Tod nach Attacke

Am Alexanderplatz zeigt Berlin seine brutale Seite

Die Gewalt rund um das Areal am Berliner Fernsehturm reißt nicht ab: Der 20 Jahre alte Jonny K. stirbt nach einer Prügel-Attacke.

Foto: Massimo Rodari

In den Stunden, in dem Jonny K. stirbt, geht auf der Rathausstraße am Alexanderplatz das Leben weiter. Um 14.35 Uhr, als die Ärzte im Krankenhaus Friedrichshain nichts mehr tun können, als sie die lebenserhaltenden Geräte abstellen, ist der Tatort nicht mehr gesperrt, Menschen eilen vorbei, die meisten Geschäfte hatten am Sonntag, in den Stunden nach der brutalen Tat, zu.

Der Überfall in der Nacht, in der der 20-Jährige von einer Gruppe niedergeschlagen und immer wieder gegen den Kopf getreten wird, von einem Notarzt reanimiert, aber doch nicht gerettet werden kann, scheint fast wieder vergessen. Wenn die Menschen rund um den Alexanderplatz überhaupt von ihm wussten.

Nach der tödlichen Prügelattacke vom Berliner Alexanderplatz haben die Ermittlungsbehörden am Montagabend wesentliche Angaben zum Opfer und Tathergang korrigiert. Zudem wird jetzt wegen Mordes ermittelt. Bei dem Angriff starb demnach nicht, wie ursprünglich von der Polizei mitgeteilt, ein schwer Betrunkener, sondern ein 20 Jahre alter Begleiter, der diesem einen Stuhl hinstellen wollte. Der Sachstand habe sich geändert, bestätigte die Polizei die Darstellung der Staatsanwaltschaft.

Die beiden und zwei weitere Männer waren demnach in der Nacht zum Sonntag zusammen aus einem Club gekommen und in der Nähe des Alexanderplatzes unvermittelt von einer anderen Gruppe angegriffen worden.

Ein Symbol für das neue, hippe Berlin

Auf einer Parkbank, mit Blick auf das Rote Rathaus, sitzt ein junges Paar und isst Butterbrote. Ob sie von dem jungen Mann gehört haben, der hier in der Nacht zu Sonntag zu Tode getreten wurde? Sieben Mann gegen einen Betrunkenen, der am Boden lag? Nein, haben sie nicht. Ob sie öfter zum Alexanderplatz kommen? Die junge Frau blickt sich um, hinter ihr ist eine Baustelle, neben ihr ist eine Baustelle, und etwas weiter weg lagern Punker. „Nein“, sagt sie. Aus Angst vor Überfällen? „Das nicht, aber hier sieht es doch einfach nur schlimm aus.“

Es ist fast eine Ironie. Der Fernsehturm am Alexanderplatz ist das Symbol für das neue, hippe Berlin, die Stadt, wo Junge und Kreative aus der ganzen Welt friedlich zusammenkommen. Den Fernsehturm gibt es auf Taschen und T-Shirts, als Schmuck und längst auch als Kuschelkissen. Alle möglichen Berlin-Labels zieren sich mit dem Ball auf Riesennadel. Doch ausgerechnet zu seinen Füßen zeigt Berlin eine seiner unansehnlichsten, seiner brutalsten Seiten. Bereits vor einer Woche hatten zwei Unbekannte einen 23-Jährigen in der Nacht zum Sonntag am Ausgang des S-Bahnhofes zur Rathausstraße niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Nur eine Woche später wird Jonny K. wenige Meter weiter attackiert.

Zu DDR-Zeiten war der Alexanderplatz das Herz Berlins, die Weltjugendspiele von 1973, das „Woodstock des Ostens“, fand hier seinen Mittelpunkt. Am 4. November 1989, fünf Tage vor dem Fall der Mauer, gab es hier die größte, nicht staatlich gelenkte Demonstration in der Geschichte der DDR. Heute herrscht zwischen Weltzeituhr und Brunnen der Völkerverständigung, Galeria Kaufhof, Alexa und Imbissbuden die klassische Anonymität eines Massenumschlagplatz.

Pendler, Touristen, Gruppen von Jugendlichen, Straßenmusiker, Obdachlose – mit 300.000 Menschen pro Tag ist der Alexanderplatz einer der höchstfrequentiertesten Plätze Berlins, allein 280.000 Reisende machen den Bahnhof zu einem der größten Umsteigeplätze Europas. Doch die meisten ziehen nur vorbei, länger bleiben möchte keiner. Es ist keine Gegend, mit der man sich identifiziert. Oder für die einer Verantwortung übernehmen will.

Passanten und Angestellte zucken mit den Schultern

In einer Boutique an der Rathausstraße will sich die Betreiberin dann lieber nicht zu den Vorfällen äußern. „Sie sehen doch, der Laden ist voll“, sagt sie freundlich und bestimmt. Andere Geschäfte verweisen darauf, dass der Geschäftsführer gerade nicht zu sprechen sei. Passanten zucken mit den Schultern. Auch im Eiscafé nebenan hat die Bedienung nichts zu sagen. Sie fühle sich sicher hier, aber ihre Schicht gehe auch nur bis spätestens neun Uhr abends. „Ja, weiß ich jetzt auch nicht“, sagt sie, und zuckt mit den Schultern.

Ulf Kahle-Siegel ist einer der wenigen, der dem Alexanderplatz treu bleibt, der sich für das Areal einsetzt. Seit zehn Jahren ist der Straßensozialarbeiter von Gangway in der Ecke unterwegs, kümmert sich um Jugendliche, die zwar ein Zuhause haben, in ihrer Freizeit aber vorwiegend im Schatten den Fernsehturms abhängen. „Früher nannten die Jugendlichen den Alexanderplatz ihr ‚Wohnzimmer‘“, sagt Kahle-Siegel. „Heute sehe ich hier fast täglich neue Gesichter.“

Die Anonymität würde den Platz prägen, so der Sozialarbeiter, ein Treffpunkt, weil er so zentral liegt, aber vor allem ein Umschlagplatz, auf dem unterschiedlichste Interessenlagen, verschiedene Kulturen und Lebensformen permanent aufeinandertreffen würden. „Das lässt den Platz pulsieren, macht ihn aber auch so gefährlich“, sagt Kahle-Siegel. Wo so viel aufeinander einströme, sich aber niemand um irgendetwas kümmere, passiere eben auch schnell etwas. „Was fehlt“, sagt der Sozialarbeiter, „sind Menschen, die den Platz für sich beleben.“

In Teilbereichen der insgesamt 18.000 Quadratmeter großen Freifläche hat der Bezirk Mitte zwar damit begonnen, Grünanlagen und Plätze direkt am Fernsehturm zu erneuern. Am Kaskadenbrunnen wurden neue Bodenplatten verlegt. Nach den Planungen des Architekturbüros Levin & Monsigny soll der Platz um den Fernsehturm statt der zerrupften Rabatten, die bislang vor allem als Toilette und Drogendepot missbraucht wurden, mit Rasenflächen und Bäumen künftig so offen und durchlässig gestaltet werden, dass uneinsehbare Angstzonen keine Chance mehr haben. Zwölf Meter hohe Lichtmasten sollen für deutlich bessere Beleuchtung sorgen. Die originale Platzgestaltung aus den 60er-Jahren bleibt jedoch erhalten – und nach Meinung von Kritikern damit auch das grundsätzliche Problem.

„Ohne jeden eigenen Charakter“

Die Fußgängerzone der Rathausstraße in Mitte ist aus Sicht des Berliner Architekten Bernd Albers so „ohne jeden eigenen Charakter, dass sie auch in Bad Oeynhausen Süd stehen könnte“. Dieser anonyme „Nichtort“, so der Stadtplaner, verfüge zudem allenfalls über eine „diffuse soziale Kontrolle“.

Das zeigt sich vor allem nachts, und vor allem auf der südöstlichen Seite des Areals. Dann ist nur rund um das Kino Betrieb, ansonsten ist die Gegend verlassen. Die Baustellen und der kleine Park, der alles Licht schluckt, machen das Areal unübersichtlich. „Das ist eine der gefährlichsten Ecken Berlins“, sagt der Manager vom „Mio“, ein Restaurant mit Bar, Tanzfläche und Loungebereich, das in einem der Gebäude direkt unter dem Fernsehturm liegt. Vor einem Jahr habe sie aufgemacht, jetzt sorgen Abend für Abend Sicherheitsleute dafür, dass ihre Kundschaft nicht gestört wird. Wie das „Mio“ setzten viele Läden, auf gewollt edles Ambiente, mit Glitterbar und viel weißem Mobiliar. So auch die „Carambar“. Hier feiert die Schickeria aus Berlins Speckgürtel. Die Wege zwischen Klub und Bahn oder Taxi bringen sie meist möglichst schnell hinter sich.

Auch die Berliner Polizei, die am Alexanderplatz Hand in Hand mit den Kollegen der Bundespolizei und den privaten Sicherheitsdiensten zusammenarbeitet, spricht von „keiner festen Szene“. Vielmehr würden sich Trinker mit Stadtmusikern mischen, am Wochenende und vor allem in den Sommermonaten kämen zahlreiche junge Menschen hinzu, die in den Klubs und Diskotheken an Aktionen wie dem „Flatrate-Trinken“ teilnehmen und anschließend nicht selten Streit mit Gleichaltrigen suchen würden, so Polizeisprecher Volker-Alexander Tönnies. Man habe es mit Taschendiebstählen und Trickbetrügern zu tun, mit Ruhestörungen und Schlägereien. Erst am Sonnabendmorgen hatten sich wieder zehn Männer am Bahnhof geprügelt, die Bundespolizei musste sie vorläufig festnehmen.

SPD fordert mehr Sicherheitskräfte am Alex

Die SPD forderte am Montag, eine gemeinsame Wache von Polizei und Bundespolizei an dem Verkehrsknotenpunkt am Roten Rathaus einzurichten. „Die Sicherheitskräfte müssen für die Bürger sichtbar sein und im Notfall jederzeit eingreifen können“, sagte SPD-Innenexperte Tom Schreiber. Berlins Innensenator Frank Henkel gab am Montag bekannt, dass der Polizeiabschnitt überlege, inwieweit die Maßnahmen auf dem Alexanderplatz erhöht werden können. „Ich halte eine größere Polizeipräsenz für sehr wichtig, um das Sicherheitsgefühl zu stärken“, sagte Henkel. Allerdings gab er zu Bedenken, dass man selbst mit 20.000 Polizisten kaum weiterkomme. „Das Problem beginnt in den Köpfen und im Wertegefüge. Bei einigen sind offenbar sämtliche zivilisatorischen Standards verloren gegangen. Das ist eine Herausforderung für uns alle“, sagte Henkel.

So sieht es auch Sozialarbeiter Kahle-Siegel. Er setzt sich zusammen mit dem Bezirksamt und mehreren sozialen Projekten dafür ein, den Alexanderplatz im Sinne aller Nutzergruppen neu zu gestalten. Der Durchgangsplatz müsse zu einem Ort werden, an dem sich die Menschen gerne aufhalten – das würde mehr bringen als sämtliche Polizeipräsenz.

Am Tatort an der Rathausstraße haben Verwandte und Freunde von dem Vietnamesen Jonny K. am Nachmittag Blumen abgelegt und Kerzen aufgestellt. Jetzt bleiben auch einige Menschen stehen, sprechen über die unfassbare Tat an dem angehenden Barkeeper, der bei einem Italiener am Savignyplatz gearbeitet hatte. Zwischen Einkaufspassage, Baustelle und Pendlerströmen fällt die kleine Gedenkstätte nicht groß auf. Aber es ist ein Anfang.

Vom Alexanderplatz berichten: Michael Behrendt, Jule Bleyer, Isabell Jürgens, Judith Luig, Steffen Pletl