DDR-Flüchtlinge

Gauck würdigt Aufnahmelager Berlin-Marienfelde

Vor 60 Jahren eröffnete das Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Marienfelde. Ab 9. April finden zur Erinnerung mehrere Veranstaltungen statt. Bundespräsident Gauck wird eine Rede halten.

Foto: mk olg / pa

Eines ist ganz sicher vergessen: Der Streit über das Geld zwischen Berlin und dem Bund. Für ein Bauprojekt, an dessen Sinn nicht alle glaubten, das bei seiner Eröffnung schon als zu klein für seine Aufgaben galt. Eine Beschreibung, die an heutige Großprojekte der Hauptstadt erinnert. Doch aus dem „Bau der Schwierigkeiten“, wie eine Zeitung damals schrieb, sollte das „Tor zur Freiheit“ werden.

Ein pathetischer Name, gewiss, doch hier begann für 1,3 Millionen Menschen ein neues Leben. Vor 60 Jahren eröffnete das „Notaufnahmelager“ in Marienfelde, das für Flüchtlinge und Ausgereiste aus der DDR die erste Bleibe im Westen wurde. Wo sie, im Wandel der Zeit, ein kalt-kriegerisches bis wohlwollendes Aufnahmeverfahren durchlebten.

Wenn Bundespräsident Joachim Gauck am kommenden Sonntag dort spricht, zum Abschluss einer am Dienstag bekannt gegebenen Veranstaltungsreihe, dann schließt sich auf den Tag genau ein Kreis mit Amtsvorgänger Theodor Heuss, der den Rohbau am 14. April 1953 feierlich eröffnete. Ein Zyklus, dessen Anfang und Ende kaum unterschiedlicher sein könnten.

Doch damit ist die Geschichte des Lagers in Marienfelde nicht abgeschlossen. Längst leben Hilfesuchende aus aller Welt in dem Komplex, der an eine Sozialsiedlung erinnert. 600 Menschen aus Krisengebieten wie Syrien und Afghanistan. Nach dem Mauerfall sind die Konflikte vielschichtiger geworden.

Anfangs eine Gratwanderung

Bei Heuss, vor 60 Jahren, war es so: Damals versuchte der Bundespräsident, die Erwartungen kleinzuhalten. Er betonte, dass der Westen Deutschlands nicht nach Übersiedlern rufe; er wolle „deutsches Land nicht um deutsche Menschen ärmer“ machen. Und so wurden in den ersten Jahren des Lagers, als noch die Geheimdienste der westlichen Alliierten die Ankommenden dort verhörten, vielen Übersiedlern der Status „Flüchtling“ vorenthalten. Sie harrten dann ohne Arbeitserlaubnis und größere Sozialleistungen in der damaligen Frontstadt aus. Das ist bis heute ein störender Fleck in der Geschichte des Notaufnahmelagers.

Diese Politik hing wohl auch damit zusammen, dass eine allzu einladende Aufnahmestelle ein untragbarer Affront in der noch jungen Ost-West-Politik gewesen wäre. Und man stapelte wohl auch deshalb tief, weil viele davon ausgingen, dass sich Berlin nicht längerfristig als Flüchtlingssammelpunkt eignen würde. Eine Zeitung zitierte einen Beamten aus dem Finanzministerium des Bundes so: „Berlin wird doch bald wieder blockiert, und es erscheint unzweckmäßig, Mittel zum Bau eines Notaufnahmelagers zur Verfügung zu stellen.“

Wenn nun am Sonntag, 60 Jahre später, der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck seine Rede hält, dann wird er nicht wie Heuss über niedrige Erwartungen sprechen, sondern über große Ergebnisse. 1,3 Millionen Menschen, die alleine über Marienfelde die DDR verließen – Gauck selbst wird das Ausrufezeichen für diese Zahl sein, ob er das so ausspricht oder nicht. Der Pastor aus Rostock, der nicht übersiedelte und doch an den Untergang des DDR-Staates glaubte, tritt nun als Staatsoberhaupt des Landes auf, in das viele seiner damaligen Mitbürger um jeden Preis auswandern wollten. Allein weil Gauck nun in dieser Institution als Bundespräsident steht, zieht er einen Schlussstrich unter die Zweifel an einer Einrichtung, an die anfänglich sogar im Westen viele nicht glaubten.

Halbe Millionen Euro zur Forschung

Dennoch wird es mehr als nur ein Festakt der selbstgewissen Symbolpolitik. Viel gibt es aufzuarbeiten in der Geschichte des „Tores zur Freiheit“. Und so haben die Betreiber der Gedenkstätte nun Veranstaltungen geplant, die mehr sind als ein Blick nach hinten. „Wo, wenn nicht hier?“, sagt Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer. „Bis heute ist das hier ein Auffanglager.“ So wird es am Freitag auch eine öffentliche Diskussion geben zum Thema „Menschen im Übergang. Flucht, Migration und Integration gestern und heute“. Die Geschichte des „Lagers“ im Süden Berlins setzt sich seit den Flüchtlingswellen der frühen 90er-Jahre fort. Auch dazu wird Gauck sich äußern müssen.

Zum 60. Jahrestag hat die Volkswagenstiftung nun eine halbe Million Euro zur Forschung gestiftet. Dass es um Aufklärung, nicht um siegestrunkene Rhetorik aus dem Kalten Krieg geht, zeigt allein der Titel des nun erscheinenden Buches des Zeithistorikers Keith R. Allen: „Befragung. Überprüfung. Kontrolle.“ Hier geht es auch darum, dass die westlichen Geheimdienste in den ankommenden Ausreisenden vor allem eines sahen: Informanten für die eigene Arbeit. Zudem infiltrierte die Staatssicherheit ihrerseits das Notlager.

Die anfängliche Praxis jedoch, viele der Ausreisenden als Flüchtlinge abzulehnen, änderte sich lange vor dem Mauerbau. Seit Mitte der 50er-Jahre wurden nahezu alle Ankömmlinge in Marienfelde anerkannt. Sie bekamen eine Arbeitserlaubnis und wurden über das Bundesgebiet verteilt. Auch die meisten der zunächst Abgelehnten bekamen später ihren Titel. Aber was geschah mit den wenigen Übersiedlern, die auch später noch abgewiesen wurden? Zurück in die DDR mussten sie jedenfalls nicht. „Über diese Gruppe wissen wir noch sehr wenig“, sagt Bettina Effner, Leiterin der Gedenkstätte.

Zeitzeugen statt Schaukästen

Die sehenswerte Ausstellung mit mehr als 900 Exponaten zeigt schon heute eine Dokumentation des Alltags im Auffanglager. Bis zu zwei Wochen blieben die Menschen hier, sie schliefen in Stockbetten, und damit Familien das zwölfstufige Verfahren zur Anerkennung als Flüchtling absolvieren konnten, gab es auch einen Hort für Kinder. Das alles aber ist Kulisse, vor allem lebt die Gedenkstätte von Beiträgen der Zeitzeugen. Das liegt im Ursprung der Gedenkstätte, die in den 90er-Jahren aus bürgerschaftlichem Engagement entstand.

Auch Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) ist Zeitzeuge. Er kam 1981 durch Marienfelde in den Westen. Die Chance auf eine Diskussion mit anderen lässt sich der Politiker nicht entgehen. Im Anschluss an die Rede des Bundespräsidenten am Sonntag spricht er mit weiteren Zeitzeugen. Bei Politikern war das Nothilfelager übrigens immer schon beliebt: Bereits einige Jahre nach der Eröffnung ließen sie sich dort gerne fotografieren. Vielleicht nutzt Henkel die Chance, um zu sagen, dass auch Gebäude mit einer schwierigen Planungs- und Entstehungsgeschichte am Ende eine große Geschichte haben können.