Fall Alexanderplatz

Prügelattacke - Tatverdächtiger beschuldigt Begleiter

Gegen einen 19-Jährigen wurde im Fall Jonny K. Haftbefehl erlassen, doch er leugnet die Tat. Zwei weitere Verdächtige stellten sich.

Foto: Steffi Loos / dapd

Auch wenn noch einige der mutmaßlichen Täter auf freien Fuß sind – der Mord an dem 20 Jahre alten Jonny K. auf dem Alexanderplatz ist so gut wie aufgeklärt.

Nachdem bereits am Dienstag ein 19 Jahre alter Verdächtiger von Zielfahndern in Wedding festgenommen worden war, stellten sich am Mittwoch zwei mutmaßliche Komplizen im Beisein ihrer Anwälte den Ermittlungsbehörden.

Gegen den 19-Jährigen wurde am Mittwochabend Haftbefehl erlassen. Begründung: Körperverletzung mit Todesfolge. Einem Ermittler zufolge werde dennoch weiterhin wegen Mordes ermittelt.

Wie berichtet war der 20-jährige Jonny K. in der Nacht zum 14. Oktober an der Rathausstraße unweit des Alexanderplatzes von einer zu diesem Zeitpunkt unbekannten Personengruppe niedergeschlagen und zu Tode getreten worden, nachdem er einem betrunkenen Freund gegen die Täter hatte helfen wollen.

Das Problem für die Ermittler – die Tatverdächtigen hatten bis zur Festnahme des 19 Jahren alten Osman A. neun Tage Zeit, sich abzusprechen. Während einer ersten Vernehmung am Dienstag nach der Polizeiaktion an der Stockholmer Ecke Soldiner Straße hatte er nach Informationen von Morgenpost Online keine Angaben gemacht. Er verbrachte die Nacht in der Gefangenensammelstelle am Platz der Luftbrücke, wurde am Mittwochmorgen von zwei Beamten erneut zum Sitz der Mordkommission an der Keithstraße in Tiergarten gebracht.

Osman A. will Täter zum Aufhören aufgefordert haben

Wie Morgenpost Online erfuhr, soll Osman A. – er ist griechisch-türkischer Abstammung – schließlich doch Einzelheiten zum Hergang der tödlichen Attacke gemacht haben. Demnach sei er mit zwei Freunden gleicher Herkunft und einem türkischstämmigen Freund am 14. Oktober gegen 4 Uhr von einem Klub kommend auf dem Weg zur U-Bahn gewesen, als dieser dritte Freund zwei nur ihm bekannte türkischstämmige Bekannte traf.

Nach einem kurzen Gespräch seien sie etwa zehn Meter gemeinsam gegangen und wären dann bereits auf das spätere Opfer Jonny K. und seine Freunde getroffen. Unmittelbar danach hätten die beiden Osman A. nicht bekannten Türken den 20-Jährigen zusammengeschlagen und getreten, einer der beiden habe noch auf den Leblosen am Boden gespuckt.

Osman A. selbst will die Täter zum Aufhören aufgefordert haben. Wie aus Kreisen der Staatsanwaltschaft verlautete, habe er kein Geständnis abgelegt und seine Begleiter der Tat beschuldigt.

Eltern stehen unter Schock

Osman A. soll seit Tagen mit sich gerungen haben, sich der Polizei zu stellen. Erst kurz vor der Festnahme habe er am Telefon seine Mutter über die Ereignisse der Nacht zum 14. Oktober informiert. Seine Eltern begaben sich am Mittwochvormittag zu einem Anwalt, um rechtlichen Beistand für ihren Sohn zu organisieren.

Nach Angaben eines Angehörigen stünden sie nach Bekanntwerden der möglichen Tatbeteiligung ihres Sohnes an dem brutalen Verbrechen unter Schock. Sie ließen der Familie von Jonny K. ihr Mitgefühl und Beileid ausrichten. Andere Angehörige konnten sich am Mittwoch nicht vorstellen, dass Osman A. aktiv an der tödlichen Misshandlung des 20-Jährigen mitgewirkt hat. Er sei nicht kriminell, haben auch nichts mit Drogen zu tun.

Die Beamten der Mordkommission müssen nun aus den Angaben der inzwischen bekannten mutmaßlichen Täter das Puzzle des Verbrechens zusammensetzen. Denn auch die beiden 19 und 21 Jahre alten Männer, die sich am Mittwoch gestellt haben, machten bei der Kriminalpolizei Angaben zu der Tat.

Ermittler gehen davon aus, dass die Männer durch das Selbststellen die Untersuchungshaft umgehen wollen. „Diese kann angeordnet werden, wenn Fluchtgefahr besteht. Die Anwälte können nun beim Haftprüfungstermin argumentieren, dass diese Gefahr eben nicht besteht, wenn ihre Mandanten selbst den Weg zu den Ermittlungsbehörden gefunden hätten“, so ein Beamter. Die Polizei gehe bislang 40 Hinweisen nach.

Wie Morgenpost Online aus Ermittlungskreisen erfuhr, soll sich einer der drei noch Gesuchten mittlerweile in die Türkei abgesetzt haben, die anderen sollen sich noch in Berlin befinden. Polizeisprecher Thomas Neuendorf sagte dazu nur: „Wir sind guter Dinge, dass wir den Fall bald klären können.“ Die mutmaßlichen Komplizen der drei bereits bei der Mordkommission sitzenden Beschuldigten sind inzwischen namentlich bekannt.

Bei Verurteilung drohen bis zu zehn Jahre Haft

Osman A. hat insgesamt fünf Geschwister, drei Schwestern und zwei Zwillingsbrüder, er soll erst vor wenigen Tagen seinen 19. Geburtstag gefeiert haben. Sollte es wie von der Staatsanwaltschaft angestrebt zu einer Hauptverhandlung kommen, wird dies voraussichtlich vor einer Großen Jugendkammer geschehen, da einige der Beschuldigten wegen ihres Alters noch als Heranwachsende gelten.

Im Falle einer Verurteilung wegen Mordes droht den nach Jugendrecht behandelten Tatverdächtigen dann eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Dem 21-Jährigen droht „lebenslänglich“. In Ermittlerkreisen wird jedoch bezweifelt, dass die Mordanklage letztlich vor Gericht zu halten sein wird. Es werde auf Totschlag hinauslaufen, die Tötungsabsicht werd schwer zu beweisen sein, zumal es von der eigentlichen Tat keine Bilder oder Videoaufzeichnungen gibt, sagte ein Ermittler. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sprach sich in diesem Zusammenhang für eine massive Ausweitung der Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen aus.

Die Brutalität des Angriffs hatte über die Grenzen Berlins hinweg Entsetzen ausgelöst. Auch Bundespräsident Joachim Gauck schaltete sich in die Debatte ein und forderte zu Wochenbeginn ein entschiedenes Einschreiten gegen Gewalt. Die Menschen dürften „nicht wegschauen“, sagte er und sicherte den Berlinern seine Unterstützung beim Engagement gegen Gewalt zu. Am kommenden Sonntag findet im „Haus der Begegnung“ (am S-Bahnhof Westend) eine öffentliche Gedenkfeier statt. Die eigentliche Trauerfeier und Beisetzung wird im engsten Familienkreis abgehalten werden.

Mehr Polizei am Alexanderplatz gefordert

Unterdessen reißt die Anteilnahme nicht ab, nach wie vor entzünden Menschen Kerzen an der Stelle, an der Jonny K. sterben musste. Viele Briefe liegen an der Stelle, und viele enden mit der einen Frage: „Warum?“

Die Bundes- und die Landespolizei hatte nach dem tödlichen Angriff ihre Präsenz in und am Bahnhof Alexanderplatz massiv erhöht. Zusätzlich zu den ohnehin dort eingesetzten Beamten wurden zusätzliche Zivilfahnder und Bereitschaftspolizisten zur Sicherung der Gegend entsendet. Dabei haben es die Beamten neben Taschen- und Trickdieben vor allem mit betrunkenen jungen Menschen zu tun, die regelmäßig aufeinander losgehen.

Es sei unglaublich, dass scheinbar jeder dort mit Alkohol in der Hand unterwegs sei, dass Alkohol in der Öffentlichkeit nicht mehr als Tabu angesehen werde, sagte ein Beamter. Besonders gefährlich sei es in der Zeit gegen 4 Uhr, wenn die „angedröhnten“ Menschen aus den Klubs kämen und sich auf dem Heimweg befänden.

Jonny K. wurde gegen vier Uhr Opfer der Prügelattacke. Er hinterlässt seine Eltern und zwei Schwestern.