Werkstatt

Laien bauen Stradivari für die Berliner Philharmoniker nach

Wie eine Geige entsteht, lernen Teilnehmer bei einem Workshop der Berliner Philharmoniker. Mitnehmen dürfen sie das Instrument aber nicht - stattdessen tritt die Geige gegen eine echte Stradivari an.

Foto: Amin Akhtar

Konzentriert schiebt Leonie das Stecheisen in das Holz, schiebt es vorsichtig ein Stück weiter und zieht einen langen, schmalen Span ab. Dann misst sie mit einer Schieblehre nach. Auf genau fünf Millimeter Stärke muss sie das Holz aushöhlen, und bei dem Gedanken, sie könnte vielleicht zu viel wegnehmen, wird die 19-Jährige blass: „Das wäre blöd“, sagt sie und schaut kritisch auf die Form vor sich.

Dreimal drei Stunden lang hat sie die Verantwortung für das Holzstück, aus dem die Decke einer Geige werden soll. Am Tisch hinter ihr glättet Carolin den Geigenboden, am Nebentisch arbeitet Ayoko am Korpus, Ronja an der Schnecke, während Daniel die Wirbel schnitzt.

Im Mai soll aus den Einzelteilen eine fertige Geige entstanden sein. Und das, obwohl keiner der Teilnehmer bisher wirklich Erfahrung im Geigenbau hat. Sie alle haben sich Anfang des Jahres als Teilnehmer eines kostenlosen Workshops der Berliner Philharmoniker beworben, deshalb sitzen sie jetzt hier im Kreuzberger Geigenbau-Atelier.

Drei Wochen lang einmal in der Woche für drei Stunden

Auf Facebook und über den E-Mail-Verteiler warb das Education-Programm um Teilnehmer: „Sie wollten immer schon eine Geige bauen und sind zwischen 16 und 99? Dann machen Sie bei unserer Geigenbauwerkstatt mit.“ 20 Teilnehmer wurden ausgewählt. In vier Gruppen arbeiten sie seit Mitte Februar an der Geige, jeweils drei Wochen lang trifft sich jede Gruppe einmal in der Woche für drei Stunden.

Leonie, Carolin, Ronja, Ayoko und Daniel gehören zur dritten Gruppe, das heißt, die ersten Arbeiten sind abgeschlossen, die Geigenform ist schon klar zu erkennen. Das heißt aber auch: Sie müssen mit dem arbeiten, was ihnen die erste und zweite Gruppe hinterlassen haben.

„Es gibt schon noch ein paar Unebenheiten“, sagt Carolin und blickt kritisch auf den Boden. Die kleinen, kaum sichtbaren Erhebungen müssen weg, deshalb bewegt die 16-Jährige geduldig wieder und wieder eine Ziehklinge über das Ahornholz.

Jede Unebenheit ändert den Klang der Geige

Sie hat schon mal ein Praktikum bei einem Geigenbauer gemacht und kennt die Werkzeuge. Wenn sie mit der Schule fertig ist, will sie eine Ausbildung zur Geigenbauerin machen, auch deshalb bewarb sie sich sofort für den Workshop, als die Leiterin des Schulorchesters ihr davon erzählte.

Dabei war der Termin nicht unbedingt optimal für die Zehntklässlerin: Ausgerechnet jetzt, während des Workshops, steht sie mitten in den Prüfungen zum mittleren Schulabschluss (MSA). „Ach“, sagt sie lässig, „wenn man eine Sache wirklich will, dann findet man auch einen Weg.“ Gelernt wird eben an den übrigen Tagen. Jetzt geht es darum, den Geigenboden so glatt und ebenmäßig wie möglich hinzubekommen.

Jede Unebenheit, jeder Millimeter zu wenig oder zu viel verändert den Klang des Instruments. Das gilt für den Geigenboden ebenso wie für die Decke. Aber während der Boden für das Laienauge schon fast fertig aussieht, war die Decke auf der Innenseite noch weitgehend unbearbeitet, als Leonie sie an ihrem ersten Workshop-Tag übernommen hat.

Geduldig Span für Span aus dem Fichtenholzstück hobeln

Einen großen Haufen Holzspäne hat sie schon herausgeholt, auch jetzt konzentriert sie sich voll auf ihre Arbeit – und das, obwohl sie schon einen langen Tag hinter sich hat. Sie macht gerade eine Ausbildung zur Produktdesignassistentin und hat den ganzen Tag im Unterricht gesessen.

Jetzt sitzt sie wieder, drei Stunden lang, und holt geduldig Span um Span aus dem Fichtenholzstück. Dass die Decke noch nicht so weit war wie der Boden, hat sie nicht abgeschreckt, als die Teile der Geige verteilt wurden: „Wir wurden gefragt, was wir machen wollen, und die Decke hat mich besonders interessiert.“

Ronja entschied sich für die Schnecke. „Da kann man nicht so viel falsch machen wie bei Boden oder Decke“, sagt die 18-Jährige, die selbst nach einer längeren Pause seit Kurzem wieder Geige spielt. „Wenn man da was versaut, klingt die Geige nicht, bei der Schnecke sieht es nur doof aus.“

„Wir pusten unglaublich viel, wir Geigenbauer“

Aber das ist nicht etwa der Grund, weswegen die Schülerin an dem verschnörkelten Teil arbeiten wollte. Die Form gefiel ihr einfach, und abgesehen davon hat sie ja nicht vor, irgendetwas zu versauen. Mit den Fingern zieht sie die Windungen der Schnecke nach, um zu prüfen, an welchen Stellen sie noch mit dem Schleifstein nacharbeiten muss.

Daniel hat offenbar gute Vorarbeit geleistet: Der 26-jährige Mexikaner, der jetzt die Wirbel übernommen hat, arbeitete schon in der zweiten Gruppe mit und war dort für die Schnecke zuständig. Obwohl er selbst bisher wenig mit Streichinstrumenten zu tun hatte und nur „ab und zu ein bisschen Gitarre spielt“, übernahm der Physiker für drei weitere Workshop-Wochen den Platz, als ein anderer Teilnehmer absprang.

Einen Wirbel nach dem anderen schiebt er jetzt in den Schnitzer, bis die Palisanderhölzer genau den richtigen Umfang haben. Geigenbauerin Janine Wildhage, in deren Werkstatt die Workshop-Teilnehmer arbeiten, zeigt ihm, wie es geht: gut auf den Kranz achtgeben, zwischendurch Kernseife auf das Holz streichen, und einen Tipp, was er gegen Holzstaub machen kann, hat sie auch. „Pusten!“, rät sie. „Wir pusten unglaublich viel, wir Geigenbauer.“

Seit 20 Jahren fasziniert vom Thema Stradivari

Vor 20 Jahren hat die 39-Jährige ihre Ausbildung zur Geigenbauerin begonnen, seit 2007 arbeitet sie in ihrer eigenen Werkstatt in der Charlottenstraße. Viele Philharmoniker bringen ihre Streichinstrumente zu der Kreuzberger Geigenbauerin, so lernte sie auch Matthew Hunter kennen, der sie von der Idee eines gemeinsamen Geigenbau-Workshops überzeugte. Er ist Bratschist bei den Philharmonikern, Leiter der Philharmonischen Stradivari-Solisten Berlin und seit 20 Jahren vom Thema Stradivari fasziniert.

Ein bisschen etwas von dieser Faszination will er weitergeben, wenn er am 25. Mai das Familienkonzert der Philharmoniker moderiert, und entwickelte dafür gemeinsam mit dem Education-Programm der Philharmoniker die Idee, eine eigene Geige für das Konzert zu bauen und diese dort vorzustellen.

„Wenn ein Kind Geigenunterricht nimmt, gehen die Eltern mit ihm irgendwann zum Geigenbauer und suchen eine Geige aus“, sagt er. Aber wer mache sich schon klar, was für eine Tradition dahinter steht?

Jahrhundertealte Technik des Geigenbaus

„Das ist eine Technik, die sich seit 400 Jahren nicht geändert hat“, seit der Zeit, als Antonio Stradivari in Cremona seine Geigen baute. Eine dieser Geigen, die „König George III.“, ist das Vorbild für die Workshop-Geige – und gegen sie soll das Instrument der Handwerks-Laien dann auch beim Konzert antreten: „Die beiden Geigen werden nebeneinander präsentiert“, kündigt Matthew Hunter an, der keinen Zweifel hat, dass sich zwischen der Stradivari-Geige und dem jetzt gebauten Instrument eine große Kluft auftun werde.

Das wissen auch die fünf Workshop-Teilnehmer. Und trotzdem eint sie der Ehrgeiz, den Abstand zwischen den beiden Instrumenten nicht zu groß werden zu lassen. Sie wollen sich mit ihrer selbst gebauten Geige nicht blamieren, schließlich werden sie beim Konzert dabei sein, hören, wie sie klingt – und die Reaktionen der anderen Zuhörer beobachten können.

Damit die einen Eindruck davon bekommen, welcher Aufwand in dem Instrument steckt, sollen auf einer Leinwand Bilder vom Workshop gezeigt werden. Aber auch sie werden nicht vermitteln, was die stundenlange Arbeit am Holz wirklich bedeutet.

Die Teilnehmer dagegen wissen jetzt, wie lange es dauert, bis alle Teile der Geige fertig sind. Daniel etwa stöhnt leise, als Janine Wildhage nach einer halben Stunde Wirbelschleifen wieder an seinem Tisch vorbeikommt und fragt: „Gar nicht so leicht, oder?“ „Jaaa“, sagt er lang gezogen, „dabei sieht das doch so einfach aus.“

„Spurensuche in Cremona“ heißt das Familienkonzert der Berliner Philharmoniker am 25. Mai um 16 Uhr in der Philharmonie, bei dem die Geige der Workshop-Teilnehmer präsentiert werden soll. Karten: 8 Euro, für Kinder 4 Euro, Verkauf über das Kartenbüro (Tel. 030/254 88 999) und die Kasse der Philharmonie