Ermittlungen

Video über Berliner Polizeieinsatz wirft Fragen auf

In Wedding hat die Polizei am Sonnabend einen Bewaffneten überwältigt. Dabei fielen auch Schüsse. Ein Video zeigt die Härte des Einsatzes.

Foto: BM

Nach dem Polizeieinsatz gegen einen schwer bewaffneten 50 Jahre alten Mann in Wedding ist eine Debatte entfacht, ob die Beamten bei der Überwältigung des Mannes unverhältnismäßig gehandelt haben. Auslöser ist ein von einem Amateur aufgenommenes, auf Bild.de veröffentlichtes Video, das den Einsatz zeigt, bei dem der 50-Jährige am Sonnabend lebensgefährlich verletzt wurde. Auf dem Video ist unter anderem zu sehen, wie die Beamten mit Pfefferspray auf den am Boden sitzenden Mann sprühen, ihn in den Nacken treten und einen Diensthund auf ihn loslassen.

„Knallhart“ sei die Polizei gegen den Mann vorgegangen, titelte daraufhin die Bild am Sonntag und zitierte einen Passanten, der das Verhalten der Beamten als „sehr brutal“ bezeichnete. Die Polizei wollte sich auf Anfrage von Morgenpost Online nur bedingt zu der Kritik und zu Einzelheiten auf dem Video äußern. „Es bestand die Gefahr, dass der Mann jemanden verletzen oder gar töten könnte“, sagte ein Sprecher. Die Staatsanwaltschaft prüfe nun die Rechtmäßigkeit des Einsatzes. Wie bei solchen Vorfällen üblich sei eine Mordkommission mit den Ermittlungen befasst.

Der 50-Jährige war am Sonnabend gegen 14 Uhr mit zwei Messern und einer Axt bewaffnet die Antwerpener Straße entlanggelaufen. Als die von Passanten alarmierten Polizisten eintrafen, soll André C. sie nach Angaben des Sprechers bedroht haben. Als er seine Waffen auch nach mehrfachen Aufforderungen nicht niederlegen wollte, gaben die Beamten mehrere Schüsse mit ihren Dienstpistolen ab. Wie oft sie genau schossen, wollte die Polizei am Sonntag nicht mitteilen. Von mindestens acht Schüssen, darunter einigen in die Luft abgefeuerten Warnschüssen, berichteten Anwohner Morgenpost Online. Als die Polizisten auf den Mann schossen, soll er nach Informationen von Morgenpost Online drei Mal getroffen worden sein, wobei er einen Durchschuss am Bein erlitten haben soll.

Tritt gegen den Nacken

Abgesehen von den Schüssen dreht sich die Debatte um die Verhältnismäßigkeit vor allem um das, was danach passierte und auf dem Video festgehalten ist. Auf dem veröffentlichten Film ist zunächst zu sehen, wie der 50-Jährige - durch den Beinschuss zu Fall gebracht - am Boden kauert, die Waffen aber nach wie vor in den Händen hält. Die Polizeibeamten sprühen daraufhin Pfefferspray auf ihn. In dem Moment, in dem der 50-Jährige eine Waffe - vermutlich ein Messer - los lässt, gelingt es einem Beamten, den Gegenstand mit einem Schlagstock weg zu ziehen.

Die anderen Waffen hält der André C. jedoch weiter in den Händen. Kurz darauf nimmt der Beamte Anlauf und tritt dem 50-Jährigen gegen den Nacken. Später zerrt ein Diensthund an der Kleidung des Mannes, und ein Polizist tritt ihn ein weiteres Mal. Schließlich schlägt ein Beamter mit einem Schlagstock gegen den Arm des Mannes. Insgesamt dauert das Video keine Minute. Mehrere Überblendungen machen deutlich, dass die Aufnahmen geschnitten wurden und der Einsatz nicht vollständig wiedergegeben wird.

Politik reagiert verhalten

Seitens der Politik waren die Äußerungen zu dem Video am Sonntag verhalten. „Der Film ist zu kurz, als dass man abschließend darüber urteilen kann“, sagte der Abgeordnete Peter Trapp (CDU) Morgenpost Online. „Wir sehen nur die letzten Sekunden des Einsatzes.“ Polizisten würden ihre Schusswaffen grundsätzlich nur als Ultima Ratio gebrauchen. Im vorliegenden Fall könne also einiges vorausgegangen sein, was auf dem Video nicht zu sehen sei. „Mit Messern und einer Axt kann man anderen Menschen tödliche Verletzungen zufügen“, betonte Trapp.

Auch Christopher Lauer von den Piraten, der sich das Video von unterwegs nicht anschauen konnte, mahnte zur Vorsicht, sich vorschnell ein Urteil zu bilden. „Ein Video zeigt nicht, was vorher oder nachher war“, sagte Lauer. Wenn sich ein mit potenziellen Mordwerkzeugen bewaffneter Mensch nicht auf anderem Wege stoppen lasse, müsse die Polizei auch Gewalt anwenden können. „Natürlich muss man kritisch hinterfragen, ob der Einsatz gerechtfertigt war“, sagte Lauer weiter. Für die Beamten sei der Einsatz wohl eine ziemliche Ausnahmesituation gewesen.

Außer Lebensgefahr

Anwohner, die den Einsatz unmittelbar beobachtet haben, nahmen die Polizeibeamten am Sonntag in Schutz. „Was sollten die Polizisten denn anderes machen“, fragte Herve Cattin (36), der den gesamten Einsatz von seiner auf der anderen Straßenseite gelegenen Wohnung miterlebt hatte. André C. sei nicht zu bändigen gewesen und habe wild um sich geschlagen. Auch Anwohner Ronald Quilitz (55) will von seinem Fenster in der ersten Etage gesehen haben, wie der 50-Jährige die Beamten angegangen sei und mit dem Messer rumgefuchtelt habe. Immer wieder habe die Polizeibeamtin „Messer weg, Messer weg!“ gerufen, doch der Mann habe sich davon nicht beeindrucken lassen. Sogar das Pfefferspray habe keine Wirkung gezeigt, und auf die Tritte hin habe der Mann nicht einmal geschrien. „Ich vermute, dass er unter Drogen stand und absolut schmerzresistent war“, sagte Quilitz der Morgenpost Online.

Nachdem die Polizisten André C. überwältigt hatten, wurde er von einem Notarzt und Rettungssanitätern ins Virchow-Klinikum der Charité gebracht. Dort wurde er notoperiert und soll seitdem außer Lebensgefahr sein. Die am Einsatz beteiligten Polizeibeamten übergaben nach dem Vorfall ihre Waffen den nun ermittelnden Kollegen und beendeten ihren Dienst.