Prozess

72-jähriger Busfahrer überfuhr Rentner - Geldstrafe

Vor einem Jahr wurde 76-Jähriger von einem Linienbus überrollt und starb. Der Busfahrer war nur vier Jahre jünger. Nun stand er vor Gericht.

Miodrag G. ist ein müde wirkender älterer Herr. Der 72-Jährige läuft unsicher durch das Gerichtsgebäude in der Moabiter Kirchstraße, blickt scheu um sich und wirkt geschockt, als er plötzlich das Kamerateam und die anderen Reporter sieht. Kein Zweifel – die Journalisten sind wegen ihm gekommen.

Miodrag G. stand noch nie vor Gericht. Es gibt über ihn auch ansonsten keine Einträge in einem Führungszeugnis oder gar einem Strafregister. Das wird sich an diesem Dienstag ändern. Ein Mensch kam durch ihn ums Leben. Die Anklage lautet: fahrlässige Tötung. Der gebürtige Serbe, der schon seit Jahrzehnten in Berlin lebt und als Busfahrer gearbeitet hat, weiß das. Aber so richtig begreifen kann er es offenkundig noch immer nicht.

Im Anklagesatz ist das alles auf 16 Zeilen zusammen gefasst. Dieses Geschehen vom 17. Januar 2012, gegen 17.45 Uhr. Miodrag G. saß mal wieder hinter dem Lenkrad einen Busses der Linie 373. Für ein Subunternehmen, das im Auftrag der Berliner Verkehrsbetriebe arbeitet. Er ist schon seit einigen Jahren Rentner, bezieht rund 1000 Euro pro Monat. Das Busfahren ist ein Zuverdienst. Ein 400-Euro-Job. Miodrag G.s Verteidiger wird später sagen, dass sein Mandant es nicht nur des Geldes wegen tut. Obwohl er dieses Zusatzeinkommen „für ein menschenwürdiges Leben bitter nötig“ habe. „Aber er hat auch Spaß dabei“, so der Anwalt. „Es ist doch gut, wenn ältere Menschen weiter arbeiten und ihren Geist bewegen.“ Das sei vom Staat doch so auch gewollt.

Ein alter Mann mit Krückstock

Der 17. Januar war ein regnerischer, trüber Tag. Gegen 17.45 Uhr war es zudem schon dunkel. Miodrag G. fuhr mit dem Bus von der Waltersdorfer Chaussee stadteinwärts und wollte nach links in die Groß-Ziethener Chaussee einbiegen. Auch für eine Fußgängergruppe, die die Groß-Ziethener Chaussee überqueren wollte, stand die Ampel auf Grün. Es waren nach Zeugenaussagen fünf, sechs Leute. Sie liefen los. Ein Mann konnte nicht mithalten. Er war 76 Jahre alt, leicht gehbehindert, lief an einem Stock.

Miodrag G. kann vor dem Moabiter Schöffengericht nicht erklären, was dann passierte. Da spielt sicher auch Verdrängung eine Rolle. Miodrag G. weiß aber noch genau, dass er die Fußgänger sah und wegen ihnen ja bremste. Er stand dabei halb auf der Kreuzung und hatte zuvor – das war der erste Fehler – einen entgegenkommenden Pkw übersehen. Der Fahrer ist als Zeuge geladen: 36 Jahre alt, sportlich wirkend, selbstsicher. Klar doch, sagt er, das habe ihn schon ziemlich geärgert, dass ihm der Bus die Vorfahrt genommen habe. „So sehr, dass ich dann auch auf die Hupe gedrückt habe.“ Sein Wagen sei ja schließlich nicht zu überhören gewesen: ein Audi S6 mit rund 300 PS. Der sei sehr laut, sagt er stolz. Und habe Scheinwerfer mit Xenon-Licht, also das Hellste, was Autoscheinwerfer zu bieten haben. Miodrag G. sagt, er habe, als der Autofahrer hupte, die Kreuzung langsam überquert. Zeugen erinnern sich jedoch, dass der Bus doch recht zügig gefahren sei. Es habe so ausgesehen, als habe der Busfahrer wegen des hupenden Autofahrers einen gehörigen Schreck bekommen und die Kreuzung deshalb möglichst schnell verlassen wollen.

Die Fußgängergruppe befand sich schon auf der anderen Straßenseite. Zurückgeblieben war jedoch der Senior mit dem Krückstock. Miodrag G. sagt: „Ich habe ihn wirklich nicht gesehen.“ Er könne sich das alles nicht erklären. Er spricht nicht besonders gut deutsch. Was er sagt, ergibt keinen rechten Sinn. Er schaut aufgeregt um sich, als sei er in die Enge getrieben, als hätten sich alle gegen ihn verschworen, und das Geschehen sei gar nicht richtig aufgeklärt. So kommt dann auch diese merkwürdige Kritik zustande: Dass es besser gewesen wäre, den alten Mann, den er umgefahren hatte, auf der Straße liegen zu lassen. „Dann hätte ich eine Skizze gemacht“, sagt er vorwurfsvoll. „Aber die Passanten haben ihn ja auf den Bürgersteig geholt.“ Das ist dann zu viel für den ohnehin zunehmend ungeduldiger wirkenden Staatsanwalt: „Es war ja wohl erst einmal wichtiger den Verletzten zu versorgen“, sagt er barsch.

Staatsanwalt plädiert auf fahrlässige Tötung

Es gibt keinen technischen Sachverständigen in diesem Prozess. Die Sachlage ist klar. Einige Zeugen können mit Einverständnis des Verteidigers gleich wieder nach Hause geschickt werden. Der Anwalt selbst wird wenig später in seinem Plädoyer resümieren, dass „der verunglückte Fußgänger formal gesehen nichts falsch gemacht“ habe. „Er hatte Grün und konnte darauf vertrauen, dass er die Straße überqueren kann.“ Berücksichtigt werden müssten jedoch die äußeren Umstände: der Regen, das trübe Licht. Das hohe Alter seines Mandanten erwähnt der Verteidiger nicht.

Der Staatsanwalt wendet sich in seinem Plädoyer direkt an den Angeklagten: „Es sagt hier niemand, dass Sie den Mann absichtlich umgefahren haben“, sagt er beruhigend. „Sie sind kein Verkehrsrowdy. Aber Sie haben nicht korrekt gehandelt. Sie hätten den Fußgänger sehen können und sehen müssen.“ Er beantragt wegen fahrlässiger Tötung eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen á 45 Euro.

Führerschein nicht eingezogen

Das ist dann auch das Urteil des Schöffengerichts. Der Vorsitzende spricht von einem „Augenblicksversagen“. Es sei eine typische Situation, wie sie vor dem Verkehrsgericht immer wieder verhandelt werde. „Man will abbiegen, sieht den Gegenverkehr und will es trotzdem schnell noch schaffen“, sagt der Richter. „Ein Moment mehr Geduld schafft viel mehr Sicherheit. Erst Recht, wenn Regen und Dunkelheit herrschen.“

Miodrag G. hält den Kopf gesenkt bei der Urteilsbegründung. Seinen Führerschein hat er nach dem Unfall nicht abgeben müssen. Er macht auch weiterhin den 400-Euro-Job als Busfahrer. Nach Angaben seines Verteidigers hat er den Gesundheitstest als Busfahrer problemlos bestanden.