Kirchen in Berlin

Rumänisch-orthodoxe Gemeinde baut sich eine neue Kirche

Vor vier Jahren stürzte während Bauarbeiten das Dach der rumänisch-orthodoxen Kirche in Berlin ein. Der Pfarrer und ein Kirchenmitglied starben dabei. Nun bekommt die Gemeinde eine neue Kirche.

Foto: Massimo Rodari

Ein bisschen unwirklich sieht sie aus, neben der fünfspurigen Heerstraße, zwischen Ein- und Mehrfamilienhäusern: die Kirche mit den weit überstehenden roten Dächern, dem großen und den drei kleineren Türmen und den goldenen Kreuzen. Und wenn Pfarrer Clement Lodroman über seine Kirche spricht, scheint es, als könne selbst er es gar nicht glauben, dass sie da ist. Lange haben die orthodoxen Rumänen in Berlin auf eine eigene Kirche gewartet. Schon einmal, vor 70 Jahren, hatten sie für kurze Zeit ein Gotteshaus. Im August 1943 kaufte die Gemeinde die Jerusalemkirche in Kreuzberg. Nach einem aufwendigen Umbau feierte sie dort am 24. Januar 1945 die erste heilige Messe. Nur einen guten Monat später, am 2. März, wurde die Kirche bei einem Bombenangriff zerstört. Seitdem war die Gemeinde obdachlos.

Der Pfarrer und ein Helfer starben

Deshalb sah sie es als ein ganz besonderes Zeichen, als die Baugenehmigung für die neue Kirche an der Heerstraße genau am 2. März 2009 eintraf. Am 64. Jahrestag der Zerstörung sei der Brief gekommen, in dem der Kirchenneubau so genehmigt wurde, wie sich die Gemeinde ihn gewünscht hatte, erzählt der Pfarrer: mit dem 27 Meter hohen Turm, den halbrunden Abschlüssen an beiden Enden des 24 Meter langen Kirchenschiffs und den herabgezogenen Dächern. Eine Bauweise, die an die Klöster in der Nordmoldau erinnert.

„Sie gehören zum Unesco-Weltkulturerbe, und unsere Kirche ist die einzige außerhalb Rumäniens mit dieser Architektur“, sagt Clement Lodroman. Der Mönch ist seit dem Jahr 2009 der Pfarrer der Gemeinde „Die Heiligen Erzengel Mihail und Gavriil“. 2006 kaufte die Gemeinde das Grundstück an der Ecke Heerstraße/Ortelsburger Allee. Der Versuch, eine Kirche zu erwerben und umzubauen, war zuvor gescheitert. Stattdessen besaß die Gemeinde nun einen ziemlich heruntergekommenen Nachkriegsbungalow, den sie erst einmal zu einer kleinen Kapelle für ihre Messen umbaute.

„Hilfe“ von der rumänischen Regierung

Beim Grundstückskauf hatte die rumänische Regierung „geholfen“, wie es Pfarrer Lodroman formuliert: eine Art Entschädigung dafür, dass Rumänien der Sprengung der Jerusalemkirche 1961 zugestimmt hatte, weil der sozialistische Staat mit einer Kirche im Westteil Berlins nichts anfangen konnte. Der Kirchenbau jedoch muss weitestgehend mit Spenden finanziert werden.

Deshalb entschied man 2006, so viele Arbeiten wie möglich selbst zu übernehmen. Wände wurden gestrichen, Böden verlegt. Pfarrer Constantin Mihoc und andere Gemeindemitglieder wagten sich auch an größere Aufgaben. Am 4. August 2009 begannen sie morgens mit Abrissarbeiten am Dach. Am Abend gingen fast alle Helfer nach Hause, nur der Pfarrer und ein anderes Gemeindemitglied arbeiteten weiter. Sie wollten noch die Giebelwand abtragen. Um kurz nach sieben Uhr passierte jenes Unglück, das wohl für immer mit der Geschichte der Kirche verbunden sein wird. Die Giebelwand stürzte in die falsche Richtung. Sie begrub die Männer unter sich, beide waren sofort tot. An sie erinnern heute zwei Bilder in der Kapelle nebenan. „Wenn jemand hier ist, zünden wir immer Kerzen davor an“, sagt Mihocs Nachfolger.

Taufe in der Regentonne

Bis die Gemeinde in den großen Bau umzieht, wird es noch dauern. Wichtig sei erst einmal gewesen, dass die Kirche ein Dach bekommt, sagt Clement Lodroman. Im Inneren ist sie weiter eine Baustelle. Die etwa 100 Gläubigen, die regelmäßig zur Messe kommen, treffen sich in der Kapelle. An den Seiten stehen einige Stühle für Gottesdienst-Besucher, die nicht lange stehen können. In einer Ecke steht eine grüne Plastikregentonne. Es soll irgendwann ein schöneres Becken geben, bis dahin werden erwachsene Täuflinge in der Tonne untergetaucht.

Der Altar verbirgt sich hinter Vorhängen, die zum Gottesdienst aufgezogen werden, davor hängen die Ikonen, die das Leben Jesu Christi und der Mutter Gottes erzählen, und Bilder der beiden Heiligen Michael und Gabriel, nach denen die Gemeinde benannt ist. Auch die Ikonen sollen nicht mit in die Kirche umziehen, es wird neue geben, „in Holz geschnitzt“, sagt der Pfarrer, „aber das kommt später“. Später soll auch ein Gemeindezentrum gebaut werden, eine kleine Wohnung für den Pfarrer wird es geben, einen Raum für Kinder- und Jugendgruppen.

Wann „später“ sein wird, weiß der Pfarrer nicht. Er hat erst einmal eine Wohnung in Spandau bezogen, als er als Nachfolger des verunglückten Pfarrers nach Berlin kam. Die Aufgabe ist groß: Neben der Seelsorge für die Berliner Gemeindemitglieder kümmert er sich auch um die Gläubigen in Nordostdeutschland.

Rund 800 Menschen gehören in Berlin zur rumänisch-orthodoxen Gemeinde. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren kaum gestiegen, obwohl die Zahl der Rumänen in Berlin insgesamt um fast 34Prozent gewachsen ist. Sie gehören aber überwiegend anderen Gemeinden an. Viele Mitglieder spenden regelmäßig, „aber eine Kirchensteuer gibt es nicht“, sagt der Pfarrer. „Wir sind keine reiche Gemeinde“, so Clement Lodroman, „und trotzdem geben die Menschen Geld für unsere Kirche.“ Um einen Ort zu schaffen, „der würdig ist und schön für Gott“.

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