Gewaltexzess

Berlin Alexanderplatz - Der Ort, an dem Jonny K. starb

Tagsüber ist er die größte Bühne der Hauptstadt. Nachts wechselt die Szene. Dann wird es gefährlich. 24 Stunden auf dem Alexanderplatz.

Es ist morgens um sieben, als im U-Bahnhof Alexanderplatz ein Mann einen Revolver auf die Fahrgäste richtet. Etwa 50 Menschen warten am Bahnsteig, der Mann fixiert sie schweigend. Doch die Passanten vertiefen sich gelassen in Zeitungen, Handys und Kaffeebecher. Niemand würde auf die Idee kommen, die Polizei zu rufen. Denn der Revolverheld ist der Schauspieler Daniel Craig, der auf Plakaten für den neuen "James Bond" wirbt.

Alles ist gut, morgens um sieben am Alex. Es wird jedoch nur eine Dreiviertelstunde dauern, bis die Polizei tatsächlich das erste Mal einschreiten muss. Seit am vergangenen Wochenende der 20-jährige Jonny K. von einer Gruppe junger Männer angegriffen und so brutal gegen den Kopf getreten wurde, dass er an seinen Verletzungen starb, hat die Polizei ihre Präsenz rund um den Platz verstärkt.

Die Ermittler sind den fünf mutmaßlichen Tätern zwar inzwischen auf der Spur. Doch noch sind sie auf der Flucht. Erst am Sonntag zuvor war ein 23-Jähriger vor dem S-Bahnhof Alexanderplatz angeschossen worden. Der Täter ist bisher ebenfalls nicht gefasst.

Jetzt diskutiert Berlin, sogar ganz Deutschland über den Platz, der seit Alfred Döblins Roman "Berlin, Alexanderplatz" aus den 20er-Jahren jetzt wieder manchen als Sinnbild für rohe Sitten und Gewalt gilt.

07.10 Uhr: Ein Schwall Gold ergießt sich in dicken Strahlen über den Alexanderplatz. Zwischen den Plattenbauten im Osten geht die Sonne auf, das Licht bricht sich im Wasser des Brunnens und den stehengelassenen Wodkaflaschen davor. Möwen kreischen, Straßenbahnen kriechen flüsternd Richtung Bahnhof. Der Alexanderplatz: Auch wenn die meisten heute damit das gesamte Areal zwischen Spandauer Straße, Rotem Rathaus und Hotel "Park Inn" meinen - eigentlich heißt nur der weite, gepflasterte Raum rund um Brunnen und Weltzeituhr so. Die DDR-Führung ließ aus dem Platz, an dem sich bis zum Krieg alle Schichten der Gesellschaft trafen, einen autofreien Kundgebungsort machen, gigantisch groß. Zu Füßen des heutigen Hotels "Park Inn" - damals "Stadt Berlin" - mit seinen 37 Stockwerken rauscht der Brunnen wie ein einsamer Gebirgsbach. Die wenigen Menschen, die um diese Uhrzeit hier joggen oder Hunde ausführen, wirken wie Darsteller eines Zwergenfilms.

07.45Uhr: Unter der S-Bahn-Brücke steht Tag und Nacht ein Polizeiauto. Wie zur Erinnerung, an welchem Ort man sich befindet. Zwei Polizisten wecken am Bahnhof zwei Obdachlose. Sie schauen auf Decken, Bierflaschen und verquollene Gesichter. Freundlich bringen sie die Bärtigen zum Aufstehen, weisen mit strengen Mienen auf liegengelassenen Müll, während der Strom der Passanten blicklos an der Szene vorbeizieht.

Die Obdachlosen taumeln nach drinnen, wo Weggeworfenes und schmierige Fußböden vom Kampf gegen den Alltag erzählen, der offenbar kaum zu gewinnen ist. Rund 280.000 Menschen steigen tagtäglich am Alex aus- oder um. Der Platz zählt nach den Lagebildern der Polizei nicht zu den besonders kriminalitätsbelasteten Orten. Die schlimmste Zeit des Tages seien die frühen Morgenstunden, wenn die letzten Feiernden betrunken nach Hause gehen. Das sagen die Zivilfahnder und Bereitschaftspolizisten der Bundespolizei, die wir später durch die Nacht begleiten werden. Doch bis dahin ist es noch lange hin.

08.00Uhr: Am frühen Morgen sind die probatesten Waffen gegen das Elend der Welt: Kaffee und Croissants. Ihr Duft durchdringt alle Etagen des Bahnhofs. Doch das Aroma häuslicher Geborgenheit ist eine Täuschung. Auf der Suche nach einem neuen Platz rempeln die Bärtigen eilige Herren in Anzügen an, sie stehen geschminkten Damen mit Laptoptaschen im Weg, dann ruft einer der Bärtigen: "Eh!" und deutet mit dem Finger auf eine furchterregende Gestalt. Zwischen den Morgenmenschen läuft ein über und über tätowierter Mann mit einem so dunkel gefärbten Gesicht, dass das Weiße in seinen Augen leuchtet. "Eh, ciao!" ruft der Bärtige, er ist offenbar Italiener, doch der Tätowierte raunzt ihn nur an: "Lass mich in Ruhe, Alter!", und eilt die Treppen hinauf.

09.00Uhr: Am Kaffeestand im untersten Geschoss sagt die Verkäuferin, sie stehe ab fünf Uhr morgens hier, jeden Tag. Eine Weile habe sie auch spätabends gearbeitet, aber diese "komplett andere Welt" sei nichts für sie. "Zu viele Betrunkene, zu viele Menschen, die nicht normal sind." Ihr Stand ist eine mobile Einrichtung aus Edelstahl, um Mitternacht wird er weggerollt - vielleicht, um dem nicht im Wege zu sein, was sich dann auf den Bahnsteigen abspielt.

10.00Uhr: Das tiefe Rumoren, das über dem Bahnhof liegt wie ein schlechtes Gefühl, es stammt von den Baggern unter dem Fernsehturm. An einer Ecke entsteht ein neues Büro- und Geschäftshaus, gegenüber dem Roten Rathaus laufen Ausgrabungen durch Archäologen, bevor an dieser Stelle der Weiterbau der U-Bahn-Linie 5 beginnt. Rund um den Fernsehturm schütten Bagger klimpernd herausgerissene Betonplatten wie Bauklötze zu großen Haufen. Der neue Belag ist teflonbeschichtet. Der Dreck bleibt nicht daran haften. Ein schönes Symbol - Teflon. Doch so einfach wie der Dreck auf dem Boden lassen sich die Probleme des Alexanderplatzes wohl nicht beseitigen. Jemand hat an den Bretterzaun ein Plakat geklebt: "Echtes Wissen ist Erkenntnis aus eigener Erfahrung". Was so viel heißen könnte wie: Man muss schon genau hinschauen, um zu verstehen.

10.30Uhr: Der Fernsehturm ist mit 368 Metern das höchste Bauwerk Deutschlands. Er ist das weithin sichtbare Symbol Berlins - seit einer Woche steht er jedoch auch für das Unfassbare, was direkt darunter geschah. Doch das Gelände am Fuß des Fernsehturms ist momentan ein unübersichtliches Terrain. Unter den schwebenden Betondächern kann man sich zwischen Baustellen, Buden und einer endlosen Landschaft aus Gartenmöbeln verlaufen. Sie gehören zu einem italienischen Restaurant, einem Treffpunkt für junge Leute, mit silbernen Sofas und Sitzecken. Hier hatten Jonny K. und seine Freunde an jenem Abend gefeiert. Die Stelle, an der sie angegriffen wurden, liegt nur wenige Meter weiter - wenige Meter auch vom Roten Rathaus entfernt, in dem Tag und Nacht Wachleute patrouillieren. Doch auch sie bekamen nichts mit von der brutalen Tat.

11.15Uhr: Zahllose Putzwagen machen die Runde. Grüne gehören zum Grünflächenamt, orangefarbene zur BSR. Einer davon stoppt an den Blumen für Jonny K. Der Fahrer steigt aus, verharrt minutenlang in betroffener Andacht, während aus seinem Wagen fröhliche Guten-Morgen-Musik eines Radiosenders dudelt. Dann leert der Mann den Mülleimer neben dem Tatort und fährt weiter.

11.30Uhr: Vor dem Brunnen am Alex ist der erste Selbstdarsteller angekommen. Der Mann steht vor den Sitzbänken und gestikuliert mit einer Bierflasche, während sich rundherum das Personal des Tages gruppiert. Musikanten stimmen Geigen und E-Gitarren. Blasse Jugendliche mit bunten Haaren und großen Hunden setzen sich darum herum. Etwas abseits davon hat Bine, 23 Jahre alt, ihren "Schnorrplatz", begleitet von Dobermann-Mischling Snoopy. Sie sei immer hier, sagt sie. Die Dame, die eine Etage tiefer die blitzsaubere Wall-Toilette betreut, sagt: Die Punker seien einfach nur "liebe Kinder". Es sei der Alkohol, der die Menschen unberechenbar mache. Die Toilette wird videoüberwacht, ist über einen Alarmknopf direkt mit der Polizei verbunden. Um 22 Uhr wird sie geschlossen.

12.00Uhr: Auf dem Platz kreuzen sich die Wege der Kunden aus Kaufhäusern und Shoppingcentern rundum mit denen der Touristen. Zwei Beamte eilen auf den Bärtigen vom Morgen zu, der es sich inzwischen neben einem weiteren Künstler auf dem Boden bequem gemacht hat. Vor den Augen des Publikums, das begeistert der Trommeldarbietung auf Farbeimern lauscht, führen die Polizisten den Obdachlosen ab - Personenkontrolle.

13.00Uhr: Am Nordrand des Platzes haben Imbissbuden Liegestühle in die Sonne gestellt. Darin sitzen Sarah (23) und Lukas (22). Sie sind aus Hessen gekommen, ihr Hotel liegt gleich um die Ecke. Von dem Überfall, sagen sie, haben sie in der Zeitung gelesen. Sie wirken betroffen, als sie hören, wie nah der Tatort an dem Platz liegt, an dem sie ihr Berlin-Wochenende beginnen. Dann schauen sie zu, wie neben ihnen eine Bühne errichtet wird. Ein Konzert?

14.30: Nein, es sind die Sozialarbeiter der Stadt, die hier eine Protestkundgebung veranstalten, gegen Streichungen in der Jugend- und Sozialarbeit. "Viel Gewalt könnte verhindert werden, wenn man Jugendliche rechtzeitig betreut", sagt eine Sozialarbeiterin. Die Reden werden ab 15 Uhr per Megafon über den Platz gerufen, doch sie verhallen in der Weite der Architektur. Dennoch bleiben viele Passanten stehen. "Was in der Kindheit versäumt wird, kann später nur schwer wiedergutgemacht werden", sagt ein älterer Herr, der auf Verwandtenbesuch in Berlin ist. Er sei Kriminalbeamter gewesen, in einer anderen Stadt, sagt er. Und, dass ihn das Schicksal von Jonny K. sehr bewege. Er habe ähnliche Fälle gehabt. "Wenn es um junge Menschen ging, habe ich manchmal innerlich geweint."

16.00Uhr: "Warum?", diese Frage steht nicht nur auf den Briefen zwischen den Grablichtern am Tatort, an dem sich am Nachmittag eine Menschentraube gebildet hat. Die Gruppen der Angreifer und Angegriffenen hatten offenbar vorher nichts miteinander zu tun. Die Täter sollen aus einem Club gekommen sein, der wenige Meter entfernt liegt.

16.30Uhr: Wegen der vielen Kerzen und Blumen liegt über dem Ort, an dem Jonny K. starb, ein intensiver Duft wie in einer Kirche. Vor den Passanten beugt sich eine schmale Frau über die Lichter, tauscht verloschene gegen frische, ordnet die Beileidsbekundungen. Schweigend fährt sie mit ihrer Arbeit fort, auch als ihr die Menge mit ihren Fotohandys und Blicken immer näher rückt. Die schmale Frau hat asiatische Züge. Es ist Jonnys Mutter. Mit ihr sind zwei von Jonnys Schwestern gekommen. Sie seien jeden Tag hier, sagt die Schwester, und dass ihnen die Anteilnahme der Menschen sehr helfe. Ein Freund von Jonny ist auch mit dabei, er hat ein Bild gezeichnet, von Jonny und den anderen. Eine Art Comic, so sieht es aus. "Ein Familienbild", sagt der junge Mann. Ein anderer Freund reicht Grablichter an die Umstehenden, bittet sie, diese anzuzünden. Als ein Mann die Bitte missversteht und das Portemonnaie zückt, fehlen dem jungen Mann die Worte. Mit Tränen in den Augen wendet er sich ab.

17.00Uhr: Direkt hinter dem Tatort liegt ein Eiscafé, das zur Tatzeit geschlossen war. Jetzt sitzen hier Gäste in der Sonne, bei Kaffee und Kuchen, teilnahmslos. Viele fragen nicht einmal, was es mit dem Menschenauflauf auf sich hat. Allein eine Gruppe junger Männer, etwa im Alter des Opfers, ist erschrocken, als sie hört, was geschah. Einer sagt, er komme aus Düsseldorf, wo vor einem Jahr ein Mann starb, nachdem er angegriffen und in ein Schaufenster gestoßen wurde. Er starb mitten auf der Königstraße, der beliebtesten Einkaufsmeile der Stadt. Die Tat fand etwa um dieselbe Zeit statt wie der Angriff auf Jonny K. - um vier Uhr morgens.

18.00Uhr: Von der Dachterrasse des Hotels "Park Inn" gesehen, wirkt der Alexanderplatz am Abend wie ein Ameisenhaufen - so voller Menschen. Berlin liegt dahinter wie ein ruheloses Meer im Dunst. Hinter dem Fernsehturm geht majestätisch die Sonne unter. Die Besucher beugen sich über die Brüstung, schießen Fotos, viele haben Kameras und Stative mitgebracht. Am Rand stehen ihre Koffer. Wenn es dunkel wird, werden die meisten längst nicht mehr da sein.

19.00Uhr: Wie groß ist die Gefahr wirklich, an Orten wie dem Alexanderplatz? Die Berliner Polizei sagt: Konkrete Zahlen über ihre Arbeit, über Platzverweise, Anzeigen und Festnahmen an diesem Wochenende wolle man nicht herausgeben. Das würde das Bild verzerren, weil ein Wochenende niemals beispielhaft sei für eine generelle Einschätzung von Gefahr. Das Gefühl sagt: Es kann sein, dass der Ort, an dem Jonny K. starb, rein zufällig war. Es kann aber auch sein, dass er genau deshalb so viel aussagt. Fünf Männer, die einen sechsten einfach tottreten, ohne dass sie jemand aufhält: In der Anonymität von Menschenansammlungen können Täter untertauchen. Möglich, dass auch genau dieses Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden - in der Gesellschaft, im Leben -, letztlich hinter der Tat steht. Man wird es frühestens dann wissen, wenn die Täter gefasst sind. Aber auch dann wird die Polizei den Alexanderplatz wohl weiter im Visier haben - so wie an diesem Abend, an dem wir Zivilfahnder und uniformierte Bereitschaftspolizisten der Bundespolizei begleiten.

20.00Uhr: Alex zündet sich eine Zigarette an und grinst. "Eigentlich wollte ich ja aufhören, aber solange ich noch die jungen Kerle kriege, kann ich weiterrauchen", sagt der Zivilfahnder der Bundespolizei. Gerade hat er nach langer Verfolgung einen 17-Jährigen gestellt, der in Friedrichshain mit Steinen auf Züge geworfen hatte. Bei dem Jugendlichen wurden Drogen entdeckt, eine Hausdurchsuchung folgte. 50 Gramm Gras, 250 Euro Handelserlös und ein wahres Arsenal an Softairwaffen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. Der wichtigere Auftrag für ihn und seinen Kollegen Gary an diesem Abend allerdings lautet: Einsatz am Alexanderplatz. Nach dem Tod von Jonny K. hat die Bundespolizei ihre Präsenz deutlich erhöht. Uniformierte Bereitschaftspolizisten und die Zivilfahnder um Alex sollen für Ruhe sorgen. Taschendiebstahl, Trickbetrug, Ruhestörung, Raubtaten, Drogenhandel, viele Körperverletzungen unter Jugendlichen - am Alexanderplatz haben es die Beamten mit beinahe jeder Form von Kriminalität zu tun. Besonders zwischen 20 Uhr und Mitternacht, wenn Gruppen betrunkener junger Männer mit ihren Freundinnen zu den Clubs und Kneipen am und im Bahnhof ziehen. Beinahe jeder hat Alkohol in den Händen, Bier, Wein, Wodka. Man ist laut, es wird gepöbelt. Die Beamten sagen: Sie haben das Gefühl, im Fußballstadion zu sein.

21.30Uhr: Im Inneren des Bahnhofs brüllen Jugendliche, Fahrgäste beeilen sich, an ihnen vorbeizukommen. Alex und seine Leute sprechen die jungen Männer an. Die werden ruhig, kleinlaut. Polizist Alex ist groß und trainiert, er lässt keinen Zweifel daran, dass er hier Ruhe will. Drei Minuten später geht ein junger Mann auf seine Freundin los. Beide sind betrunken, sie trägt keine Schuhe. "Trinkermilieu vom Alex", sagt Bereitschaftspolizist Tom und geht dazwischen. Personalien werden überprüft, die beiden ermahnt.

21.50Uhr: Eine Gruppe junger Männer sitzt an der Tramhaltestelle am Bahnhof. Sie spucken auf den Boden, Flaschen klirren, es riecht nach Bier und Schnaps, Passanten werden angepöbelt. Einer macht Klimmzüge am Geländer der Haltestelle. Wieder eine Personalienüberprüfung, Platzverweis. Auf die Frage der Beamten, ob jemand der jungen Leute schon mit der Polizei zu tun hatte, berichten sie alle von Körperverletzungen und Sachbeschädigungen. "Ich hab zwei Haftbefehls gehabt", lallt einer, er hat schlechte Zähne. Tom sagt später sarkastisch: "Das war noch Abiturniveau am Alex. Hauptschule kommt nachts um vier."

22.20Uhr: Eine Gruppe Hooligans mit Thor-Steinar-Kleidung grölt 100 Meter neben der Haltestelle. Wieder klirren Flaschen. Einer der Männer sitzt im Rollstuhl, er hat gebrochene Beine. Sein Freund kann kaum noch stehen, zwei tätowierte Frauen reden auf die Polizisten ein. Die Gruppe wird ermahnt, sich zu entfernen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Tom und seine Kollegen die Gruppe treffen.

22.30Uhr: Eine Gruppe junger Leute schreit sich an, Nase an Nase stehen sich ein etwa 18-Jähriger und eine Türkin gegenüber. "Ich bin kein Hurensohn", schreit er und will zuschlagen. Die Lage ist unübersichtlich, die Bereitschaftspolizisten trennen die Streithähne. Eine Familie aus Schweden läuft mit Reisegepäck durch den Bahnhof, die Eltern haben ihre kleinen Kinder an der Hand. Das Mädchen hat Angst, als sie die Schreie hört, der Vater treibt seine Familie zur Eile an. Aber wohin? Gegrölt wird überall.

22.55: Sechs junge Männer beschimpfen die Beamten an ihren Fahrzeugen als "Schweine". Kurz darauf stehen die Männer am Zaun und werden überprüft. Von Respekt keine Spur. Erst, als die Beamten deutlicher und lauter werden, werden die Männer kleinlaut. Sie bekommen Anzeigen wegen Beleidigung. Die Konsequenz: Sie dürfen den Alexanderplatz an diesem Tag nicht mehr betreten. Kurzzeitig ist es ruhig auf dem Platz, Zeit für einen schnellen Kaffee aus der Thermoskanne und ein Stück Kuchen auf die Hand für die Beamten im Einsatz. "Man gewöhnt sich dran und mir macht der Job Spaß", sagt Tom. Dann kommt plötzlich eine Funkmeldung vom Hauptbahnhof. Einem jungen Mann wurde das Ohrläppchen abgerissen. Kopfschütteln bei den Beamten am Fernsehturm.

23.40Uhr: Hektik. Toms Leute rennen quer über den Platz, wo es eine Schlägerei geben soll. Ein Mann klagt über Schmerzen nach einem Schlag, ein anderer soll eine Flasche geworfen haben. Es sind die Hooligans mit ihrem Freund im Rollstuhl. Dessen Kumpel soll mit der Flasche geworfen haben. "Wo kommen denn plötzlich all die Bullen her?", fragt einer. Ein Passant mit Hut und Mantel geht an den Beamten vorbei: "Danke, dass Sie da sind."

00.33Uhr: Wieder Schreie im Bahnhof. Eine Gruppe betrunkener Männer in Lederhosen und Trachtenhemd macht Lärm, andere Fahrgäste fühlen sich unwohl. Die Betrunkenen wollen diskutieren: Sie würden ihre Rechte kennen. Einer hatte wohl ein paar Bier weniger, er bittet die anderen: "Macht kein Stress jetze, sonst komm"wa nie nach Hause." Sie werden ermahnt, dann dürfen sie den letzten Zug nach Brandenburg nehmen. Unten in der Haupthalle pinkelt zur gleichen Zeit ein Mann gegen eine Wand. Toms Kollegen stellen ihn - Anzeige. Zehn Minuten später: wieder Lärm im Außenbereich, und wieder sind es die Hooligans. Letzte Ermahnung. Sie sollen sich entfernen, nicht mehr wiederkommen.

00.50Uhr: Ein Mann soll mit Flaschen um sich werfen. Tom und drei Kollegen eilen zum Ort im Innern des Bahnhofs nahe einer Bäckerei. "Sucht ihr den mit der blauen Jacke? Der ist da lang", ruft ein Mann mit arabischem Akzent. Tom traut ihm nicht, schaut hinter einen Tresen. Da liegt die Jacke. Der Flaschenwerfer ist aggressiv, stolzer libanesischer Kurde sei er, sagt er. Ein Freund beruhigt ihn, dann müssen die beiden aufräumen. "Wenn er voll ist, wird er manchmal komisch", sagt der Kumpel und zieht den Mann mit der blauen Jacke davon. "Sorry, Mann."

01.50Uhr: Ein junger Mann mit Mantel, Kopftuch und Hut torkelt auf seinem Weg nach Hause. Rapper Olaf O. sei er, sagt er. "Mach mal", fordert Tom ihn auf, und der junge Mann zeigt sein Können. "Nicht schlecht", sind sich die Polizisten einig. "Mach lieber Musik als hier abzuhängen." Dann wird es ruhig auf dem Alexanderplatz. Jetzt komme das Zeitloch, sagen die Beamten, wenn alle in den Clubs sind und feiern. "Wenn sie dann nachher nach Hause gehen, richtig betrunken sind, dann reicht ein falsches Wort und die Gruppen gehen aufeinander los", sagt Pressesprecherin Nadine Marschner, die an diesem Abend auch vor Ort ist. Sie war früher selbst auf dem Ostbahnhof eingesetzt - und kennt das Geschäft.

03.00Uhr: Notfall. Ein betrunkener Mann liegt hilflos am Boden. Er habe seine Herztabletten nicht genommen, klagt über Brustschmerz, wirkt apathisch. Minuten später kommt der Notarzt. "Keine Medikamente und dafür eine Flasche Jägermeister vertragen sich nicht", sagt ein Beamter. Dann geht es wieder in den Bahnhof. Drinnen ist es fast leer. Eine Gruppe Jugendlicher aus Brandenburg wird von den Beamten überprüft, sie waren auffällig geworden, fühlten sich offensichtlich in der Gruppe stark. Deshalb hatten sie wohl andere Menschen angeschrien. "White Pride" hat einer auf seinem T-Shirt stehen. "Das ist genau die Sorte, die Leute zusammentritt, wenn sie ein Opfer gefunden haben", sagt einer der Beamten. Einige der Jugendlichen sind der Polizei bereits wegen Gewaltdelikten bekannt.

04.30Uhr: Ruhe kehrt ein. "Keine Feststellung" funken die Beamten in die Leitstelle. Die Polizisten am Alexanderplatz haben nur kurz Zeit zum Durchatmen. "Morgen", sagt einer, "ist wieder Nachtschicht am Alex."