Saudi-Arabien

Saudische Regierung plant eigenes Viertel in Berlin

In Westend baut Saudi-Arabien eine Schule für Diplomatenkinder und ein eigenes Wohngebiet für Botschaftsmitarbeiter. Das Projekt ist dem Königreich so wichtig, dass es diplomatischen Druck machte.

Foto: Anette Nayhauß

Ein Stück Saudi-Arabien in Berlin: Die saudische Regierung plant in Westend eine Schule für Botschaftskinder und ein Wohnviertel für ihre Diplomaten. Die Schule wird auf dem Gelände der ehemaligen städtischen Kita Glockenturmstraße in der Nähe des Olympiastadions gebaut. Seit dem Auszug der Kinder und Erzieher im Sommer 2006 steht das Gebäude weitgehend leer. Die saudische Regierung hat es im Jahr 2010 gekauft, um dort eine Schule einzurichten. Nach Angaben der saudischen Botschaft wird „nach der Genehmigung durch die deutschen Behörden mit dem Bau begonnen“, die Bauzeit werde voraussichtlich bei 18 bis 24 Monaten liegen.

Im April 2011 hat das Königreich Saudi-Arabien auch das nahegelegene Grundstück zwischen Angerburger und Tharauer Allee gekauft. Dort sollen nach Angaben der Botschaft Wohnungen für Diplomaten gebaut werden. Sowohl über den Kaufpreis für das Grundstück und das Gebäude an der Glockenturmstraße als auch für die Brache an der Tharauer Allee haben Käufer und Verkäufer Stillschweigen vereinbart.

Das Gebäude an der Glockenturmstraße war zunächst als Kinderheim, dann als Kita genutzt worden. 2006 wurde die Kita geschlossen, Grundstück und Gebäude gingen an den Liegenschaftsfonds, der es zum Verkauf anbot. Im Oktober 2009 wurden die Verhandlungen mit dem Königreich Saudi-Arabien bekannt. Im April 2010 stimmte das Abgeordnetenhaus dem Verkauf zu. Mehrere Medien berichteten damals, es habe massiven diplomatischen Druck gegeben, da sonst mit einer Beeinträchtigung der deutsch-saudischen Beziehungen zu rechnen sei.

Saudische Lehrpläne

Um die saudische Schule in Bonn, die König-Fahd-Akademie, hatte es 2003 Diskussionen gegeben: In der Moschee der Akademie war zum Heiligen Krieg aufgerufen worden. Als die nordrhein-westfälischen Behörden daraufhin die Schulbücher übersetzen ließen, stellten sie fest, dass diese Gewalt verherrlichten. Auch in Berlin gibt es schon eine König-Fahd-Akademie. Laut Senatsschulverwaltung handelt es sich um eine sogenannte Ergänzungsschule, die nicht als Ersatz für eine öffentliche Schule dient. Die Schulpflicht könne dort nicht absolviert werden, die Schule unterrichte nach saudischen Lehrplänen und unterstehe nur in „sehr eingeschränkter Form“ der Schulaufsicht. Deshalb dürfe die Schule nur von Kindern mit Diplomatenstatus und von nicht dauerhaft in Berlin wohnenden Kindern besucht werden.

Nach Angaben der saudischen Botschaft hat die König-Fahd-Akademie in Berlin derzeit etwa 170 Schüler. Zu der Zahl der Schüler, die die Schule an der Glockenturmstraße besuchen sollen, gab die Botschaft keine konkrete Antwort. Dies hänge von der Kinderzahl der Diplomaten ab. Platz genug für mehr Schüler wäre an der Glockenturmstraße: Das Grundstück ist etwa 9000 Quadratmeter groß, das bisherige Gebäude hat etwa 6000 Quadratmeter Nutzfläche. Die Schule soll Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 18 Jahren offenstehen, nach Angaben der Botschaft werden „hauptsächlich Kinder von saudischen Diplomaten akzeptiert“. Ob auch Kinder von Nicht-Botschaftsangehörigen angenommen würden, sei noch offen: „Es hängt davon ab, ob sich das eingeführte Internationale Baccalaureat etabliert“. Das IB ist ein international anerkannter Schulabschluss.

Diplomatenviertel statt Generationenhaus

In unmittelbarer Nähe der Kita ist das Wohnviertel für die Diplomaten geplant. Auf Fragen nach der geplanten Zahl der Wohnungen und der Bauzeit teilte die Botschaft lediglich mit, dies hänge von den Vorstellungen und Empfehlungen des Architekten und Ingenieurs ab. Dies gelte auch für die Frage, ob ausschließlich Wohnungen entstehen. Fest stehe hingegen, dass die Wohnungen und Häuser Botschaftsmitarbeitern vorbehalten sein soll. Charlottenburg-Wilmersdorfs Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Marc Schulte (SPD), nennt konkretere Zahlen: 50 bis 60 Wohnungen würden auf der bisherigen Brache an der Tharauer Allee gebaut.

Das Grundstück, auf dem nun das Wohnviertel entstehen soll, verkaufte das städtische Wohnungs-Unternehmen Gesobau im April 2011 an die saudische Regierung. Zunächst war es 2009 im Rahmen des Projekts „GenerationenWohnen“ für Baugruppen ausgeschrieben worden. Laut Ausschreibung sollten soziale und ökologische Aspekte bei der Vergabe im Vordergrund stehen, die Kaufpreisvorstellung für das 6750 Quadratmeter große Grundstück lag bei bei gut 2,2 Millionen, gut eine Million unter dem damaligen Bodenrichtwert. Es habe mehrere Anfragen und Kaufpreisverhandlungen gegeben, teilte Gesobau-Sprecherin Kirsten Huthmann mit: „Leider scheiterten dieses für dieses Grundstück an fehlenden realisierbaren Konzepten seitens der Baugruppen.“ Die Nachfrage sei zu dem Zeitpunkt verhalten gewesen. Nachdem das Verkaufsverfahren für die Baugruppen gescheitert sei, hätten die wenigen Bieter „nach Wirtschaftlichkeitskriterien“ beurteilt werden müssen. So bekam das Königreich Saudi-Arabien den Zuschlag – und Westend ein neues Wohnviertel.

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