Mahnmal in Berlin

Sinti und Roma sind keine Opfer zweiter Klasse mehr

Das zentrale Mahnmal für die Sinti und Roma ist in Berlin eingeweiht worden. Die Staatsspitze ehrt Opfer und Überlebende des NS-Völkermords.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Lange bevor die ersten Reden gehalten wurden, fanden sich die ersten geladenen Gäste im weißen Veranstaltungszelt am Simsonweg ein. Gäste aus vielen Teilen der Welt – beispielsweise aus Frankreich, Italien, Israel und Holland – kamen am Mittwoch nach Berlin, um das Denkmal für die von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Sinti und Roma einzuweihen.

Entstanden ist es auf einem kleinen grünen Areal im südlichen Tiergarten zwischen Reichstag und Brandenburger Tor. Auch Überlebende des Völkermordes hatten eine oft weite Anreise in Kauf genommen, um der Einweihung des Denkmals beizuwohnen.

Nicht nur für den Vorsitzenden des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, Romani Rose, war es ein besonderer Tag. "Heute geht es nicht darum, Enkeln oder Urenkeln Schuld zu übertragen, sondern um ein gemeinsames Eintreten für die Demokratie. In ganz Europa gibt es einen erschreckenden Rechtsextremismus, der auch gewaltbereit ist", sagte Rose.

Langer Kampf um ein Denkmal

Zu dem Festakt erschienen die wichtigsten Politiker des Landes, darunter: Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Angela Merkel dankte Rose ausdrücklich dafür, "so lange für das Denkmal gekämpft" zu haben, er habe nicht aufgegeben.

Besonders für die wenigen Holocaust-Überlebenden dieser Minderheit wie den Holländer Zoni Weisz war es ein bewegender Tag. Er begegne ihm allerdings mit gemischten Gefühlen, wie er sagte, mit Freude, aber auch der "unvermeidlichen Erinnerung" an seine von den Nazis ermordeten Eltern und die drei jüngeren Geschwister. Sein Überleben verdankt Zoni Weisz, dessen Eltern im kleinen Ort Zutphen nahe der deutschen Grenze ein Musikgeschäft besaßen, nur dem beherzten Eingreifen eines holländischen Polizisten.

Er hatte ihm 1944 als Siebenjährigem beim Abtransport seiner Familie nach Auschwitz auf dem Bahnhof in Holland zur Flucht verholfen. Im Zug befand sich bereits seine Familie. Der blaue, weiche Mantel allerdings, den seine kleine Schwester bei der Verhaftung und dem Abtransport der Familie in Viehwaggons trug, hat sich in das Gehirn des heute 75-Jährigen eingebrannt.

"Ein Ort der Besinnung, der Fragen aufwirft"

In den Augen von Zoni Weisz, der stellvertretend für die Opfer und deren Angehörige sprach, hat der israelische Künstler Dani Karavan ein ganz "besonderes und interessantes Denkmal geschaffen". Weisz betonte: "Wir haben jetzt einen eigenen Ort, an dem wir unserer ermordeten Lieben gedenken können, ein Ort der Besinnung, der aber auch Fragen aufwirft, wie es möglich war, dass so viele unschuldige Menschen getötet wurden und so viele Menschen dabei wegschauten."

Das Denkmal sei eine Art der Wiedergutmachung für all die Sinti und Roma, die ins Lager deportiert wurden, "weil sie waren, wer sie sind", sagte Weisz. Allerdings habe die Gesellschaft daraus "fast nichts gelernt, sonst würde man heute mit uns anders umgehen". Er hoffe, dass das Denkmal dazu beitrage, dass der Holocaust an den Sinti und Roma nicht länger vergessen werde, sondern die Aufmerksamkeit erhalte, die er auch verdiene. Der Ort im Herzen Berlins jedenfalls sei "wundervoll".

Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der die Zahl der Sinti und Roma, die dem Völkermord zum Opfer fielen, auf rund 500.000 bezifferte, bezeichnete die Entstehung des Denkmals als "langen und schwierigen Weg". Er bedankte sich bei allen, die ihn trotz immer wieder aufgetretener Hindernisse gegangen sind. So sei in der Hauptstadt ein Erinnerungszeugnis von besonderer Bedeutung entstanden. Rose habe in all den Jahren die Beteiligten immer wieder zusammengebracht und von ihnen unermüdlich die Fortsetzung der Arbeit eingefordert. Dafür danke er ihm von ganzem Herzen. Es sei ein eindringliches und sensibles Kunstwerk entstanden, ein großes Werk der Erinnerung und Mahnung. Es mache unmissverständlich deutlich, dass die Verbrechen an den Sinti und Roma nicht vergessen oder verdrängt würden.

Herausforderung für die Zukunft

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wünschte dem Denkmal, dass es "mit lebendiger Erinnerung gefüllt wird", dass es ein Ort der Begegnung, Aufklärung und Auseinandersetzung wird. Auch ein Zeichen gegen die gegenwärtige Diskriminierung von Sinti und Roma solle es setzen. "Es ist eine Erinnerung an die Opfer, aber auch Herausforderung und Aufgabe für uns alle, künftigen Generationen das zu ersparen, was durch Unfreiheit und Diktatur geschehen ist."

Für alle sei es tägliche Aufgabe jedes Einzelnen, der in Demokratie und Freiheit lebe, dort wo sie gefährdet ist, einzuschreiten – gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, Intoleranz, gegen mangelnde Akzeptanz von Minderheiten.

Nach den Reden besuchten die Ehrengäste das Denkmal. Als erste Blume lag am Mittwoch eine Rispe mit blauem Eisenhut auf dem steinernen Dreieck inmitten des kreisrunden Sees. Ab jetzt soll jeden Tag um 13 Uhr eine frische Blume aus dem Wasser aufsteigen. Und wie gestern auch können nach Auskunft des Künstlers Dani Karavan die Menschen, die das Denkmal besuchen, Blumen am Rand ablegen: "Mit ihrem Spiegelbild im Wasser werden die Menschen so ein Teil des Denkmals."

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