Flüchtlinge

Ausstellung zeigt die Gesichter hinter den anonymen Zahlen

Familie Gedaev hofft auf eine Zukunft in Berlin. Eine Ausstellung in Marienfelde erzählt ihre Geschichte - und von anderen Flüchtlingen.

Foto: Uta Keseling

Es sind eigentlich zwei Gegenstände, die die Geschichte der Familie Gedaev am besten erzählen. Der Hut des Vaters – und das Reck der Söhne. Der Hut ist eine runde Kopfbedeckung aus Wolle. Usman Gedaev hat sie sorgfältig ausgestopft und zwischen die Kleider gelegt, die er, seine Frau Luisa und die vier Kinder zu jener Reise mitnahmen, von der sie hoffen, dass es keine Wiederkehr gibt. Familie Gedaev beantragte vor einem Jahr in Deutschland Asyl. In der Heimat Tschetschenien herrschte bis 2009 Krieg, sie gehörten zur muslimischen Minderheit. Der Vater sagt: Er fand keine Arbeit, keine Wohnung, sie mussten im Haus des Bruders leben. „Es gab keine Zukunft für die Kinder.“

Der Hut, Papacha genannt, ist gut angekommen. Ob das auch der Familie gelingt, ist noch nicht sicher. In der Heimat sei die Papacha das traditionelle Symbol der gesellschaftlichen Stellung des Mannes, sagt Usman Gedaev. „Je höher der Hut, desto höher die Stellung“. Gute Erinnerungen transportiert die Papacha trotzdem nicht – die Männer tragen den Kopfschmuck aus Wolle meist nur zu Beerdigungen.

Ein Reck als Symbol der Zukunft

Die Papacha thront jetzt in einer gläsernen Vitrine im Museums-Teil des einstigen Notaufnahmelagers Marienfelde, das heute „Übergangswohnheim“ heißt. Der Hut ist Teil der Vergangenheit der Gedaevs – und Teil einer Ausstellung, die Menschen hinter anonymen Zahlen vorstellen will: Flüchtlinge, die ihre Heimat verließen und in immer größerer Zahl auch in Berlin ankommen. Allein an der Marienfelder Allee sind es inzwischen rund 600. Unter ihnen sind die Gedaevs, die sich drei winzige Räume einer 50-Quadratmeter-Wohnung teilen.

In der zweithintersten Tür der Wohnung klemmt das Reck der Söhne – das Symbol für den Kampf um die Zukunft. Ayub (11), Abu (14) und Apti (19) wollen berühmte Sportler werden. Ringer vielleicht – jedenfalls ist das ihr Lieblingssport. Jeden Tag trainieren sie, erzählt Apti, der älteste, so haben sie es in der Heimat gemacht und tun es auch jetzt im Sportverein. Zu Hause machen sie weiter. Am Reck, und er deutet unter die drei Betten im Jungen-Zimmer: Da liegen weitere Fitness-Geräte. An den Wänden hängen Medaillen als Zeichen ihres Erfolgs, auf einem Tisch stehen Pokale und ein Computer. Für mehr ist kein Platz in der Wohnung – außer für eines: für den großen Traum, in Deutschland bleiben zu dürfen.

Vater Gedaev spricht ist Fotograf und spricht in Bildern

Vater Usman Gedaev ist zur Eröffnung der Ausstellung in Anzug und Krawatte erschienen. Der 47-Jährige ist Fotograf von Beruf. Doch auch ohne Kamera ist er ein Mensch, der in Bildern spricht. Er sagt: „Wenn man die Zukunft plant, muss man die Brücken in die Vergangenheit verbrennen.“ Die Details der Flucht könne er aus Sicherheitsgründen nicht erzählen. Seine Frau Luisa steht schweigend daneben. Sie trägt Kleid und Kopftuch, in der kleinen Küche hat sie Blini (Pfannkuchen) und Tee für die Gäste vorbereitet. Ihr sei die Ankunft in Deutschland am schwersten gefallen, sagt ihr Mann. Ihr fehle es, nicht mehr arbeiten zu können.

Luisa Gedaev war es, die in Tschetschenien die Familie ernährte, weil ihr Mann keine Arbeit fand. Sie verkaufte Obst und Gemüse aus dem Garten auf dem Markt. „Sie vermisst den Garten“, sagt ihr Mann, fügt aber an: Das Heimweh sei abgeklungen, seit sie Spaziergänge in die nahen Parks unternähmen. Luisa Gedaev sagt tapfer: Für die Kinder sei Deutschland die Zukunft. Also wolle sie bleiben.

Aischat hat es auf eine Oberschule in Wedding geschafft

In Tschetschenien hatte sich der Vater um die Erziehung der Kinder gekümmert, er sagt offen: Das sei ihm nicht leicht gefallen. „Aber es ging nicht anders“, berichtet er in einem achtminütigen Film, der in der Ausstellung gezeigt wird. Darin stellt sich die Familie vor. Die Söhne probieren spaßeshalber die Papacha an, die ihnen zu groß ist, es wird ein bisschen nach traditioneller Musik getanzt und gelacht. Die beiden jüngeren Söhne gehen inzwischen auf die Schule, sie sprechen Deutsch, haben Freunde. Ebenso Tochter Aischat (17), die nicht dabei sein kann, weil sie bis nachmittags Unterricht hat. „Sie ist sehr fleißig“, sagen die Eltern stolz.

Aischat hat es inzwischen auf eine Oberschule in Wedding geschafft. Sie möchte gern einen sozialpädagogischen Beruf ergreifen, sagen die Eltern, und ein Praktikum machen. Ihr großer Bruder – er hat eine Ausbildung als Radiomechaniker – träumt von einer Karriere als Profisportler. Der Vater wiegt kritisch den Kopf, als Apti davon erzählt, und brummelt: Der Junge solle es nicht übertreiben mit dem Sport.

Eine ganz normale Familie, eine Geschichte, wie Integration gelingen kann – so klingt das. Doch der Asylantrag der Gedaevs wurde abgelehnt. Vorerst dürfen sie bis März 2013 bleiben. Und was, wenn sie zurück müssen? Usman Gedaev sagt gefasst: „Wir wissen es nicht.“

Im Übergangswohnheim leben Flüchtlinge aus 20 Ländern

Im Übergangswohnheim Marienfelde stammen die meisten Bewohner aus Tschetschenien und Serbien, Afghanistan, Iran und Irak, einige auch aus Vietnam – insgesamt gebe es rund 20 Herkunftsländer, sagt die Leiterin des Heims, Uta Sternal. 2010 übernahm der Internationale Bund das Heim, das eigentlich geschlossen werden sollte, bevor die Flüchtlingszahlen in Berlin wieder anstiegen.

Die Ausstellung, in der auch die Familie Gedaev vorgestellt wird, soll helfen zu verstehen, wie und warum Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Sie ist integriert in das Museum, das seit den 90er-Jahren in einem Teil des Wohnheims anschaulich von Flucht und Ankunft in Berlin erzählt. Das einstige Notaufnahmelager, gegründet 1953, nahm 1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge auf, außerdem rund 96.000 Aussiedler.

Ab Januar wird nun eine syrische Familie von sich erzählen, deren Vater als Oppositioneller fünf Jahre in Haft saß. Sie haben einen Schlüssel in die Ausstellung gegeben – ihren Haustürschlüssel. Die Familie träumt von der Rückkehr in die Heimat. Ab März wird ein Pinsel das Symbol sein, das Arbeitsgerät eines Künstlers, der sich gegen das Regime im Iran wandte. Und ab Mai wird eine afghanische Familie vorgestellt, die eine jahrelange Odyssee hinter sich hat. Sie wird das Foto eines Mannes zeigen – des Großvaters der Familie. Er wurde in Afghanistan erschossen, bevor die Familie fliehen konnte.

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Marienfelder Allee 66/80, Di.–So. 10–18 Uhr, Eintritt frei