Metall-Fassade

Scharouns Staatsbibliothek steckt jetzt in der Blechkiste

Außen „Pfui“, innen „Hui“: Ein Teil der Naturstein-Fassade der Staatsbibliothek ist hinter Blechen verschwunden. Denkmalschützer sind empört.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Als Hans Scharoun im Jahr 1964 mit seinem Entwurf den Wettbewerb für den Bau der Staatsbibliothek gewann, waren die Preisrichter des Lobes voll: Sie sprachen von einer meisterhaften städtebaulichen Konzeption, welche die verschiedenen Gebäude zu einem „überzeugenden und harmonischen Ensemble“ zusammenfügt.

Von einem harmonischen Ensemble kann im Moment keine Rede sein. Ein Teil der Naturstein-Fassade der Staatsbibliothek, die sich an fast allen Bauten am Platz wiederfindet, ist hinter Aluminiumblechen verschwunden. Das soll zehn Jahre lang so bleiben. Denkmalschützer und die Scharoun-Gesellschaft sind entsetzt.

Der Stein wird bröselig

Er habe es nicht glauben können, als er kürzlich in der Staatsbibliothek war und den vorgelagerten Bau, in dem ein Vortragssaal ist, mit den Metallplatten gesehen habe, sagt Rainer Köllner, Vorsitzender der Scharoun-Gesellschaft. Das Gebäude sei regelrecht entstellt und der Architekt Scharoun nicht mehr wiederzuerkennen. Ähnlich sieht es der Dahlemer Thomas Löwenstein.

Der Künstler hat sich bereits für die historische Fassade am Jagdschloss Glienicke starkgemacht. Jetzt will er Scharouns Erbe bewahrt wissen. „Blechkiste“ und „Metallcontainer“ – andere Worte findet er nicht für den verhüllten Bau. Was ihm am meisten Sorgen macht: „Die Metallplatten sind auf den Naturstein, einem Granit aus dem Fichtelgebirge, aufgeschraubt worden“, sagt Löwenstein. Das führe dazu, dass der Stein darunter bröselig werde und kaputt gehe. Für Löwenstein ist es unbegreiflich, „dass unter den Augen der Öffentlichkeit eine Ikone der Moderne zugekleistert werde“.

Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Baumaßnahme war notwendig

Die Baumaßnahme sei für die Sicherung der Fassade notwendig gewesen, sagt Stefanie Heinlein, Sprecherin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Stiftung ist Eigentümer des Gebäudes. Vor mehr als zwei Jahren hätten sich stellenweise Natursteinplatten abgelöst, sie drohten abzustürzen, so die Sprecherin. Jetzt habe man für zehn Jahre die Sicherheit wiederhergestellt.

Bauherr für die Arbeiten an der Staatsbibliothek ist das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Mit etwa 1,5 Millionen Euro beziffert Sprecher Andreas Kübler die Gesamtkosten für die Fassadensicherung mit Aluminiumblechen.

Das BBR ist auch für die Asbestsanierung des Gebäudes zuständig, die von 2010 bis 2015 bei laufendem Betrieb vorgenommen wird. In der Projektbeschreibung des BBR für die Fassadensicherung heißt es: „Umfangreiche Untersuchungen an der Natursteinfassade machen auf circa zwei Dritteln der Fläche eine mittelfristige Sicherung bis zur Sanierung der Natursteinplatten notwendig.“ Die besonders stark beschädigten Bereiche der Natursteinfassade würden mit einer vollflächigen Aluminiumbekleidung für einen Zeitraum von maximal zehn Jahren gesichert. Alle Arbeiten seien mit dem Landesdenkmalamt geplant worden.

Fassade wird nicht beschädigt

Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, zu der das Landesdenkmalamt gehört, bestätigt, dass die Grundsanierung nach zehn Jahren erfolgen soll. „Es wäre uns auch lieber gewesen, wenn wir das Gebäude instand setzen könnten“, sagt Petra Rohland.

Sie versicherte, dass die bestehende Fassade dabei nicht beschädigt wird. Nach Einschätzung des Landesdenkmalamtes handle es sich um eine „gestalterisch verträgliche Lösung“, die der Tatsache geschuldet sei, dass sie zehn Jahre halten soll. Dass die Fassade von Hans Scharoun wieder sichtbar werde, ist nicht nur im Interesse der Freunde und Verfechter des Architekten, der 1972 starb und die Eröffnung der Staatsbibliothek im Jahr 1978 nicht mehr miterlebt hat.

Auch der Nutzer des Gebäudes, die Staatsbibliothek, hat die Wiederherstellung der Scharoun-Fassade zum Ziel. „Wir sitzen in einem denkmalgeschützten Gebäude und haben ein Interesse daran, dass das Denkmal sichtbar ist“, sagt Jeanette Lamble, Sprecherin der Staatsbibliothek.

Kulturpolitiker sollen helfen

Sowohl für Rainer Köllner von der Scharoun-Gesellschaft als auch für Thomas Löwenstein ist der Zeitraum von zehn Jahren nicht hinnehmbar. „Ich hatte geglaubt, dass es sich um eine temporäre Maßnahme von zwei bis drei Jahren handelt, bis eine gute Lösung für die Sanierung gefunden ist“, sagt Köllner.

Der Scharoun-Experte befürchtet angesichts der langen Zeit bleibende Schäden an der Natursteinfassade. Das Kondenswasser zwischen den Metallplatten und dem Granit werde dazu führen, dass der Naturstein vergammle, so Köllner. Thomas Löwenstein, der zunächst dachte, dass es nur eine Baustellenverkleidung für die Fassadensanierung sein sollte, hat schon jetzt Beulen in den Metallplatten ausgemacht. Diese kämen von den Spannungen, da der Naturstein darunter nicht mehr atmen und arbeiten könne, sagt der Denkmalschützer.

Beide haben sich an den Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses gewandt. Was unter der Überschrift „Fassadensicherung“ laufe, konterkariere die Gestaltungsabsichten des Architekten, heißt es im Schreiben der Scharoun-Gesellschaft. „Diese sahen zum Beispiel einen Bezug zwischen dem Natursteinsockel der Nationalgalerie und der Natursteinfassade der Staatsbibliothek vor.“ Frank Janke (SPD), Vorsitzende des Kulturausschusses verspricht: „Wir werden im Dialog mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz versuchen, eine Änderung zu erreichen.“