Antrittsbesuch

Gauck besucht Berliner Moschee - „das war schön“

Bundespräsident Joachim Gauck lernte beim Antrittsbesuch in seiner Wahlheimat Berlin Neues kennen, etwa eine Moschee von innen.

Foto: Steffi Loos / dapd

Für die Schuhe des Bundespräsidenten ist das Bundeskriminalamt zuständig. Es gibt viele kleine Details zu bedenken beim Antrittsbesuch von Joachim Gauck in Berlin. Am Nachmittag steht eine Besichtigung der Sehitlik-Moschee in Neukölln auf dem Programm. Und den Gebetsraum darf auch ein Staatsoberhaupt nur barfuß betreten. Doch wer passt auf seine Schuhe auf, wenn Gauck das Gotteshaus besichtigt? So werden ein paar schwarze Herrenschuhe zur Sicherheitsfrage.

Es ist so üblich, dass ein neuer Bundespräsident sich in jedem Bundesland vorstellt. BKA, LKA, Bundespräsidialamt, Senatskanzlei, Presseämter und Protokollabteilungen – bis zu einem halben Jahr wird laut einem Insider unter Beteiligung vieler Abteilungen daran herum geplant und organisiert.

„Besuch ist ja etwas merkwürdig“

Im Fall von Berlin sei sein Antrittsbesuch ja etwas merkwürdig, sagt Joachim Gauck am Vormittag um 11:23 Uhr, als er im Festsaal des Roten Rathauses ans Rednerpult vor rund 150 so genannte „Protokollgäste“ tritt, einem Kreis aus Würdenträgern, Politikern und Wirtschaftsvertretern. „Ich lebe jetzt seit 20 Jahren hier – und besuche nun Berlin“, sagt Gauck. Aber er besuche ja nicht nur bekannte Orte wie das Brandenburger Tor, durch das er zuvor mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) geschritten ist, sondern es stünden „unbekannte Eilande“ auf dem Programm, wie sein erster Moscheebesuch.

Gauck ebenso wie Wowereit reden an diesem Morgen über Toleranz und Freiheit. Aber beide fügen in ihren Reden dem jeweiligen Lieblingsthema des anderen gewisse Bedingungen hinzu. Der Geist der Freiheit – das Lebensthema Gaucks – müsse mit sozialer Sicherheit gepaart sein, sagt Wowereit, der Sozialdemokrat. Die Toleranz, ein Leitmotiv Wowereits, könne sich nur leisten, wer seine eigenen Werte kenne, sagt Gauck, der Pastor. „Je unsicherer wir mit unseren eigenen Werten sind, desto nötiger brauchen wir Vorurteile und Ressentiments.“ Toleranz bedeute also Offenheit ebenso wie einen „Rekurs auf das, was wir als Basis unseres Gemeinwesens erkennen“, sagt Gauck. „Wer die eigenen Werte achtet, vermag auch die Werte der anderen zu achten.“

Gauck in der Sehitlik-Moschee

Vor dem Hintergrund der jüngsten Gewalttat am Alexanderplatz mahnt der Bundespräsident in seiner Ansprache auch, „Gewalt“ dürfe nicht zum Kurzwort für einen Teil des Lebens in Berlin werden. „Wir wollen weiter Entschlossenheit zeigen, Gewalt niemals zu tolerieren.“ Berlin brauche „ein konstruktives Miteinander der Verschiedenen“, sagt Gauck, der in Begleitung seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt da ist. „Wenn wir es nicht schaffen, hier in Berlin Verschiedenheit auszuhalten, wie wollen wir dann die Verschiedenheit Europas aushalten?“

Vor seiner Rede im Festsaal wird Gauck den Mitgliedern des Berliner Senats in einer „fiktiven Senatssitzung“ vorgestellt. Nach seiner Rede wird dem Bundespräsidenten das prosperierende, kreative und das interkulturelle Berlin vorgeführt. An der Bernauer Straße besucht der Tross das Start-up-Zentrum „Factory“. In den Rohbau – alle müssen Helm tragen – sollen junge Firmen der Internetbranche einziehen und zusammen arbeiten. Gauck trifft hier die Macher von Apps, mit denen man passende Mode finden, Produkte vergleichen oder einen Wunschzettel pflegen kann. Dann geht es weiter in die Alte Feuerwache in Kreuzberg zur „Academy“, einer interkulturellen Bühnenkunstschule.

Als Gauck anschließend in der Sehitlik-Moschee eintrifft, hat sich die Gruppe der anwesenden Journalisten noch einmal vergrößert. Gaucks Vorgänger Wulff prägte den Satz, der Islam gehöre zu Deutschland. Welche Richtung schlägt Gauck nun ein? Eine distanziertere. „Wir mögen uns kulturell fremd sein, aber es gibt auch viele Dinge, die uns verbinden“, sagt Gauck vor Vertretern der Moscheegemeinde. Dazu gehöre, für die Errungenschaften der Aufklärung, Demokratie und Freiheit einzustehen. Gauck lässt sich das Gotteshaus zeigen, fragt nach der Imamausbildung, nach der Sprache der Predigt, lässt sich ein Gebet vorsingen.

Begegnung mit jungen Muslimen

„Das ist das größte Geschenk, das Sie den Muslimen in Berlin und Deutschland machen können“, sagt Gemeindevorstand Ender Cetin über den Besuch. Gauck habe die Muslime in Deutschland durch seine mahnenden Worte sensibilisiert, „ein feines Gespür für Demokratie und Menschenrechte“ zu haben. „Diese Verantwortung als Bürger, Muslime und Migranten nehmen wir gerne an“, sagt Cetin. Gauck bedankt sich für diese „wichtigen Worte“. „Wir müssen akzeptieren, dass wir unterschiedlich sind und gleichzeitig Gemeinsamkeiten betonen.“

Der Besuch einer Moschee „musste einfach sein“, sagt Gauck am Ende seiner Visite. Auch, weil seine Einstellung zum Islam im Vergleich zu seinem Vorgänger in Frage gestellt wurde. „Ich habe aber großen Respekt vor anderen religiösen Traditionen.“ Etwas habe ihn besonders gefreut: Die Begegnung mit jungen Muslimen, diese Mischung aus Tradition und Berliner Gegenwart. „Das war schön“, sagt der Bundespräsident.