Begabtenförderung

Kritik an veränderter Bewertung der Schnelllerner-Tests

Bildungsverwaltung gab Kindern nicht deutscher Herkunft einen Bonus. Eltern sind erbost. Auch an den Europaschulen ist der Aufnahmetest in der Kritik.

In Berlin gibt es heftige Kritik am Aufnahmeverfahren für die so genannten Schnelllerner-Klassen. Viele Eltern können nicht nachvollziehen, dass die Bildungsverwaltung die Ergebnisse verändert hat, indem sie Kindern nicht deutscher Herkunft einen Bonus gewährte.

Rechtsanwältin Simone Pietsch sieht in der Vorgehensweise des Senats einen klaren Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz. „Gibt es eine unterschiedliche Bewertungsgrundlage, muss dies sachlich begründet werden“, sagt sie. Kinder nicht deutscher Herkunft dürften demnach keinen Bonus bekommen. Und wenn, dann müsste genau festgestellt werden, wer nicht deutscher Herkunft ist. Laut Definition der Bildungsverwaltung seien das Kinder, deren Muttersprache beziehungsweise Familiensprache nicht Deutsch ist.

Hinrich Lühmann, der als ehemaliger Schulleiter des Reinickendorfer Humboldt-Gymnasiums die Schnellläufer-Klassen mit aufgebaut hat, fordert die Bildungsverwaltung auf, die Zahlen auf den Tisch zu legen. Es könne nicht sein, dass sich in allen Bezirken weniger Kinder für die Begabtenförderung beworben haben, sagt er. Seiner Erfahrung nach sei das von Bezirk zu Bezirk verschieden. Lühmann kritisiert die Verschärfung des Tests. In Brennpunktbezirken führe das dazu, dass zu wenig Kinder den Test bestehen und keine Schnellläuferklassen mehr aufgemacht werden können.

Neuer Sprachtest für Europaschulen

Die Bildungsverwaltung stellt unterdessen klar, dass die Möglichkeit einer sogenannten Standardkorrektur für Kinder nicht-deutscher Herkunft im Handbuch für das neue Aufnahmeverfahren vorgesehen ist. Eine Benachteiligung dieser Kinder soll somit verhindert werden. In den Bezirken Mitte und Pankow sei dieser Korrekturwert bereits bei der Testauswertung durch die Schulpsychologen berücksichtigt worden. In den anderen Bezirken sei die Korrektur nachträglich vorgenommen worden.

Streit gibt es auch um die Aufnahmetests an den Europa-Grundschulen. Auch hier hat die Bildungsverwaltung einen neuen einheitlichen Test erarbeitet, der nun für alle Europa-Schulen gelten soll, an denen die Nachfrage größer ist als die Anzahl der Plätze. Am Mittwoch wurde die neue Verordnung von der Verwaltung veröffentlicht und ab Februar 2013 soll sie wirksam werden. Die Aufnahmetests für die Grundschulen sind allerdings schon im November 2012 von den Kindern abgelegt worden.

Dickens-Schule soll Aufnahmetest wiederholen

Die Charles-Dickens-Grundschule soll nun möglicherweise den Sprach-Test nach den neuen Maßstäben wiederholen. Hier gab es fast drei mal so viele Bewerber wie Plätze. 140 Vorschulkinder müssten dann erneut zur Prüfung antreten. In den kommenden Tagen soll von Bezirk und Senatsverwaltung entschieden werden, ob die Wiederholung tatsächlich nötig ist. „Für uns ist das Problem nicht nachvollziehbar, auch die Quentin-Blake-Europaschule in Steglitz-Zehlendorf hat nach dem alten Verfahren getestet und hier wurden die Ergebnisse vom Schulamt bereits anerkannt“, sagt der Schulleiter der Charles-Dickens-Schule in Westend, Frank Effenberger.

Die Neuregelung des Tests wird von den gefragten Europaschulen kritisch gesehen. Zwar wird begrüßt, dass das Verfahren vereinheitlicht wird, gleichzeitig werden aber auch die Zugangsvoraussetzungen für deutschsprachige Kinder erleichtert. Einfache Grundkenntnisse von 20 Prozent in der Partnersprache sind künftig ausreichend, bisher müssen die deutschsprachigen Kinder 65 Prozent im Sprachtest erreichen. Die Bildungsverwaltung will mit der Absenkung der Standards verhindern, dass die Europaschulen zu elitären Einrichtungen werden, die nur noch von Kindern besucht werden können, die vorher in einer teuren bilingualen Kita waren. Die Europaschulen fürchten jedoch, dass die Kinder so nicht mehr dem Unterricht folgen können und das bilinguale Konzept nicht mehr umsetzbar ist. Die Arbeitsgemeinschaft der Staatlichen Europaschulen fordert deshalb, die zweisprachige Vorschule an den Europaschulen wieder einzuführen. Dann wären die Sprachtests überflüssig und deutschsprachige Kinder könnten ohne Vorkenntnisse aufgenommen werden.

Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen fordert die Einrichtung von staatlichen Europa-Kitas. Solche bilingualen Kindergärten waren eigentlich nach der Abschaffung der Vorschule vorgesehen, wurden jedoch nie umgesetzt.