Mordfall Jonny K.

Erste Festnahme nach tödlicher Attacke am Berliner Alex

Im Fall des zu Tode geprügelten Jonny K. hat die Berliner Polizei möglicherweise eine erste heiße Spur: Sie nahm einen Tatverdächtigen fest.

Foto: Robert Schlesinger / dpa

Neun Tage lang hatte das Berliner Landeskriminalamt intensiv ermittelt – Dienstag um 15.30 Uhr schlugen die Fahnder schließlich zu: An der Osloer Straße wurde ein 19 Jahre alter Mann festgenommen, der im Verdacht steht, an der tödlichen Prügelattacke auf den 20 Jahre alten Jonny K. am Alexanderplatz beteiligt gewesen zu sein. Weitere Angaben machte die Polizei nicht und verwies auf die laufenden Ermittlungen. Wie berichtet, war der 20-Jährige in der Nacht zum 14. Oktober von Unbekannten auf dem Alexanderplatz niedergeschlagen und dann so stark mit Tritten gegen den Kopf malträtiert worden, dass er einen Tag später seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Die Ärzte hatten Einblutungen im Gehirn diagnostiziert, die Polizei ermittelt wegen Mordes. Jonny K. hatte einen Freund vor der Gruppe beschützen wollen.

Der Beschuldigte – leger gekleidet in Jeans, Lederjacke und blauem Basecap – wurde um 16.20 Uhr von einem Polizeifahrzeug zum Dienstgebäude der Kriminalpolizei an der Keithstraße gebracht, wo die ermittelnde Mordkommission ihren Sitz hat. Zwei Beamte führten den mit Handschellen gefesselten Osman A. über den Hof in die Büros zur Vernehmung. Ob und wie sich Osman A. zu den Vorwürfen äußerte, wurde daher nicht bekannt. Unklar ist bislang ebenfalls, in welcher Form der junge Mann an der Tat beteiligt gewesen sein könnte. Wie diese Zeitung erfuhr, gilt er bisherigen Erkenntnissen nach als Mittäter, nicht als Haupttäter. Von seinen Aussagen versprechen sich die Ermittler Aufschluss über den genauen Hergang der Prügelattacke und die mutmaßlichen Komplizen.

Bisher war er nicht aufgefallen

Nach Informationen von Morgenpost Online soll der 19-Jährige bei der Polizei bislang nicht in Erscheinung getreten sein. Er besuchte das Oberstufenzentrum für Kommunikations-, Informations- und Medien-Technik an der Osloer Straße, wo er auch von den Zielfahndern festgenommen worden war. Dort werden auch Workshops zu den Themen Mobbing und Gewalt angeboten.

Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte zur Festnahme des 19-jährigen Tatverdächtigen an der Osloer Straße: „Ich habe der Familie zugesichert, dass wir alles tun werden, um die brutalen Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Wir müssen abwarten, ob sich beim Festgenommenen eine Tatbeteiligung bestätigt. Solange ist Zurückhaltung angebracht. Aber es scheint, als wären die Ermittler einen wichtigen Schritt weitergekommen.“

Verwandte und Freunde trauern

Die an menschenverachtender Brutalität nicht zu überbietende Tat hatte nicht nur in der Berliner Bevölkerung eine Welle des Mitgefühls für das Opfer und seine Angehörigen ausgelöst, aber auch Wut und Abscheu gegen die Täter. Der Tatort vor den Rathauspassagen verwandelte sich in ein Meer aus Blumen und Kerzen, tagelang kamen Freunde, Bekannte und Mitschüler des Getöteten, um zu trauern und des 20-Jährigen zu gedenken. In der nahe gelegenen Marienkirche richtete die Gemeinde ein Kondolenzbuch ein, in dem zahlreiche Besucher Beileidsbekundungen, aber unter Verweis auf die Herkunft der Täter vereinzelt auch fremdenfeindliche Eintragungen hinterließen.

Am Oberstufenzentrum Handel in Marzahn, wo Jonny K. sich auf sein Fachabitur vorbereitete, wurde eine Gedenkecke mit einem Foto des Toten, Blumen und einer Kerze eingerichtet. Auf dem Pausenhof hielten Schüler und Lehrer eine Gedenkveranstaltung ab. In einem buddhistischen Tempel (Jonnys Mutter ist gebürtige Thailänderin) in Wedding trauerten Verwandte und Freunde mehrere Tage. Auch die Sitzung des Innenausschusses im Abgeordnetenhaus am Montag begann mit einer Schweigeminute für den 20-Jährigen.

Henkel kündigt mehr Geld für Sicherheit an

Anschließend widmeten sich die Politiker wieder ihrer Hauptbeschäftigung und diskutierten zum wiederholten Male, wie der Gewalt auf öffentlichen Plätzen in Berlin begegnet werden könne. Die Forderung nach mehr Polizeipräsenz am Alexanderplatz und anderen kriminalitätsbelasteten Orten der Hauptstadt ging einher mit Kritik am Sparkurs des Senats in den vergangenen zehn Jahren, dem Tausende von Planstellen bei der Polizei zum Opfer gefallen waren. Gefordert wurde parteiübergreifend nicht nur mehr Polizeipräsenz, sondern auch eine deutliche Ausweitung der Videoüberwachung öffentlicher Plätze, Forderungen, die schon seit vielen Jahren in schöner Regelmäßigkeit gestellt werden, ohne dass sich die Politik einig wurde und zu gemeinschaftlichem Handeln durchringen konnte.

Von vielen Seiten wurde zudem die Hoffnung geäußert, die Justiz werde die Täter, so sie gefasst und überführt werden, mit harten Strafen belegen. Ein Vertreter der Justiz, Oberstaatsanwalt Ralph Knispel, kritisierte seinerseits in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Vereinigung Berliner Staatsanwälte eine jahrelange Verharmlosung der Gewalt in der Stadt. Knispel sprach dabei von „statistischer Schönfärberei“.

Innensenator Frank Henkel hat nach der Tat angekündigt, sich um mehr Geld vom Bund für die Sicherheit Berlins zu bemühen. Derzeit bekomme die Stadt für hauptstadtbedingte Sicherheitsaufgaben 60 Millionen Euro im Jahr, der Bedarf liege aber „locker über 100 Millionen“. Insbesondere die Aufgaben des Objektschutzes seien in den vergangenen Jahren deutlich angewachsen. Intensive Gespräche über die künftige Finanzierung der Sicherheitsaufgaben würden derzeit zwischen Bund und Berlin auf Arbeitsebene geführt, sagte der Senator.