Filmemacher

Andreas Dresen sitzt erstmals als Laienrichter im Gericht

Andreas Dresen ist durch Filme wie „Sommer vorm Balkon“ bekannt geworden. Nun wird er auch in Brandenburgs Justiz mitmischen. Er nimmt am Freitag erstmals als Laienrichter an einer Verhandlung teil.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Seit Jahren begleitet Filmemacher Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“, „Halt auf freier Strecke“) die Politik in Brandenburg. So viel Einfluss wie in seiner neuen Rolle hatte er jedoch noch nicht: An diesem Freitag schlüpft Dresen erstmals in seine Robe und nimmt als Laienrichter an einer Verhandlung von Brandenburgs Verfassungsgericht teil. Unter dem Vorsitz von Präsident Jes Albert Möller prüft das Gericht die Finanzierung von Kindertagesstätten im Land. Die Städte Brandenburg/Havel, Cottbus, Frankfurt (Oder) und Potsdam wehren sich dagegen, dass vor allem sie für die verbesserte Ausstattung zur Kasse gebeten werden.

Seinem Instinkt folgen

Die Wahl des preisgekrönten Regisseurs Andreas Dresen zum Laienrichter im November vorigen Jahres – es handelt sich um ein Ehrenamt – hatte für Schlagzeilen gesorgt. Denn bislang hatte er nie etwas mit der Justiz zu tun. Das Vorschlagsrecht für die Neubesetzung lag bei der Linksfraktion im Brandenburger Landtag, die sich für Dresen entschied. „Ich bin kein Jurist, ich bin Regisseur, und das will ich auch bleiben“, hatte Dresen bei seiner Bewerbungsrunde in den Brandenburger Landtagsfraktionen in Potsdam betont.

„Ich denke aber, dass ich eine andere Sichtweise einbringen kann, und das ist ja auch Sinn der Sache.“ Er werde versuchen, seinem eigenen Instinkt und seiner inneren Stimme bei einer Entscheidungsfindung vor Gericht zu folgen. Er habe großen Respekt vor dieser Aufgabe, sagt Andreas Dresen.

Als ihn der Ruf ins Richteramt erreichte, hatte Dresen erst einmal gezögert. Er sprach mit Freunden und schaute sich die Landesverfassung an. Die brandenburgische Verfassung erlaubt bis zu drei Laienrichter. Vor Dresen war der Schriftsteller Florian Havemann als Verfassungsrichter tätig, der zu DDR-Zeiten wegen seiner Regimekritik im Gefängnis saß. Trotz anfänglicher Befürchtungen sei er zuversichtlich, die Tätigkeit als Verfassungsrichter gut mit seinem Job als selbstständiger Filmemacher vereinbaren zu können, so Dresen.

Dass er auf dem Linke-Ticket fährt, stört Andreas Dresen nicht. Er sagt: „Als Verfassungsrichter ist man zu Überparteilichkeit verpflichtet.“ Er selbst gehört keiner Partei an, wenn auch die Gesellschaftspolitik immer ein Thema in seinen Filmen war.

Dresen genießt höchste Wertschätzung

Das Interesse an seinem ersten Auftritt ist groß. Dem 49-Jährigen ist dies eher unangenehm, fast peinlich – auch den Kollegen gegenüber. „Ich wünsche mir, dass das Gericht in Ruhe arbeiten kann“, sagt der gebürtige Thüringer. „Es geht um sehr wichtige Fragen.“ Dafür sei auch eine gewisse Diskretion nötig.

Darauf kann Dresen bei den Juristen bauen. Aus dem Nähkästchen geplaudert wird da nicht. Er genießt bei ihnen höchste Wertschätzung. „Man merkt ihm an, dass er mit Freude an die Sache geht“, so ein Mitarbeiter. Dresen sei sehr engagiert und arbeite konzentriert. „Er ist aktenfest und kniet sich in die Sache rein“, sagt Präsident Jes Albert Möller. Ein größeres Lob kann es von einem Juristen kaum geben. Zwischen Möller und Dresen stimmt die Chemie, ist zu hören. Seine Lebenserfahrung sowie die Kenntnis von Land und Leuten gehörten zu den Eigenschaften, die ihn für das Amt auszeichneten, meinte Möller bei der Wahl Dresens im vergangenen November. Insbesondere die Sorgen und Nöte der Ostdeutschen kennt der Wahl-Potsdamer gut. Für zwei Dokumentarfilme begleitete er den märkischen CDU-Abgeordneten Henryk Wichmann mit der Kamera.

„Möglicherweise hat auch diese Arbeit einen Anteil daran, dass er aktiv zum politischen Geschehen beitragen will“, meint Wichmann. Dresen habe dabei erfahren, wie mühselig Politik sein könne. Der CDU-Politiker hatte Dresen geraten, die Aufgabe wahrzunehmen, als während Filmarbeiten die Anfrage des Gerichts kam. „Er hat das Herz auf dem richtigen Fleck und weiß, wie die Brandenburger ticken“, sagt Wichmann.

Auf zehn verpflichtet

Bei seiner ersten Verhandlung an diesem Freitag wird Dresen „nur“ einer von insgesamt neun Richtern sein. Auf ihn wartet aber noch eine besondere Aufgabe: Auch als Nicht-Jurist muss er in der Rolle des Berichterstatters Verfahren so vorbereiten, dass diese im Kollegenkreis beraten werden können. Einmal im Monat, jeweils an einem Freitag, treffen sich die Richter ehrenamtlich in Potsdam. In den meisten Fällen kommt es ohne mündliche Verhandlung zur Entscheidung.

Bei der Abstimmung hat die Stimme des bekannten Filmemachers dasselbe Gewicht wie die der acht Juristen. Über seine Rolle als Laienrichter will Andreas Dresen erst nach genügend Erfahrung sprechen. „Ich möchte jetzt erst ein Jahr unter dem Radar fliegen“, sagt Andreas Dresen. Mit seiner Wahl zum Verfassungsrichter verpflichtete er sich gleich auf zehn Jahre. Im Beratungssaal des Landesverfassungsgerichts in Potsdam, einem ehemaligen Offizierskasino, wird der Filmemacher nun also regelmäßig mit seinen Richterkollegen zusammensitzen und über Verfassungsbeschwerden urteilen. Und dabei so gut es geht auf seine innere Stimme hören.