Kinderbetreuung

Wettlauf im Kita-Ausbau - Viele Bezirke hängen hinterher

Wenn ab August auch ganz kleine Kinder Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben, dürfte es eng in Berlin werden: Von 100.000 unter Dreijährigen besuchen aktuell 40.000 eine Kita oder Tagesmutter.

Foto: Stefan Puchner / dpa

Acht Monate, bevor ab August auch für die ganz kleinen Kinder der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz gilt, bietet Berlin für weniger als die Hälfte der Kinder unter drei Jahren eine Betreuungsmöglichkeit an. Von knapp 100.000 Kindern in dieser Altersgruppe besuchen 40.000 eine Kita oder eine Tagesmutter.

Ob mehr Eltern ein solches Angebot einfordern, wenn sie einen Anspruch darauf geltend machen können, das ist die große Unbekannte. In einigen Bezirken gibt es schon jetzt Engpässe beim Angebot an Kita-Plätzen: In Marzahn-Hellersdorf, Pankow, Lichtenberg und Reinickendorf sind mehr Plätze belegt, als offiziell angeboten werden.

Pankower Kinder gehen früher in die Kita

Die Zahlen, die die Senatsverwaltung für Bildung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken zusammengestellt hat, zeigen die Unterschiede zwischen den Bezirken. In Pankow schicken die Eltern ihre kleinen Kinder sehr viel früher in die Kita als etwa in Spandau oder Steglitz-Zehlendorf. In vielen Bezirken im östlichen Teil der Stadt werden 60 Prozent der unter Zweijährigen außer Haus betreut. In den westlichen Stadtteilen sind es vielerorts nur etwas mehr als 30 Prozent.

Das Bild gleicht sich an, wenn die Kinder älter werden. Von den Drei- bis Vierjährigen besuchen in ganz Berlin neun von zehn Kindern eine Kita, die Hälfte davon ganztags. Die Differenzen liegen zwischen 95,6 Prozent aller Kinder in Pankow bis 85,6 Prozent in Neukölln. Bis zum letzten Vorschuljahr steigt der Anteil der professionell außerhalb der Familie betreuten Kinder auf 93,5 Prozent an. Doch hier zeigt sich, dass in einigen Bezirken eben jedes zehnte Kind keine Kita besucht. Allein für Neukölln und Mitte bedeutet das, dass jeweils 300 Kinder zur Schule kommen, ohne je Kontakt mit dem offiziellen System frühkindlicher Bildung gehabt zu haben.

„Besondere Herausforderung“ für Jugend-Staatssekretärin

Jugend-Staatssekretärin Sigrid Klebba (SPD) spricht von einer „besonderen Herausforderung“, die Kindertagesbetreuung zügig bedarfsgerecht auszubauen. Im vergangenen Jahr seien 4600 zusätzliche Plätze durch die Programme des Landes und des Bundes geschaffen worden. Die gleiche Marke strebt die Stadt auch 2013 an, wobei die 15,2 Millionen Euro der Bundesregierung speziell für die Null- bis Dreijährigen eingesetzt werden sollen. Die CDU hält diese Summe allerdings nicht für ausreichend. Wie berichtet, fordert die Abgeordnetenhaus-Fraktion in den laufenden Haushaltsplanungen des Senats, das Landesprogramm zum Kita-Ausbau von 16 auf mindestens 20 Millionen Euro aufzustocken.

Der politische Aktivismus der Regierungen in Land und Bund stellt die freien Kita-Träger, die einen Großteil der neuen Betreuungsplätze aufbauen sollen, vor Schwierigkeiten. Die Marzahn-Hellersdorfer Jugendstadträtin Juliane Witt (Linke) berichtet, viele Träger warteten gerade auf die Zusage, wie viel Geld sie aus dem Landesprogramm bekommen werden. Ohne eine solche Garantie können sie nicht zur Bank und keinen Bau beginnen. Gleichzeitig hat nun die Bundesregierung ein neues Förderprogramm für die Null- bis Dreijährigen gestartet, seit am 21. Februar das Bundesgesetz zum Ausbau in Kraft trat. Berlin erhält daraus 27,6 Millionen. Davon muss bis Juni die Hälfte gebunden, also fest verplant sein.

Kita-Träger warten auf Zusagen

Um das zu schaffen, sollen die Träger bis März für neue Projekte Zuschüsse beantragen, die bis Ende 2014 abgeschlossen sein müssen. „Es ist klar, dass diese Zeitabläufe für die Leute in der Praxis ein Problem darstellen“, sagte die Stadträtin. Nach ihrer Wahrnehmung mangele es nicht am Willen, zusätzliche Plätze für Kinder bereitzustellen, sondern an einer Ausbaukultur: „Die Träger warten noch auf Zusagen aus dem Landesprogramm, und gleichzeitig sollen sie sich überlegen, ob sie neue Anträge an das Bundesprogramm stellen.“

Kita-Gebäude herzustellen ist das eine, sie mit qualifiziertem Personal auszustatten, scheint jedoch eine ebenso große Schwierigkeit zu sein. „Viele Kitas haben neu eröffnet, können aber ihre Plätze nicht besetzen, weil sie keine Erzieher finden“, sagte Norman Heise, als Vorsitzender des Landeselternausschusses Kita der gewählte Repräsentant der Berliner Kita-Eltern. In Hellersdorf gebe es eine Kita der Arbeiterwohlfahrt, die für 120 Plätze ausgelegt sei, aber nur wenige Kinder aufgenommen habe, obwohl im Bezirk der Bedarf sehr hoch sei. Stadträtin Witt bestätigt das Problem. Der Fachkräftemangel sei eine hohe Hürde: „Wir haben Erziehermangel.“ Es sei aber auch nicht ungewöhnlich, dass eine neu eröffnete Kita erst allmählich gefüllt werde, um unterschiedliche Jahrgänge aufnehmen zu können.

Opposition im Abgeordnetenhaus ist skeptisch

Ob nun die Anstrengungen ausreichen, um ab August den Rechtsanspruch auf Betreuung für alle über Einjährigen einlösen zu können, ist noch nicht absehbar. „Das wird eine große Überraschung werden“, sagte Heise. Nach Darstellung des Elternvertreters hätten die Behörden immer noch keinen klaren Überblick über die Bedarfslage. Eine Software, die es erfasst, wenn sich Eltern bei mehreren Einrichtungen auf die Warteliste setzen lassen, und sie auch wieder löscht, wenn sie einen Vertrag unterschrieben haben, war für dieses Frühjahr angekündigt. Die Einführung sei aber auf das Jahresende verschoben worden, so der Elternvertreter.

Der Senat geht bisher in seinen langfristigen Bevölkerungsprognosen davon aus, dass der Bedarf mit der nun geplanten Erweiterung des Angebots auch langfristig gedeckt werden kann, anders als bei den Schulplätzen, wo auch in den kommenden Jahren große Investitionen notwendig sein werden. Aus Sicht der Opposition ist offenkundig, dass es keine Punktlandung beim Kita-Ausbau geben kann. Zwar sei Berlin, was Kita-Plätze angeht, besser aufgestellt als viele andere Bundesländer, sagte die Jugend-Expertin der Grünen, Marianne Burkert-Eulitz. Von der rechtlichen Vorgabe, wonach die Kinder wohnortnah betreut werden sollen und die Eltern ein Wahlrecht haben, sei man aber weit entfernt in Berlin: „Von einer entspannten Suche nach einem Kita-Platz kann keine Rede sein. Die Eltern nehmen, was sie kriegen können.“