SED-Diktatur

Berliner Fluchthelfer erhalten Bundesverdienstkreuz

Innensenator Frank Henkel (CDU) ehrt 15 Männer, die ab 1961 DDR-Bürgern einen Weg in die Freiheit bahnten.

Foto: von Keussler / picture-alliance / dpa

Wer uneigennützig anderen Menschen hilft, verdient Lob. Wer die eigene Freiheit, sogar das eigene Leben aufs Spiel setzt, um Verwandten, Freunde oder gänzlich Unbekannten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, ist dem gesunden Menschenverstand zufolge ein Held.

Dennoch hat es ein halbes Jahrhundert gedauert, bis jetzt erstmals eine Gruppe von West-Berliner und westdeutschen Fluchthelfern ausgezeichnet wird. An diesem Montag verleiht Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) das Bundesverdienstkreuz an 15 Männer, die ab 1961 und teilweise bis in die Siebzigerjahre hinein DDR-Bürgern einen Weg in die Freiheit bahnten. Bundespräsident Joachim Gauck hat entschieden, ihr Engagement so zu würdigen.

Unter den Ausgezeichneten sind viele, die selbst 1961 aus der DDR geflüchtet waren und später an Fluchtstollen mit gruben wie Ulrich Pfeifer und Achim Rudolph. Auch Hasso Herschel, der wohl erfolgreichste aller West-Berliner Fluchthelfer, war selbst geflüchtet, mit einem fremden Pass. Um die Familie seiner Schwester in den Westen zu holen, machte er weiter.

Nur gut ein Jahr bekämpfte Harry Seidel als Fluchthelfer die Berliner Mauer. Nach dem 13. August 1961 war der DDR-Bahnrennradmeister zunächst selbst geflüchtet. Bald darauf holte er seine Frau und seinen Sohn nach West-Berlin. Im Dezember 1961 nahmen ihn DDR-Grenztruppen kurzzeitig fest, doch der extrem durchtrainierte Seidel entkam durch einen waghalsigen Sprung.

Meistgehasster Feind der SED

Anfang 1962 begann er, Fluchtstollen zu graben – unter anderem unter der Heidelberger Straße zwischen dem West-Berliner Bezirk Neukölln und Treptow in Ost-Berlin. Hier lagen nur etwa 18 Meter zwischen den Kellern der Mietshäuser auf beiden Seiten – dazwischen verlief der Todesstreifen.

Spätestens im März 1962 gehörte Seidel zu den meistgehassten Feinden der SED. Beim Versuch, ihn festzunehmen, erschossen Stasi-Leute seinen Freund Heinz Jercha. Er war nach Dieter Wohlfahrt im Dezember 1961 der zweite Fluchthelfer, der seinen Einsatz gegen das unmenschliche Grenzregiment mit dem Leben bezahlte.

Die West-Berliner Fluchthelfer wurden vom Senat unter Willy Brandt zwar geduldet, doch nur eingeschränkt unterstützt. Keineswegs war es so, wie die DDR-Propaganda behauptete, dass es sich um „Agenten“ handelte, gar um „Menschenhändler“. In der Anfangsphase der Fluchthilfe wurde von Flüchtlingen kein Geld genommen oder höchstens eine kleine Beteiligung an den Unkosten.

Das Engagement der meisten Fluchthelfer speiste sich aus der Gegnerschaft zum diktatorischen Ulbricht-Regime und dem Wunsch, Angehörigen und Bekannten zu helfen. Wenn die oft trickreich ausgeheckten Fluchtwege, intern „Touren“ genannt, einmal funktionierten, wurden sie aber auch für andere DDR-Bürger geöffnet.

Widerstand lange vergessen

Lange Zeit war diese Form des Widerstandes gegen die SED-Diktatur so gut wie vergessen. Ins öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt ist das Phänomen Fluchthilfe vor allem durch drei ehemalige Beteiligte. Sie haben in den vergangenen Jahren ihre Erinnerungen veröffentlicht. Auch die Stiftung Berliner Mauer nimmt sich des Themas an.

Geehrt werden nur Fluchthelfer, die aus politischen Gründen geholfen haben und höchstens Aufwandsentschädigungen entgegengenommen haben. Daneben gab es auch, schon seit Ende 1961, rein kommerzielle Fluchthelfer. Manche von ihnen halfen gegen zum Teil hohe Summen tatsächlich, andere waren Betrüger.

Die Verleihung der Orden ist ein erster Schritt zur gesellschaftlichen Anerkennung der Fluchthilfe. Weitere Schritte aber fehlen noch. So spielt diese Form des Widerstandes gegen die DDR in öffentlichen Gedenkstätten noch eine viel zu geringe Rolle.

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