Fall Jonny K.

Spur der Schläger führt zum Berliner Lokal „Cancún“

Hinweise verdichten sich, dass die Täter vor dem Mord an Jonny K. das Lokal „Cancún“ besucht haben. Nun werden Fotos ausgewertet.

Foto: Reto Klar

Die Polizei fahndet eine Woche nach dem Mord an Jonny K. weiter nach den brutalen Schlägern. Bis Sonnabend waren bei der Polizei 34 Hinweise eingegangen. Darunter seien Angaben gewesen, die konkrete Ermittlungsansätze liefern und akribisch ausgewertet würden, sagte ein Polizeisprecher. Am Freitag bestätigte sich erstmals die Vermutung von Ermittlern, dass die Täter vor dem Verbrechen im nahe dem Tatort gelegenen Lokal "Cancún" zu Gast gewesen sein könnten. Besucher des Lokals, unter ihnen ein Fotograf, hatten der Polizei Fotos zur Verfügung gestellt, von denen sich die Beamten weitere wertvolle Hinweise auf die Identität der Täter erhoffen.

Besonders wertvoll könnte sich die Aussage eines Zeugen erweisen, der Angehörige der Gruppe wiedererkannt haben will. Es handelt sich um mindestens fünf Personen der aus insgesamt sieben Männern bestehenden Gruppe. Der Spur zu den mutmaßlich türkischstämmigen Verdächtigen wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft weiter nachgegangen. Der betreffende Zeuge hat nach Informationen dieser Zeitung darüber hinaus erklärt, dass ihm der Name eines der Verdächtigen bekannt sei. Die Ermittler befürchten unterdessen, dass sich einige der Verdächtigen inzwischen in die Türkei abgesetzt haben könnten. Wie berichtet, werden zudem auch Aufnahmen von Überwachungskameras ausgewertet, die in der Nähe des Tatortes postiert sind.

Derweil hält die Debatte über den erschreckenden Vorfall am Alexanderplatz und das Thema Gewalt im Allgemeinen weiter an. Ralph Knispel, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Staatsanwälte, kritisierte am Wochenende, in Berlin seien Gewalttaten im öffentlichen Raum jahrelang verharmlost worden. Der 52-Jährige sprach von "statistischer Schönrederei". "Wir brauchen mehr Ehrlichkeit und müssen Probleme benennen, stattdessen wird weggeschaut", sagte Knispel der Nachrichtenagentur dpa.

Raubbau am Sicherheitsapparat

Viel Hoffnung auf ein schnelles Umdenken bei Politik und Verwaltung hegt Knispel aber nicht: Er verwies auf Überlegungen, bei der Staatsanwaltschaft weitere Stellen zu streichen. Zudem sei im Gespräch, bei den Jugendgerichten mehrere Abteilungen zu schließen. "Das wäre ein fatales Signal", warnte der Oberstaatsanwalt. Den vielfachen und seit Langem erhobenen Forderungen nach härteren Strafen wollte sich Knispel allerdings nicht anschließen. "Das Instrumentarium ist da, es muss nur konsequent angewandt werden", sagte Knispel.

Kritik am bisherigen Umgang mit dem Thema Gewalt äußerte nach dem Tod von Jonny K. auch Innensenator Frank Henkel (CDU). Zu Zeiten des rot-roten Senats sei "Raubbau am Polizeiapparat" betrieben worden. Jetzt müsse er als Innensenator "die Suppe auslöffeln", dass die Zahl der Mitarbeiter im öffentlichen Dienst wegen der Überschuldung Berlins ständig reduziert worden sei, monierte Henkel. Mehr Polizisten allein sorgten allerdings nicht für mehr Sicherheit auf öffentlichen Plätzen und in Bahnhöfen, räumte der Senator in der vergangenen Woche bei einem Vortrag vor dem "Berlin Capital Club" ein. Dringend nötig sei eine Wertedebatte", sagte Henkel dort.

Hilfe für die Bewältigung der schwierigen Sicherheitslage in Berlin erhofft sich Henkel ebenso wie die meisten seiner Vorgänger einmal mehr vom Bund. Mit diesem laufen derzeit auf der Arbeitsebene Gespräche über eine Aufstockung der Mittel für "hauptstadtbedingte Sicherheitsmaßnahmen". Die aktuell gezahlten 60 Millionen Euro pro Jahr reichten nicht aus, die tatsächlichen Kosten lägen "locker über 100 Millionen", klagte Henkel. Insbesondere sei die Zahl der vom Zentralen Objektschutz (ZOS) zu bewachenden gefährdeten Institutionen gestiegen. Derzeit fehlten beim ZOS 280 Stellen.

Handlungsbedarf sieht nach der tödlichen Attacke auf Jonny K. auch Thorsten Karge, Mitglied der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Der Fall zeige deutlich, dass öffentliche, viel besuchte Plätze wie der Alexanderplatz eines besseren Schutzes bedürften, sagte Karge und schloss sich ausdrücklich der Forderung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) an, die Polizeipräsenz an solchen Orten zu erhöhen. "Die Sicherheit der Berliner sollte bei weiteren Überlegungen im Vordergrund stehen und nicht durch Kostenüberlegungen in den Schatten gestellt werden", forderte der SPD-Politiker.