Prozessauftakt

Tod durch Sadomaso - Anwalt plädiert auf fahrlässige Tötung

Der 44-Jährige schweigt vor dem Berliner Gericht zum Tod seines Lebensgefährten, den er nach dem Sex zerstückelte und dessen Kopf kochte.

Foto: Michael Gottschalk / dapd

Am 22. Januar 2012 rief der 44-jährige Michael S. beim Polizeiabschnitt 44 in Mariendorf an, sagte, dass er Informationen über einen Vermissten geben könne. Es handele sich um den seit Anfang des Jahres verschwundenen 37-jährigen Carsten Sr. aus Kreuzberg. Als Michael S. wenig später im Landeskriminalamt vernommen wurde, berichtete er, dass Carsten Sr. sein Geliebter gewesen sei. Sie hätten sich am Nachmittag des 3. Januar zum letzten Mal gesehen. Carsten Sr. hätte vor dem Abschied von Stress auf der Arbeit und Todessehnsüchten gesprochen.

Michael S. hatte damals nicht alles erzählt. Seit Mittwoch sitzt er als Angeklagter vor einem Moabiter Schwurgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Carsten Sr. am 5. Januar gegen 20 Uhr in seiner Wohnung in der Marienfelder Markgrafenstraße bei zunächst einvernehmlichem sadomasochistischem Sex getötet zu haben. Er habe sein späteres Opfer mit Armen und Beinen an ein Bettgestell gefesselt und ihm Mund und Nase mit mehreren Lagen Paketband verklebt. Ziel sei es gewesen, sich an der hilflosen Lage von Carsten Sr. sexuell zu erregen. Dabei habe Michael S. auch billigend in Kauf genommen, dass Carsten Sr. ersticken könne – was so dann auch geschah. Für die Ankläger ist das ein Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebes.

Verteidiger kritisiert Anklage

Michael S. hat sich zu den Vorwürfen vor Gericht nicht geäußert. Bei der Polizei soll er gesagt haben, dass es sich um einen Unglücksfall handele. Sein Verteidiger Friedhelm Enners kritisierte die Anklage: „So schrecklich sich das Geschehen auch darstellen mag, es handelt sich hier nicht um Mord, sondern um fahrlässige Tötung“, sagte er. Habe es sich doch „um einvernehmlichen Sex“ gehandelt. „Möglicherweise mit perversen Praktiken“, so Enners. „Aber mit einer eigenverantwortlichen Selbstgefährdung des Opfers und mit dessen Zustimmung, dass es dabei möglicherweise auch zu Tode kommen könne.“

Ob das so auch das Schwurgericht bewerten wird, bleibt abzuwarten. Als Zeugen geladene Polizeibeamte berichteten am ersten Prozesstag, dass der HIV-infizierte Carsten Sr. eine Art Doppelleben geführt habe: Am Tage war er der korrekte Banker, nachts ein um offenbar jeden Preis nach sexueller Befriedigung suchender Mann, der sich über einschlägige Online-Portale mit anderen Männern verabredete. So hatte er auch den Handelsvertreter Michael S. kennengelernt.

Dass Carsten Sr. masochistisch veranlagt war, scheint unbestritten. Sein Lebensgefährte, mit dem er eine offene Beziehung führte, sagte bei der Polizei, dass Carsten Sr. zahlreiche Verletzungen hatte.

Äußerst merkwürdig indes ist das Verhalten des Angeklagten, nachdem Carsten Sr. in seiner Wohnung beim Sex starb. Er hatte die Leiche zerstückelt und in verschiedenen Behältnissen in seiner Wohnung gelagert. Den Kopf hatte er in einen Topf gesteckt und gekocht. Der Prozess wird am 19. Oktober fortgesetzt.