Film

Matthias Stütz hat das alte Berliner Kino „Union“ gerettet

Seit 100 Jahren werden an der Bölschestraße in Berlin-Friedrichshagen Filme gezeigt. Betreiber Matthias Stütz hat die Besucherzahl mehr als verdoppelt. Eine Erfolgsgeschichte.

Foto: Christian Kielmann

Ein Berliner Vorstadtkino schreibt Geschichte. Seit 100 Jahren werden an der Bölschestraße in Friedrichshagen Filme gezeigt – und ein Ende ist nicht abzusehen. Denn die Besucherzahlen im Kino Union steigen von Jahr zu Jahr. 2004 waren es rund 23.000 Zuschauer. Mehr als 50.000 wurden im vergangenen Jahr gezählt.

Betreiber Matthias Stütz stellt den Erfolg ganz sachlich fest. Aber der Stolz schwingt mit. Seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass das kleine Filmtheater noch existiert – trotz beabsichtigtem Abriss, trotz Denkmalschutzauflagen und trotz einer Zwangsversteigerung.

Stütz führt das „Union“ seit fast zehn Jahren. Jetzt entdeckte sein Architekt ein altes Dokument vom Mai 1913 im Bauarchiv. Es sei eine Korrespondenz des damaligen Eigentümers zur baupolizeilichen Prüfung und zur Anordnung der Sitzplätze, sagt der 41-Jährige. Damals hatte das Kino 550 Plätze. „Die Stühle waren bis in die letzte Ecke des Saals gestellt.“ Heute sind es nur noch 150 Sessel, außerdem gibt es kleine Tische. „Viel Beinfreiheit“, sagt Stütz, „und Platz zum Tanzen.“

Das alte Archiv-Dokument ist Grund genug für den Kino-Betreiber, die 100 Jahre währende Tradition zu feiern. Am 4. Mai 2013 stehen Stummfilme auf dem Programm. Darunter „Engelein“ mit Asta Nielsen, ein Film, der vor 100 Jahren gedreht wurde. Außerdem Kurzfilme mit Charlie Chaplin von 1916 und „Der blaue Engel“ von 1930 mit Marlene Dietrich.

Eintritt am Jubiläumstag ist frei

Der traditionsbewusste Kino-Betreiber leistet sich eine großzügige Geste. Der Eintritt am Jubiläumstag ist frei – auch für die Tanzparty-Nacht ab 22 Uhr. Man solle sich jedoch für die Film-Vorstellungen anmelden, rät Stütz, wegen der begrenzten Zahl der Plätze (www.kino-union.de).

Im Berliner Südosten ist das „Union“ eine Ausnahme. Etliche kleine Kinos mussten nach der Wende schließen, darunter das „Forum“ an der Parrisiusstraße in Köpenick und das „Capitol“ an der Dörpfeldstraße in Adlershof. Neben dem Friedrichshagener „Union“ gibt es nur noch ein kleines Kino in Treptow-Köpenick - das „Casablanca“ in Adlershof.

Neu entstanden sind nach der Wende die Muliplex-Kinos in Oberschöneweide und in Alt-Treptow. Das Gebäude, in dem Matthias Stütz seit 2003 Filme zeigt, wurde 1872 als Tanzsaal erbaut. Es steht seit 1995 unter Denkmalschutz. Im hohen Saal ist ein Rang eingebaut, der auf Säulen steht und eine geschwungene Brüstung hat. Es gibt Platz für mehr als nur Filmvorführungen.

Von Anfang an hat Stütz auf Vielfalt gesetzt. Er lädt zu Tanzabenden, Lesungen, Konzerten und Diskussionen ein. Es gibt Veranstaltungen für Rentner und für Kinder, Tangokurse und Jugendweihe-Feiern. Behutsam investierte Stütz in Reparaturen und Sanierung. Er übernahm die roten Polstersessel aus dem Kino „Hollywood“ am Kurfürstendamm, das im Herbst 2003 schloss.

Friedrichshagener protestierten gegen Abriss

Zuvor war das „Union“ fünf Jahre lang geschlossen. DDR-Moderator Wolfgang Lippert hatte das Grundstück 1994 von der Treuhand übernommen. Er verpflichtete sich, den Kino-Betrieb zu sichern. Doch dann gab es Probleme mit dem Konzept und der Finanzierung. Lippert beantragte 1999 den Abriss des Gebäudes. Er wollte an seiner Stelle ein Büro- und Geschäftshaus bauen.

Die Friedrichshagener protestierten dagegen, auch Bezirkspolitiker aus Treptow-Köpenick setzten sich dafür ein, dass das Traditionshaus erhalten bleibt. Dann kaufte ein Friedrichshagener Bauunternehmer das Gebäude – mit der Aussicht auf staatliche Zuwendung wegen des Denkmalschutzes. Doch die blieb aus.

Der Streit um zugesagte und nicht bewilligte Förderung, um Sanierung und wirtschaftlichen Betrieb des Kinos zog sich über Jahre. In dieser Zeit hatte Stütz bereits das Kino gemietet und organisierte den Filmbetrieb - ohne großes öffentliches Aufsehen. Er ließ sich auch nicht abschrecken, als der Bauunternehmer Insolvenz anmelden musste und die Bank das Grundstück in einer Zwangsversteigerung anbot. Im Jahr 2006 bekam Stütz den Zuschlag – für 285.000 Euro.

Wer die Kinobesucher im „Union“ sind

Seither hat sich das Haus verändert. In den vergangenen Jahren ließ Matthias Stütz das Dach dämmen, die Toiletten sanieren, den Keller ausbauen. „So wie Geld reinkam, haben wir investiert.“ Die Filmförderanstalt unterstützte den Umbau mit etwa 100.000 Euro. Seit zwei Jahren ist das Kino auf digitalen Filmbetrieb umgestellt. Die alte Vorführtechnik steht weiter zur Verfügung. Der Ausbau des Kinos ist geplant. Zwei kleine Säle will Matthias Stütz auf dem Hof errichten lassen, mit 70 und 80 Sitzplätzen. Die Technik sei bereits vorhanden, die Brandmeldeanlage schon installiert, erzählt er. „Wenn alles klappt, werden wir im Herbst 2014 eröffnen.“

Stütz ist Architekt. Nach seinem Studium organisierte er Veranstaltungen - eine Arbeit, die ihm bis heute Spaß macht. „Weil sie abwechslungsreich ist.“ Als Student sei er vier Mal wöchentlich im Kino gewesen. „Eine Film-Affinität hatte ich schon immer.“ Doch er sei sich nicht sicher gewesen, dass das Kino „Union“ ein Erfolg wird. „Sonst strengt man sich auch nicht an. Die Unsicherheit ist auch ein gewisser Antriebsfaktor.“ Jetzt jedoch wisse er, dass der Betrieb läuft, dass das Kino angenommen wird. Dass er davon leben und seine Mitarbeiter bezahlen kann. 30 Angestellte beschäftigt Stütz. Angefangen hat er allein, unterstützt von Freunden.

Viele Besucher des „Union“ kommen aus Brandenburg und aus Friedrichshagen. Es seien überwiegend Bildungsbürger im Alter von 40 bis 60 Jahren, sagt Matthias Stütz. „Dementsprechend zeigen wir keine Horror- oder Actionfilme.“ Das Programm werde für die gesamte Familie gestaltet. Der große Renner, sagt Stütz, sei „Haialarm am Müggelsee“ gewesen –q ein Film, der in Friedrichshagen gedreht wurde. „Er war wochenlang ausverkauft.“

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