Berliner Clubszene

Projekt „Holzmarkt“ - Die große Freiheit an der Spree

Zwei legendäre Clubs hat Christoph Klenzendorf mit dem „Kater Holzig“ und der „Bar 25“ in Berlin bereits geschaffen. Doch seine Pläne von einem alternativen Kreativdorf könnten alles übertreffen.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Es ist nicht leicht, in Berlin einen Platz zum Leben zu finden. Gentrifizierung knallt auf Subkultur, Kulturbegeisterung auf Profitgier, Investoren auf Alternative. Es stellt sich die Frage: Wie möchten wir leben in unserer Stadt? Wie stellen wir uns Berlin in der Zukunft vor?

Das sind alles Dinge, über die Christoph Klenzendorf (38) in den vergangenen Jahren sehr viel nachgedacht hat. Herausgekommen sind wahnwitzige Underground-Clubs wie die „Bar 25“ und das „Kater Holzig“. Mit ihnen haben Klenzendorf und sein Team Berliner Legenden geschaffen. Doch seine neueste Antwort auf all diese Fragen könnte in Berlin noch mehr verändern.

Leben, arbeiten, feiern

Christoph Klenzendorf hockt auf dem stilsicher zerschlissenen Sofa im Büro des „Kater Holzig“ und zieht die Nase hoch. Er ist gestresst und erkältet und eigentlich redet er nicht gerne über sich selbst. Trotzdem ist er derjenige, der „halt sein Gesicht in die Kamera hält“, wenn es drauf ankommt. So ist das abgesprochen im Team, das sich selbst als „Business-Hippies“ bezeichnet. Und nun kommt es mal wieder drauf an. Klenzendorf und sein Team brauchen nämlich Geld. Viel Geld.

Ein eigenes Dorf mit eigenen Regeln

Ihr Traum ist es, ein völlig neues Stadtquartier am Spreeufer von Friedrichshain aufzubauen. Für den sogenannten „Holzmarkt“ müssen sie rund vier Millionen Euro Eigenkapital zusammenbringen, damit die Banken den Rest beisteuern. Am Ende soll auf den rund 18.000 Quadratmetern an der südlichen Seite der Bahntrasse eine Art Kreativdorf entstehen, in dem gefeiert, gearbeitet und gewohnt wird.

In der Wunschplanung gibt es in dem Dorf etwa 400 Studentenwohnungen, ein Hotel, einen Technoclub, eine Kita, Ateliers, Werkstätten, Einkaufsläden und einen öffentlichen Park. Es soll alles geben, was man zum Leben braucht. Wie ein richtiges Dorf eben. Der Spatenstich ist für Mai geplant, doch noch fehlen für den „Holzmarkt“ nach eigenen Angaben 2,5 Millionen Euro.

Berlin ist eine gute Stadt, um die Beine baumeln zu lassen

Damals, im Jahr 2004, als Christoph Klenzendorf anfing zu träumen, brauchte er nur ein paar Musikboxen und einen Campingwagen, aus dem heraus er Bier verkaufte. Aus losen Brettern von benachbarten Baustellen zimmerte er eine Strandbar. Das Herz der „Bar 25“.

Klenzendorf hatte damals gerade seinen Job als Modefotograf gekündigt und war ein paar Monate „exzessiv rumgetingelt“. Weg von der Oberflächlichkeit, hin zu sich selbst. Berlin sei eine gute Stadt, um einfach mal die Beine baumeln zu lassen, sagt er. „Und ich habe schnell Freunde gefunden, die das Gleiche gefühlt haben.“ Also haben sie eine Zeit lang gemeinsam getingelt und gebaumelt. Bis es genug war. Bis sie sich nach Boden unter ihren Füßen sehnten. Sie wollten etwas schaffen, das nicht fremdbestimmt ist. Das besonders ist und das nur ihnen gehört. Deshalb mieteten sie zu günstigen Konditionen das Gelände an der Spree, auf dem im Frühjahr auch der „Holzmarkt“ entstehen soll.

Sie fingen an zu basteln und am Ende hatten sie mit der „Bar 25“ ein Projekt geschaffen, dessen Bretterbuden-Herz genau im Takt der Zeit schlug. Deshalb wurde sie zu einer Legende. Sie verkörperte das, was sich junge Leute im ganzen Land unter dem Berliner Lebensgefühl vorstellten. Sie war ein Rummelplatz für Erwachsene, auf dem man statt gebrannter Mandeln eben Partydrogen naschte. Es gab einen Club und ein Restaurant, eine Feuerstelle und Schaukeln, eine Zirkusarena und ein Freiluftkino, einen Wellness-Bereich und Autoscooter.

Villa Kunterbunt mit Techno-Soundtrack

Alles war bunt und wild, verspielt und frei. Familiäre Anarchie in einer Villa Kunterbunt mit Technosoundtrack. Im Sommer wohnten Klenzendorf und seine Kollegen in Bauhäuschen auf dem Gelände. Denn noch immer ging es vor allem darum: Einen Platz zum Leben zu finden. Als die „Bar 25“ im Herbst 2010 schließen musste, war Aufgeben deshalb keine Option.

Christoph Klenzendorf und seine Kollegen eröffneten auf der gegenüberliegenden Spreeseite das „Kater Holzig“. Das Konzept war ähnlich. Restaurant, Club, Strandbar, Techno und viel Verrücktes. Einiges haben sie sogar besser gemacht, als am Ende mit der „Bar 25“. Dort beschwerte sich die Szene über zu viele Touristen. Die Touristen beklagten sich über schlechte Behandlung und die Qualität des Essens im Restaurant konnte nicht mit der Arroganz des Personals mithalten. „Es ging uns halt nicht primär um die Gäste, sondern um einen Ort zum Feiern“, sagt Klenzendorf und niest.

Ein Ort der Berlin und der den Menschen gut tut

Obwohl sie beim Kater einiges anders gemacht haben, müssen sie das Grundstück im Sommer räumen. „Heute, bei den Plänen für das Kreativdorf geht es aber nicht nur um uns selbst“, sagt Klenzendorf und richtet sich kerzengrade auf. Hier solle ein Ort entstehen, der den Menschen gut tut. Der Berlin gut tut. Ein Ort, an dem die alternative, kreative Szene langfristig arbeiten könne. Und mal wieder scheint die Utopie von Christoph Klenzendorf direkt an die Berliner Sehnsüchte anzudocken. Er hat zahlreiche Unterstützer in der Kultur und in der Politik. Bei Anwohnern und Freigeistern sowieso.

Berlin ist müde vom ewigen Kampf

Berlin ist müde von dem Kampf zwischen Kultur und Kapital, Investition und Erhalt, Image und Authentizität. Der „Holzmarkt“ könnte eine Innovation werden, die alle Interessen miteinander vereint. Ein Paradebeispiel für ein Projekt, das diese Stadt aufwertet, ohne sie kaputt zu machen. Das Einzige was eben noch fehlt, sind zwei Millionen Euro. Deshalb gibt es auch die Holzmarkt Genossenschaft. Hier kann jeder als Investor einsteigen, der alleine oder gemeinsam mit anderen einen Anteil von 25.000 Euro zusammenbringt. 50 Genossen gibt es bereits, weitere werden gesucht. Doch selbst, wenn sie das Ziel von vier Millionen Euro bis zum Baubeginn im Mai nicht zusammenbekommen, fangen sie an. „Vielleicht wird nicht sofort alles gebaut und alles perfekt. Aber das Projekt soll ja auch ständig wachsen“, sagt Christoph Klenzendorf. Hustet, niest, strahlt.

Manchmal ist alles so einfach. Denn was Berlin wirklich braucht, ist vielleicht gar keine Perfektion. Sondern einfach ein Ort, an denen man mal die Beine baumeln lassen kann.

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