Klimaforscher

Jugendliche sollen sich stärker mit Klimawandel beschäftigen

Hans Joachim Schellnhuber zählt zu den führenden Klimaforschern. Im Interview fordert der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung die junge Generation auf, sich stärker einzumischen.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Berliner Morgenpost: Herr Professor Schellnhuber, das Thema Erderwärmung ist in letzter Zeit etwas in den Hintergrund geraten – beunruhigt Sie das?

Hans Joachim Schellnhuber: Ja und nein. Es gibt viele ernste Themen, die uns beschäftigen müssen, da kann es nicht jeden Tag eine Schlagzeile zum Klimawandel geben. Dieser wird immer dann wieder diskutiert, wenn sich neue Einsichten einstellen. Dennoch besorgt es mich, weil wir beim Klimawandel noch weniger Zeit haben als bei anderen wichtigen Herausforderungen. Weltweit sollten die Gesamtemissionen an Treibhausgasen bis 2020 ihren Scheitelpunkt erreicht haben und danach sinken. Weil die Problematik eine solche Dringlichkeit hat, ist es so wichtig, dass sich diejenigen, die besonders betroffen sind, nämlich die jungen Leute, um ihre Zukunft selbst kümmern.

Was kann in dieser Situation ein Weltjugend-Nachhaltigkeitsgipfel bringen?

Der Nachwuchs interessiert sich erstaunlicherweise bisher recht wenig für dieses Thema, obwohl die heutige Jugend nach unseren Prognosen die massiveren Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen wird – so er denn nicht gestoppt wird. Und es kann schließlich nicht sein, dass über die Zukunft allein diejenigen entscheiden, die schon über 60 oder über 70 sind und damit keine lange persönliche Zukunft mehr vor sich haben. Auch im Parlament sind diejenigen, die von den Entscheidungen dieser Institution über viele Jahrzehnte betroffen sein werden, nicht angemessen repräsentiert. Das ist ein grundsätzliches Demokratieproblem. Das kann man aber teilweise beheben dadurch, dass sich die Betroffenen viel stärker zu Wort melden – und dazu wird der Weltjugend-Nachhaltigkeitsgipfel einen Beitrag leisten.

Welche Zukunftsszenarien werden Sie beim Gipfel entwerfen?

Wenn sich die jetzigen Trends fortsetzen, müssen wir mit drei großen Problemen zurechtkommen: Das eine ist die Veränderung in der Struktur der Bevölkerung, die weltweit wächst und zugleich älter wird. Das zweite Problem ist, dass wir bald keine billigen fossilen Energien mehr zur Verfügung haben werden. Und drittens kommt hinzu, dass Kohle, Öl und Gas, auch wenn sie langsam schwinden, den Klimawandel vorantreiben. Wie diese drei Faktoren negativ zusammenwirken, das werden wir durchspielen, aber zugleich auch versuchen zu erläutern, wo man ansetzen kann, um die Zeitbombe zu entschärfen.

Damit sind wir beim Stichwort Nachhaltigkeit: Ist das ein Ziel, das international überhaupt durchsetzbar ist? Kann sich die Wissenschaft gegen politische und ökonomische Interessen behaupten?

Durchsetzen müssen sich am Ende die Hauptbetroffenen – junge Leute, sozial Schwächere, Menschen in den Entwicklungsländern. Die Wissenschaft kann da nicht eingreifen, denn sie ist kein politischer Akteur. Aber sie muss ihre Einsichten immer wieder in die Öffentlichkeit transportieren, sie kann beraten und Lösungswege aufzeigen. Der Übergang zur Nachhaltigkeit wird so oder so kommen: Entweder auf sehr negative und schmerzvolle Weise, wenn man irgendwann einen Ölpreis haben wird, der nicht mehr zu bezahlen ist. Wenn die Menschheit sich nicht weiter vermehren kann, weil nicht mehr genügend Nahrung zur Verfügung steht und man überall an Umweltgrenzen stößt, weil der Klimawandel die Lebensbedingungen deutlich verschlechtern wird. So wird man Nachhaltigkeit lernen müssen – also auch die Unmöglichkeit des unablässigen Wachstums. Es gibt aber auch eine Umstellung auf die sanfte und positive Weise – durch die Einsicht, dass die nicht nachhaltigen Lebensweisen durchaus zu vermeiden oder zu korrigieren sind. Ich glaube daran, dass die Menschen einsichtsfähig sind, sie müssen sich nur zu Wort melden. Und da bin ich wieder bei den Jugendlichen: Die haben jede Berechtigung, gehört zu werden. Und wenn sie das tun, dann werden sie auch von der Politik ernst genommen.

Viele Jugendliche haben ein Gefühl der Ohnmacht: Welchen Beitrag können sie überhaupt leisten, um den Klimawandel zu stoppen?

Sie können Abgeordneten schreiben, Demonstrationen organisieren. Und sie können sich informieren. Aber das Wichtigste wäre, dass man durch seine eigene Lebensweise, durch seine Konsumphilosophie dazu beiträgt, dass wir nicht immer verschwenderischer mit unseren Ressourcen umgehen. In London beispielsweise würde man nie ein eigenes Auto haben, weil man die U-Bahn nimmt – in Berlin braucht man auch keines. Junge Leute sind flexibel, und es gibt viele Möglichkeiten, nachhaltiger zu leben. Übrigens ohne Verlust an Lebensqualität.