Luxus-Gefängnis

Der neue Wohlfühl-Knast am Heidering

Das klamme Berlin leistet sich ein Luxus-Gefängnis. Kommende Woche eröffnet der 118 Millionen Euro teure Prestigebau – mit viel Platz, großen Fenstern, Schallschutz und schicken Sportplätzen.

Foto: Marc Tirl / picture alliance / dpa

Fast unvermittelt taucht der Gebäudekomplex nach der letzten engen Kurve im Blickfeld auf. Aus der Ferne strahlt er nichts Bedrohliches aus, der Bau schmiegt sich in das leicht hängende Gelände südlich von Berlin. An diesem Donnerstag ist es mit der Beschaulichkeit vorbei. Dann wird die neue Justizvollzugsanstalt bei Großbeeren mit einer symbolischen Schlüsselübergabe eröffnet.

Damit hat eine fast fünfzehnjährige Planungs- und Bauzeit ein Ende – und wie bei derartigen Großprojekten üblich, kam der Gefängnisbau auch nicht ohne Verzögerungen und Preissteigerungen aus. Ursprünglich sollte das Gefängnis 90 Millionen Euro kosten, doch als bereits Anfang des Jahrzehnts die Kosten aus dem Ruder zu laufen drohten, wurde etwas kleiner geplant und der Kostenplan vor sechs Jahren auf 118 Millionen Euro erhöht. Der reine Bau blieb mit 18 Monaten im Soll.

Neu für die Insassen ist der Blick ins Freie

Mit der Eröffnung endet für den Berliner Strafvollzug die Ära der Steinzeit. Ein Großteil der zehn Berliner Gefängnisse ist mehr als 100 Jahre alt. Die Schriftsteller Karl May und Hans Fallada saßen in den dicken Backsteinbauten in Tegel und Moabit, die noch heute den größten Teil der Inhaftierten beherbergen. Die neue JVA wird künftig für bis zu 648 Insassen einen Strafvollzug garantieren, jedenfalls den modernsten in der Region. In Tegel ist bereits eine Teilanstalt geschlossen, nach der Eröffnung von Heidering soll eine zweite schließen.

Verantwortlich für die weitläufige Gefängnisanlage bei Großbeeren sind vor allem Anke Stein und Josef Hohensinn. Stein ist die Leiterin der JVA und war als frühere Projektleiterin von Anfang an mit dem Bauprojekt vertraut. Hohensinn ist der Architekt. Der Grazer hat bereits in seiner Heimat ein Gefängnis entworfen. Neu für die Insassen in Heidering wird der Blick ins Freie sein. Die Anstalt wird von zwei jeweils 1,7 Kilometer langen, 5,50 und sechs Meter hohen Zäunen umschlossen. Alle anderen Berliner Haftanstalten umgibt eine Mauer.

Der fast unverstellte Blick nach draußen gehört zum Konzept. „Es schadet nicht, das Ziel, die Freiheit, vor Augen zu haben“, sagt Stein. Aber auch die Einblicke von außen sind erwünscht. „Wir wollten das Gefängnis nicht als Fremdkörper in die Landschaft bauen.“

Architekt Hohensinn hat in seinen Planungen die Gebäude an das leicht abfallende Gelände angepasst und ein Farbkonzept aus Naturtönen entwickelt. Die Gebäude sind in rötlichen, grünen, aubergine- und petrolfarbenen Tönen gehalten. „Wir haben Farben aufgenommen, die in der Umgebung vorkommen“, sagt Hohensinn. Eigentlich wollte es der Architekt noch etwas lebendiger haben, um „im kleinen Sinn eine urbane Situation zu schaffen“, so der Österreicher weiter. Der Farbwechsel macht das Leben im Gefängnisalltag erträglicher.

Das Aggressionspotenzial des Baus gering halten

Bevor Hohensinn seinen ersten Justizbau geplant hat, hat er sich mit ehemaligen Insassen getroffen. „Um zu verstehen, wie die wahren Hintergründe sind“, wie er sagt. Übereinstimmend hätten seine Gesprächspartner „die totale Entmündigung“ hinter Gittern kritisiert. „Wie soll ich einen Menschen auch resozialisieren und auf das Leben draußen vorbereiten, wenn ich ihn bis zum letzten Tag total entmündige?“, fragt Hohensinn. Und gibt die Antwort mit seinen von viel Glas und Licht geprägten Justizbauten. Schließlich würde ein angenehmer Arbeitsplatz auch das „lebenslänglich“ der Beamten deutlich verbessern. Deshalb sei es das Ziel gewesen, das Aggressionspotenzial des Baus so gering wie möglich zu halten.

Im Mittelpunkt der neuen Haftanstalt steht die „Vollzugsmagistrale“, wie der 300 Meter lange Flur offiziell heißt. Auch das wird für die Häftlinge neu sein. In keinem anderen Gefängnis ist es möglich, 300 Meter geradeaus zu gehen, ohne eine Tür zu durchqueren oder vor einer Mauer zu stehen. Die Magistrale ist nicht beheizt. Die Insassen sollen den Wechsel der Jahreszeiten spüren, auch wenn sie eingesperrt sind, so die Idee des Architekten.

In der JVA Heidering werden 217 Bedienstete arbeiten. Die Pläne für das Projekt gehen auf Berlins ehemaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) zurück. Da die besonders maroden Anstaltsgebäude in Tegel teilweise unter Denkmalschutz stehen, konnten sie nicht renoviert werden, um die Situation der Gefangenen zu verbessern. Die Ex-Justizsenatorinnen Karin Schubert und Gisela von der Aue (beide SPD) brachten den Bau auf den Weg, Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) kann ihn jetzt eröffnen. Das Gelände bei Großbeeren gehörte zu den Berliner Stadtgütern, die JVA umfasst eine Fläche von 155.000 Quadratmetern.

Neu wird auch der Blick nach innen sein. Wie schon bei seinen anderen Justizbauten legt Hohensinn Wert auf Transparenz. Das Anstaltsleben soll sich nicht gänzlich von der Außenwelt abschirmen, sondern für die Nachbarn einsehbar sein. So fällt dann der Blick auf weitläufige Freianlagen. Es gibt drei Sportplätze und eine 400-Meter-Laufbahn. Zwischen den drei x-förmigen Wohngebäuden sind weitere Rückzugsorte vorgesehen. Wegen eines Sprunges im Gelände hängen die Wohntrakte an einigen Enden in der Luft und bieten so die Möglichkeit, sich auch bei Regen im Freien aufzuhalten.

Zahl der Gefangenen hat um ein Fünftel abgenommen

Der Bau des neuen Gefängnisses war lange umstritten. Kritiker sprachen sich gegen die Lage auf dem freien Land aus, weil es schwer für Besucher zu erreichen sei. Warum sich ausgerechnet das finanzklamme Berlin einen derartigen Bau leisten müsse, monierten andere. Zuletzt wurde gar bestritten, dass Berlin ein neues Gefängnis brauche. Seit mehreren Jahren sinkt die Zahl der Häftlinge in der Stadt. Mit deutlich mehr als 5000 Strafgefangenen waren die Berliner Haftanstalten in der Vergangenheit regelmäßig überbelegt. Teilweise mussten zwei Gefangene in einer acht Quadratmeter großen Zelle ohne abgetrennte Toilette leben. Die Berliner Gerichte bescheinigten daraufhin der Justiz regelmäßig eine menschenunwürdige Unterbringung. Zurzeit sind nach Justizangaben erneut rund 150 Klagen von Häftlingen bei den Gerichten anhängig, die eine Entschädigung für die ihrer Meinung nach unwürdige Unterbringung fordern.

Doch mittlerweile hat sich die Situation in den Gefängnissen grundsätzlich geändert. Mit derzeit rund 4000 Häftlingen hat die Zahl der Gefangenen um ein Fünftel abgenommen – der demografische Wandel kommt auch im Strafvollzug an. Wie die Gesellschaft auch, gibt es Tendenzen der Überalterung in der Haft. Mit den drei behindertengerechten Zellen nimmt Heidering diesen Trend auf.

Unruhe herrscht auch bei den Justizbediensteten. Hinter den Kulissen gibt es Ärger über die neue Stellenaufteilung. Die Beamten, die nach Heidering wechseln, fehlen in den anderen Anstalten – wo allerdings auch die Häftlingszahlen abnehmen. Zudem plant die Justiz weitere Stelleneinsparungen, schon jetzt können nicht alle Stellen für Auszubildende besetzt werden.

Anstalt bietet mehrere Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten

Der Gefängnisalltag wird sich für die Insassen trotz der neuen Räume und Möglichkeiten nicht ändern. Am Morgen, in der Regel um 6.30 Uhr, erfolgt die sogenannte Lebendkontrolle – die Justizbediensteten schließen die Türen auf, und jeder Häftling muss ein Lebenszeichen von sich geben, auch wenn er nicht aufstehen muss. Nach dem Frühstück folgt der Gang in die Schule oder zur Arbeit. Die Anstalt bildet mehrere Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten an, dabei soll künftig mehr auf die Vermittelbarkeit auf dem „echten“ freien Arbeitsmarkt als in der Vergangenheit geachtet werden. Am Nachmittag können sich die Insassen auf ihrer Station frei bewegen, Sport treiben oder im Gemeinschaftsraum gemeinsam kochen.

In den drei X-förmigen Wohngebäuden der Anstalt können insgesamt 648 Häftlinge untergebracht werden. Eine Wohneinheit besteht aus 18 Zellen, zwei Wohneinheiten bilden eine Station, zwei Stationen eine Ebene. Jeweils in der Mitte der Teilanstalten befindet sich der verglaste Wachraum, aus dem man in alle vier Haftflure blicken kann. „Panoptisches System“ heißt das im Justizjargon. Aber die Gefangenen können auch sehen, was die Beamten hinter dem Glas machen.

Seit Januar läuft der Probebetrieb des Gefängnisses. Die Technik wird im Echtbetrieb getestet. Allerdings ohne Test-Häftlinge. Die ersten echten Insassen werden Anfang April eintreffen. Sie werden nach und nach mit Gefangenentransportern nach Großbeeren kommen. Dabei handelt es sich zunächst um bereits inhaftierte Straftäter, deren Resthaft nicht länger als fünf Jahre dauert. Sie werden vor allem aus der JVA Plötzensee und Tegel nach Großbeeren ziehen. Danach ist geplant, die Häftlinge nach ihrer rechtskräftigen Verurteilung direkt aus der Untersuchungshaftanstalt Moabit für die JVA Heidering zu rekrutieren.