Abriss

Die Vorzeige-Siedlung am Lützowplatz liegt in Trümmern

Von der einstigen Siedlung am Lützowplatz aus den 80er-Jahren sind nur noch Schutthaufen geblieben. Jetzt sollen dort Luxuswohnungen gebaut werden statt Büros.

Foto: Sergej Glanze; Steffen Pletl / Glanze

Von den Sozialwohnungen am Lützowplatz, die nach den Plänen des Architekten Oswald Mathias Ungers 1984 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) errichtet wurden, ist nicht mehr geblieben als eine gut sortierte Trümmerlandschaft. Säuberlich haben Bagger Schuttberge mit unterschiedlich fein zertrümmerten Gesteinsbrocken aufgetürmt.

Der Wohnkomplex mit den markanten Giebelbauten und den großzügigen Mieterterrassen ist endgültig Geschichte. Doch was stattdessen auf dem Areal zwischen Lützowufer, Lützowplatz und Wichmannstraße konkret geplant ist, dazu hält sich die Eigentümerin, die Münchner Dibag Industriebau AG, noch bedeckt.

Bislang gibt es kein Bauschild

Ein Bauschild, mit dem Bauunternehmen üblicherweise werbewirksam mit Hochglanz-Simulationen auf ihr Projekt verweisen, fehlt an dem blickdichten Bretterzaun, der das Grundstück umgibt. Auch Presseanfragen bleiben unbeantwortet. Alle Verantwortlichen seien in den Osterferien, heißt es in der Unternehmenszentrale. Man möge sich doch später noch einmal melden.

Die Zurückhaltung des Münchner Baukonzerns ist indes nicht überraschend. Bereits 1998 hatte der Münchner Bauunternehmer Alfons Doblinger die 84 großzügigen Maisonette-Wohnungen gekauft, drei Jahre später erwarb er vom Land Berlin auch das zuvor in Erbpacht vergebene Grundstück. Doch dem Unternehmen ging es nicht um die Erhaltung und Sanierung der Siedlung – es präsentierte Pläne zum Bau eines Hotel-, Büro- und Wohnkomplexes und verschickte Kündigungen an die Mieter.

Die Dibag und die zum Teil in einer Bürgerinitiative organisierten Mieter der Ungers-Bauten stritten daraufhin jahrelang vor Gericht. Als sich abzeichnete, dass der Kampf um die Erhaltung der hochgelobten IBA-Siedlung letztlich ohne Erfolg bleiben würde, willigten schließlich auch die letzten Bewohner ein, ihre Wohnungen zu verlassen. Seit Dezember 2009 liegt eine Baugenehmigung vor, im Sommer 2012 verließen die letzten verbliebenen Mieter das Gebäude. Im Februar dieses Jahres starteten dann die Abrissarbeiten.

Mehr Wohnungen sollen entstehen, weniger Büros und Gewerbe

Inzwischen jedoch hat auch der Baukonzern Abstand von seinen ursprünglichen Planungen genommen. „Nun sollen deutlich mehr Wohnungen entstehen, dafür weniger Büros und Gewerbe“, so der Baustadtrat von Mitte, Carsten Spallek (CDU). Die öffentliche Auslegung der vorhabenbezogenen Bebauungspläne ende am kommenden Dienstag, so Spallek weiter. Er rechne mit keinen wesentlichen Einwendungen.

„An der Bruttogeschossfläche hat sich schließlich kaum etwas geändert“, so der Baustadtrat. Im Gegenteil: Diese sei sogar etwas kleiner geworden. Er begrüße die geänderten Planungen. Zwar sei klar, dass der Investor keine für Sozialmieter erschwinglichen Wohnungen plane. „Doch insgesamt ist das eine positive Entwicklung, denn je mehr Wohnungen im Bezirk Mitte entstehen, desto besser, egal in welchem Preissegment“, sagte Spallek.

Gerade weil der Baukonzern keine Bilder und Informationen zu seinem Bauvorhaben herausrückt, lohnt sich der Blick in die öffentlich zugänglichen Planungsunterlagen. Mit dem neuen Nutzungskonzept und einer geänderten Architektur reagiere die Dibag auf die veränderte Situation auf dem Immobilienmarkt in Berlin, heißt es darin beispielsweise.

„Während sich die Nachfrage nach Büroimmobilien in Berlin tendenziell eher abgeschwächt hat und insbesondere im Hotel- und Gastronomiesegment eine gewisse Sättigung eingetreten ist, besteht eine anhaltend hohe Nachfrage nach innerstädtischen Wohnungsangeboten“, heißt es weiter. Nunmehr sollen von den insgesamt 23.500 Quadratmetern 16.500 für das Wohnen vorgesehen sein und damit 7000 Quadratmeter mehr als ursprünglich geplant.

Kein geschlossener Block um zentralen Innenhof

Wie viele Wohnungen vorgesehen sind, ob diese als Miet- oder Eigentumswohnungen konzipiert sind, dazu gibt es auch im Bebauungsplan keine Angaben. In den Planungsunterlagen findet sich lediglich der Hinweis, dass die Voraussetzungen für „qualitativ hochwertiges Wohnen“ geschaffen werden. Legt man eine Wohnungsgröße von durchschnittlich 100 Quadratmetern zugrunde, könnten rund 165Wohnungen entstehen – doppelt so viele wie in der abgerissenen IBA-Siedlung mit ihren großzügigen Mietergärten und Terrassen.

Damit auf dem rund 7000 Quadratmeter großen Grundstück hochwertiges Wohnen überhaupt möglich wird, haben die Bauherren auch die Anordnung des Gebäudekomplexes auf dem Areal noch einmal deutlich abgeändert. Anders als in der ursprünglichen Planung ist kein geschlossener Block um einen zentralen Innenhof mehr geplant.

Nunmehr soll ein lang gestreckter Gebäuderiegel für Büro- und Geschäftsnutzungen das Grundstück zum Lützowplatz hin abgrenzen. An diesen sind, wie die Zacken bei einem Kamm, vier Wohnzeilen mit je sieben Geschossen angegliedert. Die Dächer der Wohnzeilen sollen begrünt werden. Geplant ist zudem eine Tiefgarage, die sich zum Teil unter den mit begrünten und mit Bäumen bepflanzten Höfen zwischen den einzelnen Wohnzeilen erstrecken soll.

Die Zustimmung des von der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher eingesetzten Baukollegiums hat das Neubauvorhaben bereits. Die Investoren hatten das geänderte Vorhaben dem Gremium bereits im vergangenen Jahr präsentiert.