Evangelische Kirche

Der Berliner Prälat und die Liebe zu seinen Mitarbeiterinnen

Bernhard Felmberg, Repräsentant der evangelischen Kirche, soll Beziehungen zu Mitarbeiterinnen gepflegt haben. Strafrechtlich relevant ist das nicht, könnte aber dienstrechtliche Folgen haben.

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Nikolaus Schneider hat unlängst eine interessante Publikation angekündigt. In den kommenden Wochen, so der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), werde seine Kirche eine Denkschrift zum protestantischen Verständnis von Ehe und Familie veröffentlichen. Das werde „spannend“, sagte Schneider.

In der Tat ist es angesichts von Scheidungen, Patchwork-Familien und Homo-Ehen an der Zeit, dass die EKD hier eine Grundsatzbestimmung vornimmt. Einerseits um die innerkirchlichen Konflikte bei diesen Themen zu lösen. Andererseits um der heftig debattierenden Politik zu verdeutlichen, worauf es in Ehe, Familie und Partnerschaft nach christlichem Verständnis ankommt.

Doch nun sieht es so aus, als werde es im Zusammenhang mit jener Denkschrift noch in einer ganz anderen Hinsicht „spannend“. Denn ausgerechnet derjenige EKD-Repräsentant, der die Botschaften jener Denkschrift in den politischen Raum hineintragen müsste, um in Bundestag und Bundesrat zu einer Familienpolitik im evangelischen Sinne zu motivieren – ausgerechnet dieser EKD-Repräsentant sieht sich jetzt dem Vorwurf ausgesetzt, dass sein eigenes Verhalten in solchen Zusammenhängen den protestantischen Prinzipien nicht entsprochen habe.

Wie die „Bild“-Zeitung am Dienstag öffentlich machte, hat der Rat der EKD, eines der obersten kirchlichen Beschlussgremien, im März ein Disziplinarverfahren zu Fragen der persönlichen Lebensführung gegen den Bevollmächtigten des Rates bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Bernhard Felmberg, eingeleitet. Die EKD hat diesen Bericht über das interne Verfahren gegen ihren obersten Politik-Lobbyisten bestätigt. Sie will aber, weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt, „zu Gerüchten und Spekulationen nicht weiter Stellung nehmen“, wie ein EKD-Sprecher sagte.

Christliche Lebensführung

Nach Informationen der Berliner Morgenpost geht es darum, dass der 47 Jahre alte Felmberg – er lebt in Scheidung – Liebesbeziehungen zu kirchlichen Mitarbeiterinnen unterhalten habe. Strafrechtlich relevant ist dabei nichts. Aber schon in „weltlichen“ Unternehmen dürfte dies bei einem so weit oben stehenden Mann mindestens Anlass zu ernsthaften Gesprächen geben.

Für den ordinierten Pfarrer Bernhard Felmberg jedoch – bis zu seinem Amtsantritt als Bevollmächtigter 2009 war er Ausbildungsleiter der Landeskirche in Berlin-Brandenburg – gilt kirchliches Recht. Pfarrerinnen und Pfarrer unterliegen in Ehe und Familie besonderen Verpflichtungen zur christlichen Lebensführung. Was daraus dienstrechtlich konkret folgt, wird von Landeskirche zu Landeskirche unterschiedlich ausgelegt.

Längst nicht überall führen Scheidungen, Wiederverheiratungen und Liebesbeziehungen zum Ausschluss aus dem Pfarrdienst. In der Kirche Konsens aber sind die drei großen V: Verantwortung, Verlässlichkeit, Vertrauen. Diese V werden auch in der erwähnten EKD-Familiendenkschrift eine große Rolle spielen. Und beim Disziplinarverfahren gegen Felmberg im EKD-Kirchenamt in Hannover ist nun zu prüfen, ob sein Verhalten von Verantwortung, Verlässlichkeit und Vertrauen geprägt war.

Repräsentanz am Gendarmenmarkt

Zudem ist Felmberg nicht irgendein Pastor. Er ist der oberste EKD-Repräsentant in der deutschen Politik, der von seinem Dienstsitz am Gendarmenmarkt aus mit aller kirchlichen Autorität ethische Prinzipien in die deutsche Politik hineinzutragen hat. Das hat Felmberg, der von 2000 bis 2002 Bundesgeschäftsführer des Evangelischen Arbeitskreises von CDU/CSU war, auch mit großem Einsatz getan. Doch jetzt kann sich für die Kirche die Frage stellen, ob Felmberg dieses Engagement fortzuführen vermag, wenn bereits die gesamte Kirche und längst auch Teile der Politik erfüllt sind von Gerüchten, wenn SMS kolportiert und traurige Geschichten erzählt werden. Mal ganz davon abgesehen, dass all dies Felmbergs Autorität als Hausherr der EKD-Repräsentanz am Gendarmenmarkt nicht gerade stärkt.

Doch bislang scheint man in der EKD nicht gewillt zu sein, die Frage nach der Möglichkeit einer weiteren gedeihlichen Zusammenarbeit mit dem Bevollmächtigten zu stellen. Obwohl es in der Gerüchteküche immer heißer wurde, beließ es der Rat der EKD bei dem – dienstrechtlich natürlich unumgänglichen – Disziplinarverfahren, verstand sich aber nicht dazu, die erregten und gekränkten Gemüter in Berlin zu beruhigen und Felmberg aus der Schusslinie zu nehmen.

Dabei gäbe es hierfür derzeit ausgesprochen elegante Begründungen: Im Herbst ist Bundestagswahl, die politischen Verhältnisse werden mithin sowieso neu gemischt. Zudem ist unlängst Felmbergs Stellvertreter David Gill ins Bundespräsidialamt gewechselt. Darüber hinaus hat kürzlich die evangelische Diakonie ihren Bundessitz nach Berlin verlegt, wo sie polit-lobbyistisch mit neuem Gewicht auftritt und somit zur Konkurrenz für den EKD-Bevollmächtigten werden kann. Und im Übrigen ist der EKD-Ratsvorsitzende Schneider, da er aus Altersgründen nicht mehr Präses der rheinischen Landeskirche sein kann, gerade nach Berlin gezogen. In der Hauptstadt also ändert sich kirchlich derzeit viel – eine ideale Gelegenheit, die EKD-Repräsentanz in Berlin neu zu ordnen.

Genau das auch wurde Schneider erst am Montag öffentlich nahegelegt, in einem Interview, das der Evangelische Pressedienst mit ihm geführt hatte. Darin wurde Schneider unter Erwähnung des Namens Felmberg gefragt, wie es angesichts der vielen Umbrüche in Berlin mit der EKD-Repräsentanz weitergehen solle. Was aber antwortete Schneider? „Mit Bernhard Felmberg arbeite ich wie bisher gut und gerne zusammen.“ In Berlin, so Schneider weiter, könne „es gar nicht genug engagierte Leute geben, die in der Lage sind, unseren Glauben und unsere Kirche in der Öffentlichkeit überzeugend darzustellen. Da kann man sich nur freuen!“