Gewaltexzesse

Berliner Alexanderplatz ist für Polizei kein „Angstraum“

Nach der tödlichen Attacke am Alexanderplatz wird weiter nach den Tätern gefahndet. Ermittelt wird wegen Mordes aus niederen Beweggründen.

Foto: Clemens Bilan / dapd

Fünf Tage nach der tödlichen Attacke gegen einen 20-Jährigen am Alexanderplatz melden sich bei der Polizei immer mehr Zeugen, um Angaben zu den Tätern zu machen. 19 Hinweise seien bislang eingegangen, sagte ein Sprecher der Polizei am Mittwoch. Identifizieren und festnehmen konnten die Ermittler jedoch bislang keinen der sieben von Freunden des Opfers als „südländisch“ beschriebenen Täter. Mit Hochdruck sucht die Polizei deshalb weiter nach den Unbekannten und fragt nach möglichst präzisen Angaben zum Äußeren der Täter, zur Richtung, aus der sie kamen und in die sie flüchteten sowie zum genauen Tatablauf.

Wie berichtet war der 20 Jahre alte Jonny K. am Sonntag gegen 4 Uhr in der Rathausstraße von sieben Unbekannten angegriffen worden. Jonny K. hatte die mutmaßlichen Täter zuvor angesprochen, weil sie einen seiner Freunde zu Fall gebracht hatten, indem sie ihm den Stuhl weggezogen hatten. Auf den Stuhl wollten Jonny K. und ein Freund ihren betrunkenen Begleiter setzen, während ein weiterer Freund ein Taxi heranwinken sollte. Nachdem Jonny K. die Täter angesprochen hatte, schlugen und traten sie auf ihn ein und hörten auch nicht auf, als er schon am Boden lag. Einen Tag später starb der 20-Jährige an seinen schweren Kopfverletzungen. Einer seiner Freunde erlitt einen Jochbeinbruch.

„Möglicherweise auch rassistische Motive“

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln nun wegen Mordes gegen die unbekannten Täter. Als Mordmerkmale kommen nach Angaben von Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, niedrige Beweggründe in Betracht. „Diese könnten im fehlenden oder allenfalls nichtigen Anlass für die Gewalttat begründet sein oder möglicherweise auch in rassistischen Motiven“, sagte Steltner am Mittwoch.

Wie berichtet hatte Jonny K. thailändische Wurzeln, auch zwei seiner Freunde sind laut Polizei asiatisch-stämmig. Der vierte Begleiter soll dunkelhäutig sein. Auf der Suche nach den Tätern werten die Ermittler der 1. Mordkommission des Landeskriminalamts unterdessen weiter sämtliche Videoaufzeichnungen aus, die von in der Nähe des Tatorts installierten Überwachungskameras gemacht wurden. Die Tat an sich wurde offenbar nicht aufgenommen. Die Beamten befragen zudem die Türsteher und Gäste der Bar Cancun. Dort hatte in der Nacht die Aftershowparty des türkischen Musikers Murat Boz stattgefunden. Etwa 700 Gäste besuchten die Veranstaltung. Während der Tat müssten nach Polizeiangaben etliche Gäste vor der Bar auf der Straße gestanden und möglicherweise wichtige Beobachtungen gemacht haben.

„Diese Tat hätte überall passieren können“

Darüber hinaus erhofft sich die Polizei von Passanten weitere Hinweise. „Die Rathausstraße ist eine gut besuchte Straße, in der am Wochenende ganz viel los ist“, hatte Jutta Porzucek, Leiterin der Berliner Mordkommission, am Dienstag gesagt.

Diese Einschätzung bekräftigte die Polizei auch am Mittwoch noch einmal und bezog damit Position in der angesichts der tödlichen Prügelattacke entfachten Debatte um die Sicherheit des Alexanderplatzes. „Diese Tat hätte überall passieren können“, sagte Ingrid Hermannsdörfer, Architektin beim Landeskriminalamt, Morgenpost Online. Hermannsdörfer arbeitet im Bereich der städtebaulichen Kriminalitätsprävention. „Bestimmte Taten lassen sich nicht verhindern.“

Zwar würden die vielen Baustellen die Sichtachsen am Alexanderplatz beeinträchtigen, abgesehen davon sei der Platz aber recht übersichtlich. „Es gibt weder Mauern noch mannshohe Sträucher, die als Verstecke dienen könnten.“ Die Qualität und Sicherheit des Platzes müsse aus städtebaulicher Sicht beispielsweise eher im Bereich der U- und S-Bahneingänge verbessert werden, also jenseits des Tatorts an der Rathausstraße. „Es ist noch einiges zu tun und es wird auch einiges getan“, sagte Hermannsdörfer.

Beleuchtung ist wichtig

Durch städtebauliche und architektonische Maßnahmen könne allerdings grundsätzlich nur gegen bestimmte Tätergruppierungen wie etwa Graffitisprayer, Diebe oder Räuber vorgegangen werden. „Es geht darum, Tatgelegenheiten zu verhindern.“ Wichtig seien in diesem Zusammenhang die Beleuchtung des Platzes, Sichtachsen, transparente Eingänge, gut einsehbare Wege und Straßen sowie möglichst wenige Ecken und Nischen. Der Letteplatz etwa wurde bereits umgebaut und am Herrmannplatz werde gerade einiges dafür getan, um solche Maßnahmen durchzusetzen. „Auch der inzwischen auf dem Hermannplatz stattfindende Markt verändert den Ort, so dass er weniger als vorher ein Durchgangsplatz ist, an dem sich die Leute unwohl fühlen.“

Bestimmte Gewalttaten wie die vom vergangenen Wochenende ließen sich jedoch nicht durch die architektonische und städtebauliche Gestaltung eines Platzes verhindern. Deshalb sei es auch falsch, den Alexanderplatz als „Angstraum“ zu bezeichnen. Dieser Begriff werde viel zu inflationär gebraucht, ohne sich seiner Bedeutung bewusst zu sein. „Der Alexanderplatz ist kein Ort, den die Leute aus Angst meiden müssten“, sagte Hermannsdörfer.