Canisius-Kolleg

Missbrauchsopfer fordern unabhängige Aufklärer

Vor drei Jahren wurde den Missbrauchsopfern des Canisius-Kollegs zum ersten Mal geglaubt. Nun diskutierten Opfer, Vertreter der Täter-Seite und Experten über die weitere Aufarbeitung solcher Fälle.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Für Mathias Bubel ist es ein Feiertag. „Darauf haben wir hingearbeitet“, sagt der ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs. Seit zu Jahresbeginn 2010 der sexuelle Missbrauch an Bubel und zahlreichen weiteren Jungen an dem Berliner Jesuitengymnasium bekannt wurde, kämpfen die Opfer um Anerkennung, Aufarbeitung der Hintergründe und angemessene Entschädigung durch den Orden. Die Welle, die seinerzeit nach einem Bericht in der Berliner Morgenpost losbrach, erreichte sogar den Vatikan und hat die Republik verändert.

Jetzt sitzt der baumlange, jungenhaft wirkende Bubel am vergangenen Dienstag im sonnigen Plenarsaal der Akademie der Künste am Pariser Platz. „Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs der Bundesregierung hat zum Hearing geladen. „Aus den dunklen Flecken unserer Seele ist es ans Licht gekommen“, sagt Bauhandwerker Bubel, „das hätten wir uns nicht träumen lassen“. Und der Beauftragte Johannes-Wilhelm Rörig selbst hat die Forderung der Betroffenen, die sich ungern zum hilflosen Opfer reduzieren lassen, aufgegriffen. Auch er macht sich stark für eine unabhängige Kommission. Sie soll Betroffene anhören, die Tatorte des Missbrauchs untersuchen, Berichte dokumentieren, archivieren und veröffentlichen sowie das gesellschaftliche Erinnern an die Taten und deren Folgen für Millionen von Betroffenen zu organisieren. „Die unabhängige Aufarbeitung gehört oben auf die Agenda“, mahnte Rörig in Sichtweite von Reichstag und Kanzleramt die Politiker.

Auch Missbrauch in der Familie thematisiert

Aus allen Teilen der Republik waren sie gekommen, um Zeugnis abzulegen von ihren Erlebnissen. Bundespräsident Joachim Gauck nannte diese in seinem auf der Veranstaltung verlesenen Grußwort eine „furchtbare Lebenskatastrophe“, die das Grundvertrauen von Kindern „zutiefst erschüttert, manchmal ganz zerstört“ habe. Sie kamen von den Jesuitenkollegien aus Berlin und Bonn, aus der einst als Hort linker Reformpädagogik gepriesenen Odenwaldschule aus Hessen, aus evangelischen Kirchengemeinden im Hamburger Speckgürtel oder aus den Umerziehungsheimen der ehemaligen DDR.

Auch Menschen, die wie Zigtausende andere Missbrauch in der Familie erlebt haben, kamen zu Wort. Hedda Petersen berichtete unter Tränen, wie sie trotz 23 Jahren psychotherapeutischer Behandlung und mehreren Zusammenbrüchen, die auf Missbrauchserfahrungen in der frühen Kindheit zurückgehen, sich beim Sozialhilfeträger im Rheinland einem „Glaubwürdigkeitsgutachten“ stellen muss, um die eigenen Auslagen für die Behandlung nach dem Opfer-Entschädigungsgesetz zumindest zum Teil ersetzt zu bekommen. Vielleicht kann ihr ein neuer Fonds helfen, der am 1. Mai startet. Die Bundesregierung stellt 50 Millionen Euro bereit. Aus dem Fonds können zur Tatzeit minderjährige Opfer von Missbrauch in der Familie bis zu 10.000 Euro an Sachleistungen wie Therapien erhalten.

Missbraucht, erniedrigt, entwürdigt und traumatisiert

„Die Opfer aus den Institutionen sind noch vergleichsweise privilegiert“, sagt Adrian Koerfer, Ex-Schüler der Odenwaldschule. Sie hätten eine Solidargemeinschaft von anderen, die das gleiche durchgemacht hätten. „Opfer in Familien stehen viel deutlicher alleine.“ Koerfer ist Germanist und Kunstsammler. Mit weißem Hemd und grüner Kappe sitzt er auf dem Podium. Man spreche in Deutschland von fünf bis sieben Millionen Menschen, die von Missbrauch betroffen seien. Er erzählt die Geschichte, wie er per Kontaktanzeige eine Frau kennenlernte. Als sie erfuhr, dass er Missbrauchsopfer sei, zog sie sich zurück. Sie sei mit einem Missbrauchsopfer verheiratet gewesen. Der Mann habe sich letztes Jahr umgebracht. „Es gibt auch eine Menge Toter, der wir gedenken sollten.“

In vielen Augenwinkel blitzen Tränen. Viele hier kennen Leidensgenossen, die ihrem Leben ein Ende machten. Auch der frühere Canisianer Bubel und seine heute etwa 50 Jahre alten Mitschüler, die in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren vor allem von zwei Jesuitenpadres missbraucht wurden. Der Orden hat beide nie zur Rechenschaft gezogen und auch nicht angezeigt. 40.000 bis 80.000 Kinder, vor allem Jungen, seien seit Kriegsende allein in katholischen Zusammenhängen in Deutschland missbraucht, erniedrigt, entwürdigt und traumatisiert worden, sagt Bubel.

Großes Dunkelfeld

Ob solche Zahlen stimmen, weiß niemand ganz genau. Aber weil das Dunkelfeld so groß ist kann auch niemand belegbar behaupten, dass es wesentlich weniger seien. „Das Ausmaß des Missbrauchs hat uns in Deutschland wie ein Tsunami überrollt“, sagt Mechthild Wolf, die Vorsitzende des Fachbeirates beim Missbrauchsbeauftragten. Ein Opfer schrieb in einem Brief, der verlesen wurde, von einem „uralten, kollektiv verschwiegenen Tabu in unserer Gesellschaft, das gebrochen werden“ müsse. Der Weg ins Licht sei eine „Höllentour“, sagt Anselm Kohn aus Ahrensburg bei Hamburg. Dort wurden Kinder von evangelischen Pastoren missbraucht. Beim Versuch, Verständnis zu finden und die Taten aufzuklären, seien sie bei der evangelischen Landeskirche gegen die Türen gerannt, sagt Kohn.

Die Betroffenen, die in Institutionen zu Schaden kamen, wollen es nicht nur bei der Feststellung individueller Schuld bewenden lassen. Wer die Wahrheit offen legen wolle, müsse auch über Täterstrukturen, Hintergründe und Mitwisser sprechen, sagt der Ex-Odenwald-Schüler Adrian Koerfer. Im Falle der hessischen Reformschule gehe es um den „Kreis der linken Bildungspädagogik“. Ohne diesen Täterkreis einzubeziehen, „kriegt man keine Aufarbeitung hin“. Die frühere Schulleiterin Margarita Kaufmann bestätigt, ihr als Papst der Reformpädagogik gepriesener Vorgänger Gerold Becker (gestorben 2010) habe „perfekte Täterstrukturen“ geschaffen. Eine solche Institution sei „krank“. Sie brauche Hilfe und Therapie von außen.

Kollektive Vertuschung in der katholischen Kirche

Auf der anderen Seite des Spektrums pädagogischer Konzepte tun sich die katholische Kirche und der Jesuitenorden schwer damit, sich bei der Aufklärung und Aufarbeitung unterstützen zu lassen. Die Täter im folgten einem kranken Trieb, wie woanders auch, sagt Bubel und man sieht ihm an, wie der Zorn in ihm aufsteigt. Aber diejenigen Oberen, die kollektiv vertuscht, die Täter an andere Schulen versetzt und damit Beihilfe zu Straftaten geleistet hätten, hätten „aus Überzeugung gehandelt“. Sie seien gemäß des katholischen Glaubens davon ausgegangen, dass die Täter sich bessern könnten und ihnen verziehen werden müsse. „Pater Mertes sind 2010 drei Missbrauchsengel erschienen und schon ist in der katholischen Kirche alles Okay?“, erregt sich der Ex-Canisianer.

Damit meint er das Treffen von drei Opfern mit dem damaligen Rektor des Canisius Kollegs, als sie ihm von ihren Erfahrungen berichtet hatten. Wenig später schrieb Mertes einen Brief an alle Schüler der möglicherweise betroffenen Jahrgänge und räumte den jahrelangen Missbrauch ein. Als die Berliner Morgenpost dieses Bekenntnis öffentlich machte, war es, als sei ein Pfropfen aus der Flasche geflogen. Überall meldeten sich in der Folge Opfer zu Wort und erhielten Gehör.

Opfer fordern unabhängige Aufklärer

Aber aus der Sicht Bubels und der anderen Opfer, die sich in Abgrenzung der „Runden-Tisch-Philosophie“ der gemeinsamen Problemlösung „Eckiger Tisch“ nennen, muss de Kirche sich öffnen und unabhängigen externen Aufklärern oder Staatsanwälten Zugang zu Archiven und Zeugen gewähren, anstatt Täter nach dem intern gültigen Kirchenrecht zu belangen. Bubel redet sich in Rage. Schließlich wäre auch niemand auf die Idee gekommen, zur Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit hauptamtliche Agenten einzusetzen oder NPD-Leute in einen Untersuchungsausschuss zur NSU. Dann hält er inne: „Das Schmerz hält immer noch an“, sagt er fast entschuldigend.

Pater Mertes selbst, der ebenfalls auf dem Podium sitzt und sich wie schon immer „der Täterseite“ zuordnet, unterstützt die Forderung nach einer Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung. Aber er weiß auch, dass nicht alle seiner Mitbrüder oder alle in der katholischen Kirche diese Haltung teilen. Aufklärung spalte nach innen. „Das ist der Preis, den Organisationen zahlen müssen. Es kommt unweigerlich zu massiven Konflikten“, sagt der frühere Canisius-Rektor, der 2011 ans Jesuitenkolleg Sankt Blasien im Schwarzwald versetzt wurde.

Internes Jesuiten-Schreiben: Kein Interesse an Öffentlichkeit

Tatsächlich ist bei den Jesuiten das Thema lange nicht ausgestanden. Vor allem in Bonn tobt rund um das Aloisius-Kolleg anders als in Berlin noch immer heftiger Streit. Denn hier sind die Vorwürfe der Übergriffe auf Internatsschüler jüngeren Datums und sie treffen auch den Schulleiter. Wegen dieser Auseinandersetzungen, die im katholischen Rheinland viel heftiger ausgetragen werden als in Berlin, hat sich Mertes lange zurückgehalten, wenn er zum Thema Missbrauch gefragt wurde. Die Leute vom „Eckigen Tisch Bonn“ haben zuletzt Anfang des Jahres an den deutschen Provinzial der Jesuiten 100 Fragen gestellt, die sich unter anderem um den Umgang des Ordens mit den bekannten Vorwürfen drehen.

Provinzial Stefan Kiechle habe nur ein gutes Viertel beantwortet, beklagten Ex-Aloisius-Schüler am Rande der Tagung. Und sie zeigten eine interne „Online-Info der deutschen Provinz“, die Kiechle im Februar an die „lieben Mitbrüder“ verschickt hatte. Beigefügt waren die 100 Fragen sowie seine Antwort mit der Bitte, die Texte nicht nach außen zu geben. „Von uns her gibt es kein Interesse, dieses schmerzhafte Thema weiter in die Öffentlichkeit zu tragen“, schreibt Kiechle. Das sehen Mathias Bubel, die anderen Missbrauchsopfer und auch der Beauftragte der Bundesregierung völlig anders.