Drogen

Wie Bettina Uzler vom Todes-Trip wieder zurückfand

Drogen haben fast ihr Leben zerstört. In ihrem Buch „Party am Abgrund“ beschreibt Bettina Uzler, wie sie tage- und nächtelang im Drogenrausch feierte und wie sie schließlich Therapeutin wurde.

Foto: Eden Books / privat

Es sind zwei Szenen mit kleinen Hunden, eine lustige und eine traurige, die viel über eine verborgene Lebenswelt verraten.

Die erste Szene zeigt einen Welpen, der mit einem Ball in der Schnauze um die Ecke gelaufen kommt, bis er erschöpft von der Spielerei auf einen weichen Teppich plumpst. „Wenn du vom Fusion-Festival nach Hause kommst“, heißt dieses Filmchen, zu sehen ist es auf einem derzeit sehr angesagten Berliner Blog.

Es drückt aus: Nach Tagen voll Toben und Spielen auf einer Technoparty gehen die Lichter aus, wenn man nach Hause kommt. Aber man fällt weich. Wenn es ein Zuhause mit weichem Teppich gibt.

Die zweite Szene ist in dem Buch „Party am Abgrund“ zu lesen, das am Montag erscheint. Ein Mädchen erwacht aus dem Drogenrausch, irgendwo in Tschechien, es geht zu seinem VW-Bus, um nach dem einzigen Begleiter zu schauen, den es auf seiner endlosen Partytour durch Europa hat. Ein Welpe, den es unterwegs aufgelesen hat.

Die Geschichte eines selbstzerstörerischen Druffies

Der kleine Hund windet sich im eigenen Kot. Es hatte ihn einfach vergessen, tagelang, zugeballert im Drogenfilm. Kaum mehr ist dem Mädchen von dieser Feier geblieben als dieses erbärmliche Bild.

Das Mädchen von damals heißt Bettina Uzler, sie hat eine Autobiografie geschrieben, „Party am Abgrund“. Sie schildert in diesem Buch, wie sie als 22-Jährige Kokain aus Kolumbien schmuggelte, in Frankreich im Gefängnis saß, später von Party zu Party durch Europa irrte, Opium von Feldern der Pharmaindustrie stahl und als Drogenwrack in Berlin landete.

Es ist keine Heldenreise, sondern die Geschichte eines Druffies. So werden in der Szene jene Leute genannt, die so selbstzerstörerisch sind, dass sie selbst im Kreis der Exzessiven keine Freunde finden. Es ist ein mutiges Buch in einer Zeit, in der die deutsche Hauptstadt unter vielen Touristen in Europa vor allem dafür bekannt ist, dass hier coole Partys von Freitag bis Dienstag dauern.

„Freunde, an deren Gesicht man sich nicht mehr erinnert“

Weil es ehrlich ist und beide Seiten zeigt: dass grenzenloses Feiern nicht unbedingt schlecht ist, wenn man auf sich achtet. Man kann sich frei fühlen wie ein junger Hund, der im Wald gespielt hat und erschöpft auf dem Teppich einschläft. Aber auch, wie man sich verlieren kann in einer Schleife, in der „man jeden Abend Freunde fürs Leben findet, an deren Gesicht man sich am nächsten Tag nicht mehr erinnert“.

Bettina Uzler ist jetzt 42 Jahre alt. Sie öffnet die Tür zu ihrer hellen Praxis in Schöneberg, dem „Institut für Beziehungsdynamik“. Statt wie früher Dreadlocks auf rasiertem Schädel trägt sie braune Locken. Natürlich, aber adrett, dazu eine weiße Bluse. Sie ist diplomierte Sozialpädagogin, ausgebildete Heilpraktikerin, sie hat sich spezialisiert auf Paar- und Sexualtherapie.

Es riecht nach ätherischen Ölen, aber nicht wie in einer Hippiebude, sondern dezent wie in einem eleganten Wellness-Hotel. Und Uzler sieht so gesund aus, als würde sie eben dort arbeiten.

Weiß Bettina Uzler jetzt, wer sie ist?

Und doch fragt man sich, wer da jetzt vor einem steht. Über sich selbst hat sie geschrieben, dass sie damals viele Masken aufsetzen konnte, für jeden Anlass die passende. Eine für ihre Eltern, eine für ihre Freunde. Eine für DJs, die sie toll finden sollten, damit sie ihr die Partywelt zeigten, die sie wiederum toll fand. Aber wenn sie alleine war, dann habe sie nicht gewusst, wer sie war.

Weiß sie es jetzt? Und wenn ja, wie hat sie es herausgefunden? „Ich konnte das Buch schreiben, weil ich mittlerweile dazu stehen kann, wer ich bin“, sagt sie.

Das wird nicht leicht gewesen sein, man muss sich das ja erst mal trauen: Darüber zu schreiben, dass man ständig Ketamin mit Alkohol gemischt hat, obwohl klar ist, dass dieser Cocktail tödlich sein kann. Dass man Pulver von einer verkratzen Teflonpfanne gezogen hat. Dass man nie richtig bei den Jungs landen konnte, die man wirklich cool fand.

Christiane F. vom Bahnhof Zoo faszinierte sie

Sie habe entdeckt, dass man sich nicht schämen müsse für sein Leben. Sondern dass alles Handeln eben Gründe habe, die es erklärten. Den rohen Text zu ihrem Buch habe sie förmlich „ausgekotzt“. Und dann geordnet, die Gedanken zu einem schriftstellerischen Text gemacht, der nicht den Duktus der Therapeutin trägt, die sie heute ist. Wenn sie nun Freunden erklären möchte, wer sie früher war, dann gibt sie ihnen ihr Buch.

„Menschen entwickeln sich aus Krisen heraus.“ Wenn alles gut laufe, dann gebe es auch keinen Grund für Entwicklungsschritte. Uzler fing ihre Therapie an, als sie am Tiefpunkt angekommen war. Sie musste von den Drogen loskommen, um ihr neues Leben zu finden. Aber das war nur eine Bedingung. Es ging um viel mehr.

Aufgewachsen ist sie im bürgerlichen Süddeutschland. Sie erzählt, dass sie damals, als Elfjährige, das Kinoplakat zu „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gesehen habe. Christiane F. mit der Spritze im Arm, das habe ihr gezeigt, dass es eine andere Welt gab, eine Welt, von der ihre Eltern so getan hätten, als gebe es sie nicht.

Patienten aus der Berliner Partyszene

Mit 14 Jahren kletterte sie zu Hause aus dem Fenster und besoff sich auf einer Party. Im Vollrausch wurde sie vergewaltigt. Sie habe erst gedacht, dass der Mann dies aus Liebe getan habe. Es habe lange gedauert, bis sie erkannt habe, dass sie missbraucht wurde. Sie habe lange über Sex nach Liebe gesucht.

Ihre Erfahrungen helfen ihr heute bei der Arbeit. Wenn sie Paare therapiert und Menschen, die Probleme haben überhaupt Beziehungen einzugehen. So wie sie selbst lange. Sie könne Menschen an die Orte in ihrem Inneren begleiten, vor denen sie Angst hätten – weil sie sich selber ihre dunklen Seiten angeschaut habe, sagt sie. Sie hatte auch schon Patienten aus der Berliner Partyszene.

Uzler trägt heute Vibuthi als zweiten Vornamen, ein hinduistischer Begriff, der Asche bezeichnet, die aus dem Opferfeuer kommt. Und doch scheint sie allzu extreme Lebensstile zu meiden, auch spirituelle. Vielleicht ist das der Weg. Etwas Alkohol trinkt sie immer noch gerne, wenn sie auf einer Party mit echten Freunden ist. Sie war auch schon im Kater Holzig tanzen, aber um drei Uhr nachts wurde sie müde und ging.

Musik kann auch Therapie sein

Im Gruppenraum ihrer Praxis, der aussieht wie ein Ruheraum für Meditation, stehen Markenlautsprecher, die für ihren satten Bass geschätzt werden. Musik kann auch Therapie sein.

Kontakt zu Leuten, mit denen sie durch Europa reiste und nächtelang unter freiem Himmel tanzte, hat sie nicht mehr. Von damals ist nur noch ihr Hund geblieben, den sie damals fast sterben ließ im VW-Bus. Er heißt Tairo und ist 14 Jahre alt. Sie sagt, er habe ihr geholfen, nicht aufzugeben. „Er hat mich erinnert, dass ich noch Verantwortung trage.“

„Party am Abgrund“, erschienen bei Eden Books, 267 Seiten, 12,95 Euro