Mysteriöser Vorfall

Berliner Eltern haben Angst vor Kindesentführern

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Michael Behrendt und Peter Oldenburger

Foto: Markus C. Hurek / picture alliance / Markus C. Hur

Im Februar erstattete ein Vater Anzeige, weil seine Tochter entführt werden sollte. Nun sorgt ein Brief einer Schulrektorin für Aufregung.

In einem Einkaufszentrum in Berlin-Steglitz ist ein kleines Kind möglicherweise nur knapp einer Entführung entkommen.

Die Dreijährige hatte mit einem etwa gleichaltrigen Mädchen in einem dafür vorgesehenen Bereich gespielt und war dann dem fremden Kind und Erwachsenen auf eine Rolltreppe gefolgt. In letzter Sekunde entdeckte der Vater seine Tochter auf der Rolltreppe, folgte ihr und nahm sie in einem günstigen Moment zu sich. Die anderen Erwachsenen seien dann in verschiedene Richtungen geflohen.

Der Vater zeigte den Zwischenfall bei der Polizei an, die daraufhin Ermittlungen einleitete. Die Berliner Polizei kommt bislang zu dem Ergebnis, dass keine Hinweise auf eine Entführung des dreijährigen Mädchens erkennbar seien. Die Ermittlungen dauern jedoch an.

Vater erstattete Anzeige wegen möglicher Kindesentführung

Der mysteriöse Vorfall hat sich laut Polizei bereits Anfang Februar 2013 im Forum Steglitz nahe dem Walther-Schreiber-Platz an der Schloßstraße zugetragen.

Zwei Ehepaare, darunter die Eltern der Dreijährigen, hielten sich am 9. Februar, einem Sonnabend, gemeinsam in dem Einkaufszentrum auf und unterhielten sich, während das Mädchen unter Aufsicht der Eltern mit anderen Kindern spielte.

Plötzlich bemerkten die Erwachsenen, dass die Dreijährige den Spielbereich verlassen hatte. Nach kurzem Suchen sah der Mann seine Tochter auf einer Rolltreppe, wo das Mädchen mit einer Frau und einem Kind vor sich und zwei Männern hinter sich nach oben fuhr.

Am darauffolgenden Montag wandte sich der besorgte Vater an die Polizei und erstattete Anzeige wegen des Verdachts der versuchten Kindesentführung. „Der Mann hat völlig richtig gehandelt, indem er die Polizei informierte und seinen Verdacht geschildert hat“, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich am Dienstag der Berliner Morgenpost. Grundsätzlich sollte die Polizei bei solchen Vorkommnissen so schnell wie möglich unterrichtet werden, so der Kriminaldirektor.

Sichtung des Videomaterials bisher ergebnislos

Bei den umgehend aufgenommenen Ermittlungen hatten Beamte der Direktion 4 auch Zugriff auf Videoaufnahmen, die unter anderem einen Teil des Vorgangs auf der Rolltreppe dokumentieren. Das Center-Management des Forums hatte die Videobänder zur Verfügung gestellt. „Dabei konnte keine Einflussnahme der umstehenden Erwachsenen auf die Mädchen erkannt werden“, sagte Polizeisprecher Redlich. Es gebe nach Sichtung des Videos auch keine Anzeichen, die auf eine strafbare Handlung hindeuten würden.

Die Vermutung, dass Erwachsene ein Kind als Lockvogel für eine Entführung einsetzen, habe sich bislang nicht bestätigt. „Eine solche Vorgehensweise ist auch der zuständigen Abteilung 1 beim Landeskriminalamt nicht bekannt“, sagte der Polizeisprecher. Die Ermittlungen liefen dessen ungeachtet aber weiter. So sei denkbar, dass weitere Anzeigen nach vergleichbaren Vorgängen bei der Polizei eingehen.

Die Leitung des Einkaufszentrums Forum Steglitz bestätigte unterdessen den Vorgang. „Wir haben uns mit dem bei uns tätigen Wachschutzunternehmen in Verbindung gesetzt und darauf verständigt, dass das Sicherheitspersonal mit verstärkter Wachsamkeit auf Kinder und deren Begleiter achtet“, sagte Center-Manager Carsten Paul der Berliner Morgenpost. Nach seiner Kenntnis habe es keinen Entführungsversuch gegeben.

Mädchen als Lockvogel eingesetzt

Erhebliche Unruhe dürfte im Zusammenhang mit dem Fall ein Brief verursacht haben, der an Elternvertreter von Schulen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf gerichtet wurde. Die Konrektorin einer Zehlendorfer Grundschule warnte in dem Schreiben, das der Berliner Morgenpost vorliegt, vor einer der Polizei bekannten Personengruppe, nach der bereits gefahndet werde. Dabei setzten die Unbekannten ein Mädchen als Lockvogel ein, welches die Kinder „anspielt und weglockt“, heißt es unter anderem in dem Schreiben der Schulvertreterin.

Diese Angaben weist Polizeisprecher Redlich am Dienstag ausdrücklich zurück. Ihm sei das kursierende Schreiben bekannt, dessen Inhalt bezeichnet Redlich jedoch als „problematisch“. Es sei geeignet, bei Eltern Ängste zu schüren, für die es keinerlei Anlass gebe. Steglitz-Zehlendorfs Jugendstadträtin Christa Markl-Vieto (Grüne) sagte unterdessen, sie sei froh, dass sich der Verdacht auf eine versuchte Kindesentführung bislang nicht bestätige habe.