Verlagerung

Was Bayer mit dem Standort Berlin vorhat

Bayer will in Berlin 300 Stellen streichen und verlegen. Einer der betroffenen Forscher berichtet anonym über die Stimmung im Unternehmen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Tobias Kleinschmidt / picture alliance / dpa

Seit 2006, als Bayer die Schering AG übernahm, wird die Belegschaft an der Müllerstraße in Berlin-Weddingdurchgerüttelt. Umstrukturierungen, Sparprogramme, Umbenennungen sorgen für ständige Unruhe, für Unsicherheit. Die große Angst: Berlin verliert als Pharmastandort im Konzern immer mehr an Bedeutung.

Jetzt geht es um die Arbeitsplätze von rund 300 Mitarbeitern der chemischen und pharmazeutischen Entwicklung. Die Konzernführung hatte angekündigt, diese Jobs aus Berlin zu verlagern, bekannte sich aber grundsätzlich zum Standort. Die Mitarbeiter bezweifeln dies. Einer berichtet nun von dem Alltag in ständiger Unruhe – aus Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen anonym.

„Ich arbeite seit fast 20 Jahren an der Müllerstraße im Wedding. Als ich mit meiner Lehre begann, war das noch die Schering AG – ein Name mit Strahlkraft. Es hieß immer: Wer dort einen unbefristeten Arbeitsvertrag hat und ein Haus bauen will, braucht sich nicht um seine Kreditwürdigkeit zu sorgen. Das galt fast soviel wie ein Beamtenstatus.

Hoch motiviert und besorgt

Ich arbeite in der pharmazeutischen Entwicklung. Dort geht es darum, wie ein Wirkstoff, den Forscher zuvor ersonnen haben, verabreicht wird. Macht man eine Tablette, ein Zäpfchen oder ein Pflaster? Im Prinzip geht es um die Hülle, die der Wirkstoff bekommt. Die Arbeit macht mir Spaß. Und ich glaube, ich spreche auch für meine Kollegen, wenn ich sage, dass wir hoch motiviert sind. Ich habe mich angesichts der ganzen Veränderungen in den letzten Jahren immer gefragt: Wann betrifft es mich einmal. Nun ist es soweit.

Jetzt gehöre ich zu den mehr als 300 Menschen, um deren Zukunft Betriebsrat und Management demnächst verhandeln. Bayer will, dass wir nach Leverkusen oder Wuppertal ziehen. Für mich ist das völlig undenkbar. Ich habe hier ein Haus gebaut. Meine Kinder machen in den nächsten Jahren Abitur. Und wie sicher ist denn der verlagerte Job in Leverkusen oder Wuppertal?

Kennenlernabende mit Kölsch und Buffet

Mir ist eines wichtig: Bayer ist ein großer Name und kein unsozialer Arbeitgeber. Zwar bin ich kein Betriebswirt. Aber auch ich verstehe, dass es für Schering alleine schwierig geworden wäre, im harten Pharmamarkt zu bestehen. Was ich aber nicht verstehe: Bayer scheint fast schon Lust daran zu haben, hier in Berlin Unruhe zu schüren.

Anfangs, in den ersten Monaten nach der Fusion, organisierte Bayer Abende mit üppigem Buffet und Kölsch. Bayer-Mitarbeiter sollten sich ihren neuen Berliner Schering-Brüder und –Schwestern ungezwungen nähern – und wir umgekehrt den Leuten aus Wuppertal und Leverkusen. Es war viel von „Team“ und „Identität“ die Rede. So ist das wohl, wenn heute zwei große Unternehmen fusionieren. Dann wurden wir auf gemeinsame Werte verpflichtet: Loyalität zum Unternehmen, Einsatz zum Wohle des Patienten, offene Kommunikation – im Prinzip lauter Sachen, die auch unser alter Schering-Ethikkodex vorschrieb.

Suche nach Synergien

Doch diese Geschichten waren nur Vorgeplänkel. Vielen war ja insgeheim schon immer klar: Bayer muss sparen nach der Übernahme. Immerhin haben sie für Schering fast 17 Milliarden Euro gezahlt. Ich habe mir schon so meine Gedanken gemacht und mir angesehen: Wo haben Schering und Bayer Überlappungen. Das ist doch immer das Erste wonach Manager schauen: Wo sind die berühmten „Synergien“ die man schafft, in dem abgebaut wird, was an doppelten Strukturen vorhanden ist?

Zuerst wurde die chemische Entwicklung verlegt. Abteilungen wurden verkleinert. Im Gegenzug wurde die Pharmazeutische Entwicklung in Berlin gestärkt, genau der Bereich, der heute ins Rheinland gehen soll. Das Unternehmen betont gern, die Krebsforschung sei hier konzentriert worden. Da kamen aber nur wenige Jobs nach Berlin. Vielmehr als ein kleiner Lichtblick war das nicht, zumal vorher in der Biologie und auch in Verwaltungsbereichen ebenfalls aus Berlin weg verlagert wurde.

Schleichende Aushöhlung?

Bei den Stellen, die bisher von Berlin weg verlagert wurden, ging kaum einer von hier mit. Stattdessen wechselten Kollegen in Berlin die Abteilungen. Aber das kann ja nicht immer weiter funktionieren.

Wir haben hier das Gefühl, dass der Standort schleichend ausgehöhlt wird. Bis vor zwei Jahren hießen wir noch Bayer Schering. Dann kam die Anweisung, „Schering“ aus dem Namen zu tilgen. Ganz schnell leuchtete nur noch das Bayer-Symbol in den Wedding hinein. Briefbögen oder Laborkittel mit „Schering“ dürfen jetzt nicht mehr benutzt werden.

Bayer wollte ja in Berlin bauen. Ein neues Haupthaus mit offenem Gelände zur Spree hin. Diese Pläne hielten viele hier für ein echtes Bekenntnis zum Standort. Doch jetzt wird daraus scheinbar nichts. Das Projekt wurde einkassiert und bis heute nicht mit neuem Leben gefüllt, und das hat viele hier richtig verunsichert. „Was hat Bayer wirklich mit dem Standort vor?“, frage ich mich. Sie können uns von der Bayer-Spitze noch so häufig erzählen, wie wichtig Berlin ist: Ich glaube das erst, wenn ich hier mal wieder einen Richtkranz auf dem Gelände sehe.

Unklare Entscheidungsstrukturen

Eine sichtbare Investition von Bayer in Berlin oder eine neue Abteilung – ein solches Signal könnte hier ein bisschen Verunsicherung beseitigen. Allerdings fragen wir uns häufig, wer eigentlich die Entscheidungen trifft. Es gibt die Bayer Holding in Leverkusen, darunter den Bereich Bayer Healthcare und dazu gehören wir, die Pharmasparte. Wer macht die Vorgaben? Der Vorstandschef, der zuständige Vorstandschef der Holding? Oder kommt das aus Healthcare heraus? Ist es eine Idee von Bayer Pharma? Sicher ist immer nur: Jede Menge Unruhe in Berlin.

Es wurden wohl keine der direkt beteiligten Wissenschaftler gefragt, ob das alles sinnvoll ist. Oft beschleicht mich das Gefühl, es werden vor wichtigen Entscheidungen nicht die richtigen Leute gefragt. Keiner konnte uns bislang schlüssig erklären, wie sich die Verlagerung meiner Stelle – und die meiner Kollegen - für das Unternehmen rechnen soll.

Und besonders bitter stößt uns diese Debatte auf, weil der Bayer-Konzern gerade seine Gewinnerwartung erhöht hat. Vielleicht wollen sie uns auch in einen Stellenpool schieben. Dann sitzt man zuhause, bekommt Geld, hat aber trotzdem keine Arbeit. Und das, obwohl man gut ausgebildet ist und bislang mit hohem Einsatz tätig war. Kampflos werden wir unsere Arbeitsplätze hier nicht aufgeben, so viel ist klar.“