Flohmarkt

Schatzsucher vom Mauerpark zeigen ihre Lieblingsstücke

Bis zu 45.000 Menschen zieht es wochenends in den Mauerpark. Besonders viele lieben den Flohmarkt. Der Berliner Fotograf Thomas Henkel hat sich auf ihre Spuren begeben. Er entdeckte Erstaunliches.

Es braucht keine Einladungen, kein Event, nicht einmal einen Facebook-Aufruf, um den Grünflächen und Sandwegen des Mauerparks jeden Sonntag in die hauptstädtische Version von Woodstock zu verwandeln. Die Zeit ist über den ehemaligen Todesstreifen hinweggegangen, als habe es ihn nie gegeben. Eingebettet zwischen den Ortsteilen Prenzlauer Berg und Wedding liegt das grüne Brachland, von der Mauer nichts mehr zu sehen. Heute picknicken hier junge Familien und die Älteren spielen Boule.

Hip-Hop-Musik dröhnt aus einem Ghettoblaster und eine Gruppe Breakdancer zieht die Blicke mit imposanten Tanzeinlagen auf sich. In der Mitte des Amphitheaters steht wie jedes Wochenende Joe Hatchiban mit seiner mobilen Karaokemaschine. Niemand kann mehr spontan mitsingen, dafür gibt es zu viele Bewerber. Doch am turbulentesten geht es auf dem wöchentlichen Flohmarkt zu.

Die ganze Welt trifft sich hier

Fotograf und Kameramann Thomas Henk Henkel wohnt schon mehr als zehn Jahre in Berlin, doch erst dank seiner Kinder stellte er sich vor etwa zwei Jahren selbst zum ersten Mal mit seinem Tapeziertisch auf den Mauerpark-Flohmarkt und verliebte sich in die bunten Gestalten, die mit einem Lächeln im Gesicht und ihren erworbenen Habseligkeiten unter dem Arm über den Markt schlenderten. „Dieser Ort wird von den Menschen geprägt. Die ganze Welt trifft sich dort, das hat mich fasziniert.“

So sehr, dass nun sein Buch „Schatzsucher – Menschen auf dem Mauerpark Flohmarkt Berlin“ die Helden des Alltagshandels feiert. Ein Jahr lang stand der Wanderfotograf – so bezeichnet er sich selbst – fast jeden Sonntag mit einem Zelt, dass er als Fotostudio umfunktioniert hatte auf der Suche nach skurrilen Käufern und ihren Geschichten im Mauerpark. Eigentlich wollte Henkel auch die Trödelverkäufer ablichten. Allzu große Ängste, womöglich das Geschäft des Tages zu verpassen, ließen die meisten jedoch an ihrem Stand verharren.

Standmiete und Strom erlassen

„Wenn die Menschen sich darauf einlassen, das Zelt des Wanderfotografen zu betreten, dann ist das Eis gebrochen. Sie tauchen dann in die Welt des Studios ein und so komme ich mit ihnen ins Gespräch.“ Die Geschichten sind so vielfältig wie ihre Erzähler: von jung bis alt über intro- und extrovertierte reicht die Bandbreite. Manche sind nur auf der Durchreise. Gemeinsam haben sie doch jenen Moment, in dem der Blitz aufleuchtet, und sie sind stolz, ein Stück Berlin in den Händen halten.

Fünfmal musste Henkel als Bittsteller auftreten, bevor ihm die Flohmarktbetreiber erlaubten, sein Zelt aufzustellen. Je nach Wetter- und Besucherlage, mal hier, mal da. Am Ende erließen sie ihm sogar Standmiete und Strom. Mit so viel Unterstützung für sein Projekt hatte der Fotograf nicht gerechnet. „Die wussten ja auch nicht, worauf die sich einlassen. Dort rennen ja so viele Spinner rum, die dachten wahrscheinlich, auf den einen kommt es jetzt auch nicht mehr an.“

Noch immer viele freundschaftliche Kontakte

Die Kreativen und ihr Trödel sind es, die maßgeblichen Einfluss auf die besondere Atmosphäre des Mauerparks nehmen. Nostalgische Ost- und Westprodukte mixen sich mit handgefertigten Berlin-Andenken. Natürlich darf da auch gefeilscht werden, denn bei allem antikapitalistischem Hipstertum: So viel Spaß muss sein. Von teuren Souvenirs, Marke „Made in China“, hält Thomas Henkel nichts. Er weiß, dass sich mit Geld, kein symbolischer Wert erstehen lässt. „Ich finde es viel schöner, wenn beispielsweise die japanische Touristin einen alten Kleiderbügel aus DDR-Produktion kauft, der vielleicht 40 Jahre in Weißensee in einem Schrank gehangen hat.“

Die Charaktere in seinem Buch sind Henkel „ans Herz gewachsen“. Zu vielen der Porträtierten hält der Wanderfotograf noch heute einen freundschaftlichen Kontakt. Er ist ihnen nicht zuletzt dankbar. John, der New Yorker mit den deutschen Eltern, hatte gerade eine riesige Bahnhofslampe für seine Bar in Mitte gekauft, als er im Zelt Platz nahm. Die beiden erzählten sich von ihren Träumen. Henkel hoffte damals, die Ergebnisse seines Projekts eines Tages in einer Ausstellung präsentieren zu können.

Ein Buch über die Magie des Mauerparks

John mochte die Idee auf Anhieb und bot seine Bar als Ausstellungsfläche an. Im November 2012 folgte die ersehnte Ausstellung in der Brunnenstraße. Ähnlich unerwartete Unterstützung von prominenter Seite erhielt Henkel durch den russischen Schriftsteller Wladimir Kaminer. Er wohnt im angrenzenden Gleimkiez. Auch Kaminer streift allsonntäglich durch die Gassen des Flohmarkts und engagiert sich aktiv im Freunde des Mauerparks eV für dessen Erhalt. In Henkels Buch erzählt er die Geschichte des Russenlöffels, den er einst auf dem Flohmarkt fand.

Kaminers Foto ist das einzige gestellte Portrait. Ungekünstelt und etwas improvisiert wirken die restlichen Akteure. Unbewusst spiegeln sie den Charakter des Mauerpark-Flohmarkts wider und machen Henkels Arbeit dadurch so besonders: Der Ort der Zerstörung hat sich in sein Gegenteil gewandelt und beherbergt nun die Vielfalt. Deswegen sagt Henkel: „Das ist kein Buch über einen Flohmarkt, sondern ein Buch über die Magie des Mauerparks und über Berlin selbst.“

Thomas Henk Henkel, Schatzsucher. Menschen auf dem Mauerpark Flohmarkt Berlin, Junius-Verlag, 19,90 Euro