Nach Rücktritt

Vivantes-Chef Joachim Bovelet will hohe Abfindung

Bovelet schlägt goldenen Handschlag für seinen Abgang vor. Doch der Aufsichtsrat lehnt ab. Nun könnte der Streit vor Gericht landen.

Foto: David Heerde

Der Streit über die Ablösung des Vivantes-Chefs Joachim Bovelet wird möglicherweise die Gerichte beschäftigen. Bovelet hatte vergangene Woche überraschend angekündigt, seinen bis 2017 laufenden Vertrag nicht erfüllen zu wollen. Jetzt wurde bekannt, dass Bovelet in einem Brief an den Aufsichtsratschef des Klinikkonzerns, Hartmann Kleiner, anbot, seine Tätigkeit bereits Ende Mai zu beenden, der Vertrag solle aber bis zum Jahr 2014 weiterlaufen. Im Gegenzug könne er als Berater für das Unternehmen tätig werden. Er bitte um „wohlwollende Prüfung“, heißt es in dem Schreiben. Sein Vertrag war im Jahr 2010 für weitere sieben Jahre verlängert worden.

Kleiner und Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) lehnen dies nach Information der Berliner Morgenpost jedoch ab und schlugen ihrerseits das Vertragsende für den 28. Februar vor – ohne umfangreiche Abfindungszahlungen. Vivantes-Chef Bovelet verdient rund 450.000 Euro im Jahr.

Inzwischen habe Bovelet Anwälte eingeschaltet. Nach Informationen der Berliner Morgenpost sollen sie erklärt haben, dass Bovelet länger für den Konzern tätig sein werde, sollten sich beide Seiten nicht auf einen Aufhebungsvertrag einigen können. Joachim Bovelet selbst wollte sich am Donnerstag nicht äußern, Aufsichtsratschef Kleiner war nicht zu erreichen. Auch Finanzsenator Nußbaum wollte den Fall nicht kommentieren: „Ich will der Aufsichtsratssitzung am Montag nicht vorgreifen“, sagte er. Eine Sprecherin von Vivantes sagte: „Fest steht, dass er geht, einen Termin hat er noch nicht genannt.“ Bovelet habe vier Kinder und wolle nicht bis an sein Lebensende pendeln. Seine Familie lebt im nordrhein-westfälischen Olpe.

Sondersitzung des Aufsichtsrates

Am kommenden Montag wird sich der Aufsichtsrat des Unternehmens auf einer Sondersitzung auch mit der Personalie Bovelet beschäftigen. „Auf der Sitzung geht es theoretisch auch um die Nachfolge“, sagte eine Vivantes-Sprecherin. Aber auch um eine Reihe von Fragen des Aufsichtsgremiums an den Konzernchef. Über knapp 20 aus Sicht des Aufsichtsrates nicht geklärte Vorgänge will das Gremium Auskünfte. So sei nicht klar, warum das Unternehmen allein im vergangenen Jahr 3,2 Millionen Euro an Abfindungen gezahlt, das Berliner Landgericht die Klage von Vivantes gegen einen Dienstleister wegen schlechter Leistung abgewiesen habe und warum für die neue Zentrale des Konzerns in der Aroser Allee 1800 Quadratmeter mehr Fläche benötigt werden als ursprünglich geplant.

„Er hinterlässt eine Großbaustelle und will dennoch eine Abfindung“, klagt ein Krankenhausmanager. Bovelet war intern immer wieder in die Kritik geraten, weil er einen harten Sparkurs fuhr. Gleichzeitig bedauerten aber Teile der Mitarbeiterschaft seinen angekündigten Weggang. So zumindest äußerte sich ein Betriebsrat des Unternehmens.

Ursache für den Streit über das Vertragsende sollen Streitigkeiten zwischen Bovelet und Nußbaum sein. Der Vivantes-Chef soll von der Einmischung des Finanzsenators in Klinikangelegenheiten genervt sein. Der Finanzsenator veranlasste, dass alle Vergaben von Vivantes aus den vergangenen fünf Jahren von der Unternehmensberatung KPMG überprüft werden. Dies alles, auch ein anonymes Schreiben an Bovelets Ehefrau über Privatdinge, sei „ein Feldzug“ gegen ihn persönlich, habe er erklärt – und in der vergangenen Woche nach Gesprächen mit Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sowie mit Finanzsenator Nußbaum die Konsequenzen gezogen.

Der Aufsichtsrat des Klinikkonzerns äußerte sich betroffen über den überraschenden Rückzug des Vorsitzenden des Klinikums. „Der Aufsichtsrat bedankt sich ausdrücklich für die geleistete Arbeit und bedauert das vorzeitige Ausscheiden von Joachim Bovelet“, sagte der Aufsichtsratschef des Unternehmens, Hartmann Kleiner. „Joachim Bovelet hat in seiner Amtszeit dafür gesorgt, dass der Netzwerkgedanke bei Vivantes konsequent umgesetzt wurde. Er hat die landeseigenen Kliniken in einem schwierigen gesundheitspolitischen Umfeld strategisch zukunftsfähig ausgerichtet und die wirtschaftliche Konsolidierung des Unternehmens erfolgreich weitergeführt“, so Kleiner in einer Stellungnahme weiter.

Weitere Streitigkeiten

Mit dem Abschied Bovelets dreht sich das Personalkarussell bei Vivantes weiter. So hatte die Orthopädie-Chefin des Vivantes Klinikums im Friedrichshain, Karin Büttner-Janz, vor einem Jahr zunächst eine fristlose Kündigung erhalten, die vor dem Arbeitsgericht in eine geregelte Beendigung des Arbeitsverhältnisses umgeändert wurde. Gleichzeitig sprachen die Arbeitsrichter Büttner-Janz eine Abfindung in Höhe von 590.000 Euro zu. Auch hier sollen Streitigkeiten zwischen der Chefärztin und Bovelet eine Rolle gespielt haben. Davor hatte die stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung, Dorothea Dreizehnter, das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen. Auch der Personalchef Manfred Rompf und Finanzchef Peter Schnitzler haben ihre Arbeit bei Vivantes beendet. Aufsichtsratsmitglied und Ver.di-Landeschefin Susanne Stumpenhusen zeigte sich inzwischen genervt von der Personaldebatte bei Vivantes. „Was sich da an Klatsch und Tratsch abspielt, ist unglaublich“, sagte Stumpenhusen. „Ich möchte keinen Schaden für das Unternehmen und kommentiere das nicht.“

Aber auch jenseits der Personalie Bovelet kommt der Konzern nicht zur Ruhe. Ein Missbrauchsverdacht am Vivantes-Krankenhaus Auguste-Viktoria in Schöneberg beschäftigt derzeit die Justiz. Demnach ist bereits Ende vergangenen Jahres die Anzeige eines Rechtsanwaltes im Auftrag des Krankenhauses eingegangen. Der Fall liegt beim Landeskriminalamt zur Überprüfung. Es besteht der Verdacht gegen einen Pfleger, in mindestens drei Fällen Patienten missbraucht zu haben. Der Geschäftsführung wurde der Fall Anfang Dezember bekannt, vier Wochen später kam es zur Anzeige und zur Kündigung des Mitarbeiters. Dabei handelte es sich um einen seit 1994 bei Vivantes angestellten Pfleger, der in der Abteilung Innere Medizin arbeitete. Auch über diesen Fall wollen die Aufsichtsräte in ihrer Sitzung am Montag beraten.