als öffentlich-private Partnerschaft organisierten Hauptstadtvermarkter mit der Wirtschaftsförderung des Senats kooperieren sollten. 2005 war die Debatte entschieden. Partner für Berlin und Wirtschaftsförderung fusionierten zur Berlin Partner GmbH.

„Das Silicon Valley werden wir so schnell nicht“

Unter der Regie des Wirtschaftssenators Harald Wolf von der Linken hatte Berlin seine Unterstützung für Unternehmen teilprivatisiert. Und die neue Organisation, die Wirtschaftsförderer von Berlin Partner, übernahm sogar noch die Aufgabe, Bestandsunternehmen zu betreuen. Vorher hätten das Senat und Bezirke leisten sollen. De facto fand es aber kaum statt, wie im Aufsichtsrat häufig beklagt wurde. „Herr Wolf hat das erkannt“, lobt Holger Hatje. Der Vorstandschef der Berliner Volksbank ist seit 2008 Aufsichtsrat des Unternehmernetzwerkes, das einer der Hauptgesellschafter von Berlin Partner ist. „Jetzt ist es besser geworden“, sagt der Banker.

Abgerundet wurde das Portfolio der Berlin Partner mit dem Zusammenschluss mit der Technologiestiftung. Damit soll es zunächst genug sein mit weiteren Fusionen. Die nächste Stufe bestehe darin, all das mit aufzunehmen, was sich an Internetwirtschaft und Start-ups in Berlin so entwickelt, sagt Hatje. Mit realistischen Zielen. „Das Silicon Valley werden wir so schnell nicht. Die sind uns 30 Jahre voraus.“ Aber Berlin Partner könne mit Delegationsreisen und Beratung dazu beitragen, eine Plattform zu schaffen, über die sich Neuankömmlinge leicht ein Bild vom Geschehen in Berlin gewinnen könnten.

Lieber im Club als im Büro

Dass die Stadt sich weiter positiv entwickeln wird, davon sind die drei Manager Dürr, Eckrodt und Hatje überzeugt. „Ich hoffe, der Berlin-Hype geht nie zu Ende“, sagte Hatje. Dafür spreche die Geschichte der Stadt und ihre Funktion als Schmelztiegel zwischen Ost und West. Der wahre Kampf der Standorte sei ein Kampf um die Köpfe. Und da habe Berlin gute Voraussetzungen. Das sieht auch Eckrodt so, der international vernetzte frühere Auto-Manager und Mitsubishi-Chef. „Die Stadt lebt nicht von arrivierten Unternehmen“, benennt er einen Vorteil in Zeiten wirtschaftlicher und technologischer Umbrüche. „Mir ist nicht bange um Berlin.“ Schon allein die Lebensqualität: „Da kommt keiner mit.“

„Ein Flughafen gehört definitiv dazu“

Die Manager üben auch Kritik an Senat und Politik. Berlin erscheint ihnen nicht besonders gut gemanagt, im Kleinen wie im Großen. „Es besteht die große Gefahr, dass die Stadt die Kernanliegen der Wirtschaft aus dem Blick verliert“, sagt Dürr. Eckrodt vermisst „Inspiration aus der politischen Ecke“. Hatje verweist auf das Flughafenproblem und weitet das BER-Debakel auf die Infrastruktur aus. „Die Mobilität muss gewährleistet sein, da gehört ein Flughafen definitiv dazu“, sagt er.