Kolumne

Frau Keseling stapft durch das Dorf und ihren Garten

Unsere Autorin hielt ihren Garten bisher für durchschnittlich. Doch jetzt wurde sie eines Besseren belehrt: durch blaue Marienkäfer und fliegende Regenwürmer.

Unser Garten ist neuerdings ein wissenschaftliches Studienobjekt. Fast täglich begeben sich Forscher bei uns auf die Suche nach neuen, sensationellen Entdeckungen – und werden immer wieder fündig. Wir hatten unser kleines Stück Land ja immer für einen absoluten Durchschnittsgarten gehalten. Eine Wiese, ein paar schrumpelige Obstbäume, es gibt Erd- und Himbeeren und ja, natürlich auch Giersch, denn was wäre ein anständiger Garten ohne Feinde? Wäre ja langweilig.

Aus der Sicht unserer neuen Gartengäste stellt sich das anders dar. Die erste Expertin stand am ersten Sonnentag ungeduldig zwischen unseren Beeten. Angetan mit Gummistiefeln, wasserdichter Hose, wattierter Jacke. Der Schnee war noch nicht getaut, aber die erste Sensation war schon perfekt: Ein Zitronenfalter flatterte plötzlich aus dem Gebüsch. „Mama, GUCK!“, rief die Expertin. Sie ist zweieinhalb und wohnt eigentlich nebenan. „Oh, ein Zitronenfalter“, sagte die Angesprochene überrascht, „der ist ja schön“. Die Forscherin versuchte, das neue, komplizierte Wort nachzusprechen. Es dauerte eine Weile, die der Falter nutzte, um weiterzufliegen. Die Forscherin checkte ihr wissenschaftliches Instrumentarium, Schaufel und Sieb, dann wandte sie sich an ihre Mutter, die wissenschaftliche Assistentin: „Den Zitronenfalter zurückholen!“

Am Wochenende darauf begannen wir, Beete zu jäten. Wieder traf rechtzeitig ein Experte ein. Diesmal von der anderen Seite des Gartens. Er ist dreieinhalb, hat eine Zusatzqualifikation als Besucher eines Waldkindergartens und besitzt Arbeitshandschuhe in seiner Größe. Während ich Gräser und Brennnesseln aus der Erde zog, inspizierte er die Löcher und wurde plötzlich ganz aufgeregt. Eine winzige Wissenschaftlerhand schob sich in die Erde – und zog einen leuchtend blauen Käfer heraus. Gut, der Körper war schwarz, aber Kopf, Beine und Fühler glänzten tiefblau. „Boah ey, geil“, entfuhr es dem Wissenschaftler. Er schaute mich etwas erschrocken an, als sei ihm bewusst, dass nicht alles, was man im Kindergarten lernt, wahres Expertenwissen ist.

Wir machten uns mit dem Fund auf zu seinen Eltern. Kurz vorm Gartentor flog auch dieser seltene Fund davon. So konnte ich nicht wirklich widersprechen, als die Eltern des Experten erfuhren: Bei uns im Garten gebe es blaue Marienkäfer. „Echt, Papa!“

Ach ja, und dann war da noch das mit den fliegenden Regenwürmern. Diesen Fund haben wir, der Experte und ich, den interessierten Eltern verschwiegen. Der Experte hatte die Würmer gesammelt und behauptet, sie könnten fliegen. Ich hatte widersprochen und ihm noch ein weiteres Exemplar in die Hand gelegt, als er ausholte und rief: „Die fliiiiegen doch!“ Danach haben wir eine Weile gemeinsam traumatisierte Regenwürmer eingesammelt und an gemütliche Gartenecken getragen und dabei davon gesprochen, was fliegt und was nicht.