Fotografie

Berliner Nachkriegsfotografien nach 60 Jahren entdeckt

Der Fotograf Ernst Hahn streifte in den Jahren 1950/51 mit seiner Kamera durch Berlin. Erst mehr als 60 Jahre später tauchten seine Arbeiten wieder auf. Sie erscheinen nun als Bildband.

Unterschwellig sind sie immer bei ihm gewesen, diese Bilder. Gut verwahrt in seinem Kopf und in einer alten Blechschachtel in seinem privaten Fotoarchiv. „Beim Nachdenken über die Vergangenheit habe ich immer auch an diese Bilder gedacht“, sagt Ernst Hahn. Der heute 86-jährige Fotograf lebt in Wilmersdorf.

Er ist bescheiden und wortgewandt. Sagt „gnädige Frau“ und spricht viel von „Schicksal“ und „Fügung“. Und wahrscheinlich war es auch das, was ihn, den gebürtigen Babelsberger, der damals eine Ausbildung in der Fachklasse Fotografie der Kunstgewerbeschule Zürich machte, genau an jenen Tagen ins Nachkriegsberlin zog, als dort alles in Trümmern lag. Die Aufnahmen, die während zweier kurzer Besuche bei seinen Eltern entstanden, blieben über 60 Jahre nahezu unbeachtet. Nun gibt es sein „fotografisches Tagebuch“, wie Hahn es nennt, als Bildband: „Berlin um 1950 – Fotografien von Ernst Hahn“ (Edition Friedenauer Brücke).

Über Umwege kam er zur Kunst

Ernst Hahn hat ein bewegtes Leben. 1926 im damaligen Arbeiterviertel Nowawes, heute Potsdam-Babelsberg, als Sohn einer Blumenhändlerin und eines Landschaftsgärtners geboren, erkrankte Hahn 1941 an „nasser Rippenfellentzündung“. In den Jahren darauf verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends, dann wurde Tuberkulose diagnostiziert, später kam noch eine Erkrankung des rechten Kniegelenks dazu. Hahn wurde ausgemustert – und schämte sich: „Hahn, du Schuft, die anderen dürfen für Volk und Vaterland kämpfen, und du…“ Es waren damals andere Zeiten. Viele von Hahns Freunden und Klassenkameraden kamen nicht zurück. Für Ernst Hahn reihten sich Aufenthalte in Lungenheilstätten, Sanatorien und Kurorten aneinander. Auch das wahrscheinlich alles Fügung und Schicksal, auch wenn es sich damals für den jungen Mann sicher noch nicht so anfühlte.

In der Schweiz schließlich wurde sein krankes Knie operiert. Das war im Mai 1945. Seitdem ist sein rechtes Bein steif – das Kniegelenk war entfernt worden. In all den Jahren der Bettlägerigkeit hatte Hahn sich mit Schönschriften und Schrifttypen beschäftigt. 1947 wurde ein Grafiker auf ihn und seine Begabung aufmerksam und empfahl ihm, sich an der Kunstgewerbeschule in Zürich vorzustellen. Hahn wurde aufgenommen und lernte fortan alles über Fotografie und Grafik.

Rückkehr nach Berlin

Im Jahr 1950 kam Hahn als Student erstmals seit Jahren zurück nach Berlin. Die Fotos, die er hier machte, nennt er „Ferienarbeit“, „Tagebuch“ oder „Arbeitsbelege“. Die Begrifflichkeiten an sich klingen emotionslos, Hahn ist es nicht. Er sieht seine Fotos eben nur nicht als künstlerisches Werk an, eher als sachliche Dokumentation. Vielleicht war die Rolleiflex, die der junge Student sich damals bei seinen Streifzügen durch Berlin vors Auge hielt, auch in erster Linie ein Filter. Ein Emotionenfilter. Denn das, was Hahn damals sah, ließ ihn schaudern: „Bis auf die Knochen berührt hat mich das.“ Die Bilder der zerstörten Stadt, die hungernden Menschen, die in den Trümmern lebten. Aber er erlebte auch das Gefühl des Wiederaufbaus. Sah, wie Trümmerfrauen Steine klopften. Ihm war bewusst, dass er bei einem ganz besonderen Umbruch dabei war. „Vor allem die Arbeiter, die überall nach und nach die letzten Spuren der Geschichte beseitigten, machten mir deutlich, dass da eine Zäsur stattfand“, sagt Ernst Hahn heute.

Nach seiner Abschlussprüfung 1952 arbeitete Hahn als Fotograf an verschiedenen Orten, lehrte unter anderem an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, wurde Industrie- und Werbefotograf in Stuttgart-Wangen. Eine Annonce der Siemens&Halske AG in der Berliner Morgenpost führte 1961 schließlich dazu, dass Hahn mit seiner Frau Eveline Litty, die er 1955 geheiratet hatte, nach Berlin zurückkehrte. Bis zu seiner Pensionierung 1991 war Hahn Leiter des Fotoateliers der Hauptwerbeabteilung.

Dass seine Berlin-Bilder nun „in sachverständige Hände gefallen sind“, ist auch wieder Schicksal, das ein wenig nach dem Schema „Jemand kannte jemanden, der jemanden kannte, der Ernst Hahn kannte“ ablief. Ernst Hahn fotografiert auch heute noch – mit seiner altbewährten Ausrüstung aus den 1950er-Jahren.

„Berlin um 1950 – Fotografien von Ernst Hahn“, Edition Friedenauer Brücke, Hardcover, 216 Seiten, 280 Abbildungen, 39 Euro