Digitalfunk

Die Berliner Polizei ist gefangen im Funkloch

Die Probleme bei der Einführung des Digitalfunks in Berlin haben Folgen: Immer mehr Polizeiführer fordern, das bislang genutzte analoge Funksystem zu behalten - weil die Schwierigkeiten zu groß seien.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Nach dem Bekanntwerden massiver Probleme bei der Einführung des Digitalfunks fordern immer mehr Polizeiführer hinter vorgehaltener Hand die vorübergehende Beibehaltung des bisher genutzten analogen Funksystems. Die Schwierigkeiten seien zu groß, als dass sich die Hauptstadt ab 2015 ausschließlich auf die digitalen Geräte verlassen könne.

Man brauche das alte System, um notfalls darauf zurückgreifen zu können. Wie berichtet hatte ein Probelauf mit dem Digital-Funk Ende Mai zahlreiche Probleme zutage gebracht, bereits vor zwei Monaten war ein Versuch nach schon zwei Minuten abgebrochen worden. Laut Vorgabe des Bundesinnenministeriums sollen alle Länder ab dem 1. Januar 2015 digital funken. In der Polizei mehrt sich nach Informationen der Berliner Morgenpost die Kritik an dem geplanten Netz.

Wie diese Zeitung erfuhr, hatten während des zweitägigen Versuchs Polizeieinheiten immer wieder auf das alte System zurückgegriffen, weil sie sonst keinen Kontakt mit der Leitstelle oder Kollegen halten konnten. Ein Funkloch hatte es im Bereich des Abschnitts 41 in Schöneberg gegeben. In einem internen Schreiben wendet sich ein Mitarbeiter der "Landesstelle für den Digitalfunk" an die betroffenen Beamten.

"Wir befinden uns in der Steinzeit"

Wörtlich heißt es dort: "Mir ist bewusst, dass es bereits ausreichend Probleme, Risiken und teilweise nicht unerhebliche Gefahren schon allein im Rahmen des täglichen Dienstes zu bewältigen gilt. Um so kritischer ist es, wenn das Führungs- und Einsatzmittel Funk nicht in dem erforderlichen Maße zur Verfügung steht, um das professionelle Arbeiten stets gewährleisten zu können. Die von Ihnen benannten Bereiche befinden sich in einer so genannten Priorisierung. Maßnahmen, die zur Behebung der beschriebenen Missstände beitragen, sind bereits für das kommende Jahr vorgesehen." Dort liegt nach Einschätzung eines Polizeiführers das Problem: "Im kommenden Jahr werden die analogen Frequenzen abgeschaltet, weil sie an andere Nutzer verkauft wurden. Wir befinden uns in der Steinzeit, wenn der Digitalfunk ab dem 31. Dezember nicht funktioniert."

Darauf scheint es nach vorliegenden Einsatzberichten hinauszulaufen. So beschreiben Beamte, dass während eines Einsatzes wegen ausströmenden Gases, bei dem Lokale und ein Haus evakuiert werden mussten, über Minuten keine Reaktion auf einen "Sprechwunsch" kam. In anderen Dokumenten steht, dass am 27. Mai um 15 Uhr der Sprechwunsch einer Einheit mehrfach angezeigt wurde. Später ging von einer anderen der Funkspruch erst nach vier Minuten heraus.

Ferner vermerken Verantwortliche, dass es während des Probelaufs zeitweise keine Verbindung zu "den Streifen und umgekehrt" gab. Um 19 Uhr waren Verbindungen erst nach erneutem Anschalten der Geräte möglich. Die Rede ist von "keinem Verbindungsaufbau", trotz gedrückter Sprechtaste wurde ein Sachverhalt bruchstückhaft empfangen. Mehrfach wurde vermerkt: "Aufgrund umfangreicher Probleme Umschalten auf analog."

Störungen bei Regen

Laut einem Polizeibeamten gab es während des Tests Sendeprobleme beim Absetzen von Meldungen, bei Regen und Schlechtwetter verringere sich die Sprachqualität. So genannte Statusmeldungen – sie gehen automatisiert heraus und beschreiben stichwortartig das Agieren der Beamten – würden verzögert oder gar nicht übertragen. "Diese Probleme sind nicht in sieben Monaten zu beheben. Wir brauchen die analoge Rückfallebene, weil es sonst bereits in der Silvesternacht zur Katastrophe kommt."

Einer der Gründe, auf ein digitales Funksystem umzuschalten, ist die vermutete Abhörsicherheit. Einem Beamten zufolge wurde allerdings bereits im Sommer 2011 in Aachen mit einem Notebook samt Soundkarte und "relativ simpler Software" das Funksystem geknackt. Auch das Argument, dass der Digitalfunk sabotagesicher sei, ziehe nicht. "Während der Mai-Krawalle 2012 wurde der damals genutzte Digitalfunk in Kreuzberg mehrfach über Stunden vorsätzlich gestört", so der Insider. Meldungen über gefundene Rohrbomben könnten demnach nur "stark verzögert" weitergeleitet werden.

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