Interview

Glauben Sie an die Macht des Schicksals, Rachel McAdams?

Die blonde Schönheit Rachel McAdams gilt eigentlich als Spezialistin für romantische Komödien. Jetzt spielt sie eine Tyrannin. Ein Gespräch über Rollenwechsel, Yoga und die Liebe auf den ersten Blick.

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Ein hauchzartes Kleid mit schwarzer Spitze, porzellanglatte Haut, eine kindlich helle Stimme – es ist kein Wunder, dass Rachel McAdams zwischenzeitlich den Ruf einer Romantikprinzessin bekam. Doch inzwischen arbeitet die 34jährige unter Hochdruck daran, diesen Ruf abzustreifen. So zum Beispiel in dem erotischen Thriller „Passion“ (ab 2. Mai im Kino), wo sie ihre schwedische Kollegin Lisbeth Salander tyrannisiert und manipuliert. Zugegeben: Die romantische Heldin passt besser zu der gebürtigen Kanadierin. Dafür ist ihr Auftreten einfach zu sanft. Selbst die kleinsten Details verstärken diesen Eindruck – etwa wenn sie beim Interview an einer Tasse rosa Tees nippt. Das Gespräch führte Rüdiger Sturm.

Berliner Illustrirte Zeitung: In „Passion“ sehen wir Sie als eiskalte Geschäftsfrau. Hätten Sie für so einen Job Talent?

Rachel McAdams: Ich glaube nicht, denn mit Zahlen habe ich es nicht so. Was habe ich Tränen über meinen Mathebüchern vergossen. Ich habe immer so getan, als wäre ich krank, damit ich nicht in die Schule muss. Am liebsten würde ich gar nicht mehr an diese Zeiten denken. Danke, dass Sie mich daran erinnert haben (lacht).

Eigentlich ist so eine Rolle für Sie sowieso ungewohnt. Wir kennen Sie vor allem aus Romanzen wie „Für immer Liebe“. Ende Mai sind Sie dann in dem Liebesfilm „To the Wonder“ zu sehen.

Aber ich hoffe, ich bin inzwischen das Etikett des „süßen Mädchens“ losgeworden, ich muss mich schließlich als Schauspielerin weiterentwickeln. Ich will Frauen spielen, die kompliziert und chaotisch sind.

Aber haben Sie denn einen Hang zur Romantik?

Das schon, auch weil ich damit aufgewachsen bin. Ich kenne es von meinen Eltern, die immer noch sehr ineinander verliebt sind. Ich kann mich gut an diese ganzen romantischen Gesten erinnern. Eines Tages haben meine Geschwister und ich meine Mutter ganz schön gestresst. Sie war so fertig, dass sie uns am liebsten auf der Straße ausgesetzt hätte. Doch dann kam mein Vater von der Arbeit nach Hause und meinte „Du hattest einen harten Tag, und du bist die großartige Mutter dreier Kinder.“ Mit diesen Worten gab er ihr einen Diamantring.

Stammen Sie aus einem Millionärshaushalt?

Nein, wir hatten nicht gerade das große Geld. Das hat die Geste ja auch so besonders gemacht. Sonst schenkte er meiner Mutter ständig Blumen.

Das legt die Messlatte für Ihre Partner ganz schön hoch.

Das ist in der Tat ein gesundes Beispiel (lacht). Aber ich werde das nicht erwarten.

Welche Bedingungen muss denn Ihr Mr. Right erfüllen?

Es gibt ein paar Regeln, damit eine Beziehung funktioniert. Ich muss meinem Partner vertrauen und offen mit ihm sprechen können. Ich will, dass er mein bester Freund ist und mich zum Lachen bringt. Aber das Gleiche gilt auch für mich. Was ich aber nicht brauche, ist Perfektion. Wenn er keine Schwächen und Fehler hat, wäre das ziemlich langweilig.

Gibt es Dinge bei einem Mann, die Sie nie akzeptieren könnten?

Das ist schwer zu sagen. Du glaubst, dich würden bestimmte Eigenschaften stören, aber wenn du sie dann bei einer ganz konkreten Person erlebst, dann findest du sie auf einmal nicht mehr so schlimm.

Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?

Absolut. Ich kenne das Gefühl, wenn es innerhalb einer Sekunde bei dir einschlägt. Das hat sehr viel mit Duftstoffen zu tun – und die können auch die gegenteilige Wirkung haben. Wenn eine Frau einen Geruch wahrnimmt, der sie zu sehr an ihren Vater erinnert, stößt sie das ab. Genauso, wenn der Geruch zu exotisch ist. Worauf eine Frau positiv reagiert, ist ein Mann, der den Eindruck macht, als könnte er ein guter Vater sein. In unserem Körper spielen sich verrückte Sachen ab; so viel läuft über Instinkte. Letztlich haben wir uns da als Spezies nicht großartig weiterentwickelt.

Aber Sie als Person haben hoffentlich schon im Lauf der Zeit dazugelernt.

Das schon. Vor allem habe ich in den letzten Jahren gelernt, loszulassen und nicht auf meinem Standpunkt zu beharren. Es ist gut, wenn du mal mit Leuten Meinungsverschiedenheiten hast. Das lehrt dich, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Die Energie einer anderen Person bringt dich weiter. Diese Erkenntnis ist auch für meinen Beruf wichtig. Film ist nun mal eine Kunstform, die du nicht in Einsamkeit praktizieren kannst. Da steckt eine sehr große Maschine dahinter, und das habe ich inzwischen akzeptiert.

Aber diese große Maschine kann einen auch aufsaugen. Wie schaffen Sie es, Ihr gesundes Ego zu behaupten?

Ich versuche einfach, ich selbst zu sein. Diese eine, wahre Rachel McAdams gibt es seit frühester Kindheit, und sie hält mich auf dem Boden der Tatsachen. Und wenn ich mal nicht weiß, was los ist, dann halte ich mich daran fest. Ich habe es gelernt, mich auf sie zu verlassen.

Ist das immer so einfach? Vor allem in einem Beruf, wo Sie ständig in die Haut anderer Personen schlüpfen.

Das ist es nicht. Deshalb versuche ich zwischen den einzelnen Projekten auch immer Pausen zu machen. Ich wünschte, ich würde zu den Menschen gehören, die in einer Tour arbeiten und sich dabei nicht verlieren. Aber ich brauche Phasen, wo ich ganz still und ruhig bin.

Und dann sitzen Sie einfach zuhause herum und drehen Däumchen?

Genau, ich sitze einfach da – so richtig zen- und buddhamäßig.

Das klingt aber langweilig.

Ich mache schon auch was, ich mag Gartenarbeit und Kochen, sehr erdverbundene Sachen, wo du dein Gehirn ausschalten kannst. Die Schauspielerei ist für mich viel zu sehr Kopfarbeit. Ich brauche etwas, was ich mit meinen Händen machen kann. Ich habe da Talente wie die frühen Siedler Amerikas.

Was gibt es bei Ihnen so zu essen?

Brathähnchen mit Zitrone zum Beispiel. Wenn das Ihr Geschmack ist, dann sind Sie herzlich willkommen. Aber davon abgesehen meditiere ich auch viel. Außerdem mache ich Kundalini Yoga.

Was bringt Ihnen das?

Erstmal ist das eine gute Fitnessübung, die auch viel Kardio-Elemente hat, anders als andere Arten von Yoga. Es dreht sich viel um den Atem, und das ist gut für meine Stimme. Ich will schließlich gehört werden! Gleichzeitig ist es sehr harmonisierend. Ich fühle mich danach immer sehr friedlich. Das ist also eine Kombination aus Spiritualität und Sport. Es ist ein echter Glücksfall, dass ich das gefunden habe.

Warum sind Sie eigentlich keine Sportlerin geworden? In Ihrer Kindheit waren Sie doch aktive Eiskunstläuferin.

Ja, aber das war dann aber nichts für mich. Ich brauchte immer ein Ventil, bei dem ich meine Energien loswerden konnte. Zuerst steckte mich meine Mutter in Malkurse, und beim Sport habe ich das auch gefunden. Aber ich war immer sehr nervös, beim Eiskunstlauf schlotterten mir die Knie, und ich dachte, mir würde schlecht. Für die Schauspielerei dagegen war das nützlich, meine Nervosität hat mir Energie gegeben.

Wie fanden Sie dann zur Schauspielerei?

Durch Shakespeare. Als Kind durfte ich an einem Theater-Camp teilnehmen, und wir spielten da „Mittsommernachtstraum“ in freier Natur; ich durfte eine der Feen sein. Das war eine ganz schlichte Inszenierung, aus unseren Handtüchern machen wir Umhänge. So habe ich die pure, unschuldige Freude der Fantasie erlebt. Und ich dachte mir: Wenn dieser Beruf so aussieht, dann ist das genau mein Fall.

Und Ihre Eltern haben Sie sofort unterstützt?

Die waren erst nicht so ganz davon überzeugt. Ihre Einstellung war: Geh in die Schule, mach deinen Abschluss, und dann hast du genügend Zeit, Schauspielerin zu werden. Für sie ging es immer darum, dass ich das beende, was ich angefangen hatte. Als ich mit dem Eiskunstlauf aufhören wollte, waren sie einverstanden, aber sie verlangten, dass ich erst mal die Saison zu Ende laufe. Sie hatten auch Recht. Denn weil sie Vorbehalte gegen die Schauspielerei hatten, war ich gezwungen, meinen Weg selbst zu finden. Du musst diesen Beruf wirklich wollen und für deine Entscheidung Verantwortung ergreifen. Und das war sehr gut so. Inzwischen sind sie natürlich ganz auf meiner Seite.

Trotzdem war Ihre Karriere nicht nur mit Erfolgen gepflastert. Gibt es denn Filme, die Sie gern ausradieren würden?

Ich will hier gar nicht großartig diplomatisch sein, aber alle Fehlschläge bringen dich weiter. Und das gilt auch für Filme, die misslungen sind. Denn vielleicht habe ich dabei Freunde fürs Leben gefunden. Ich würde keine dieser Erfahrungen missen wollen.

Bei „To the Wonder“, der am 30. Mai in die Kinos kommt, haben Sie mit Kultregisseur Terrence Malick gearbeitet, der gerne spirituelle Themen aufgreift. Fanden Sie sich mit Ihrem Yoga- und Meditationsinteresse da richtig aufgehoben?

Wir haben über solche Themen nicht wirklich gesprochen. Das Ganze hat sich eher in der allgemeinen Atmosphäre manifestiert. Malick bringt ein Gefühl von Ruhe und Güte mit zum Dreh. Du fühlst dich wie Teil einer Gemeinschaft, in der alle eng zusammenarbeiten und einander ganz nahe sind.

Glauben Sie an höhere Mächte?

Ja, auch wenn ich nicht im strengen Sinne religiös bin. Am ehesten fühle ich mich zum Buddhismus hingezogen. Aber wenn ich etwas anbeten müsste, dann wäre es die Erde. Ich brauche etwas Handfestes. Deshalb bin ich auch sehr naturverbunden. Meinen Urlaub verbringe ich schon mal in einer Hütte im Wald. Und ich würde mir wünschen, die Erde in ihrem vorindustriellen Zustand zu erleben – wo du noch überall Wasser aus den Flüssen trinken konntest. Ich bin sehr grün eingestellt. Es hat lange gedauert, bis ich mir ein Auto kaufte. Aber meine persönliche Lieblingsversion des Autos ist immer noch das Fahrrad.

Aber zurück zu den höheren Mächten. Wo erleben Sie die?

Wenn ich Leute kennenlernte. Da steckt nie ein Zufall dahinter, es ist vorherbestimmt. Zwischen mir und den anderen gibt es eine Verbindung.

Wen haben Sie auf diese Weise getroffen?

Jeden Menschen in meinem Leben.

Das würde dann auch für dieses Interview gelten.

Das tut es auch. Es sollte eben sein, dass wir uns treffen, und ich habe daraus etwas gelernt. Vielen Dank also für die Lektionen unserer Unterhaltung.

Was haben Sie denn gelernt?

Das verrate ich Ihnen bei der nächsten schicksalhaften Begegnung. Denn eines Tages werden Sie mich ja wohl wieder interviewen (lacht).