Fußball

Wie Berliner Polizisten gegen Hooligans vorgehen

| Lesedauer: 7 Minuten
Michael Behrendt und Steffen Pletl

Foto: Steffen Pletl

Es gibt Fans, die mit Steinen und Eisenstangen aufeinander losgehen. Morgenpost Online begleitete Bundespolizisten bei einem Hertha-Spiel.

„Wer spielt heute noch mal?“ Ein Scherz. Jeder im Zivilwagen weiß genau, wer sich an diesem Tag auf dem Rasen des Olympiastadions begegnen wird: Hertha BSC gegen Dynamo Dresden, 2. Liga. Die „Fanfeindschaft“ ist seit Jahren ausgesprochen.

Beide Parteien haben Fantruppen, denen das Spiel selbst eigentlich völlig egal ist. Denen nur die „dritte Halbzeit“ wichtig ist, wie die Schlägereien mit dem Gegner genannt werden. Fans werden in Kategorien eingeteilt. A ist harmlos, B steht für „gewaltbereit“, C bedeutet „gewaltsuchend“.

Beide Fan-Gemeinschaften haben C-Männer unter sich. Die ohne Hemmungen mit Flaschen, Pflastersteinen und Eisenstangen aufeinander losgehen. Sich mit Polenböllern bewerfen und auch den Konflikt mit der Polizei nicht scheuen.

Dem gegenüber stehen Hunderte Bereitschaftspolizisten fürs Grobe. Und Zivilbeamte, die sich seit Jahren im Hooligan-Milieu bewegen und von denen jeder für sich bis zu 250 Angehörige dieser Szene beim Namen kennt. Die durch dieses Wissen sehr schnell einschätzen können, ob es „knallen“ wird und wie man diese Zusammenstöße verhindern kann. „Fankundige Beamte“ (FKB) heißen diese Spezialisten der Bundespolizei. Reporter der Berliner Morgenpost haben sie bei ihrem Einsatz begleitet.

Arbeit mit Köpfchen

Vergangener Mittwoch, 12 Uhr, Bundespolizeidirektion Berlin. In einem Seitengebäude haben die „FKB“ ihren Sitz. Neun Beamte gehören zu der Einheit. Bis zu 300 Einsätze haben die Männer im Jahr. Bundesweit. Heimspiele, Auswärtsspiele. Vorbereitungsspiele. Gibt es mal keine Begegnung, die es zu begleiten gilt, müssen die Männer auf Demos ran und Rechte und Linke „aufklären“.

Es wird auf Fortbildungen gebüffelt, werden andere Einheiten geschult, Analysen geschrieben. Trotz kugelsicherer Weste, Schlagstock und Pistole wird hier vor allem mit dem Kopf gearbeitet. Einsatz-Besprechung. Erste Meldungen aus Dresden laufen ein. 10.000 Karten sind für das Spiel in der Hauptstadt verkauft worden. 15.000 Fans werden aber erwartet. Viele werden mit Privatfahrzeugen anreisen und nicht mit Bussen. Werden am Stadtrand parken und dann die öffentlichen Verkehrsmittel nehmen. Den Gegner suchen. Ihn angreifen wollen. Im Zug, auf der Straße, im Bus.

Sandy sitzt am Steuer, Franky auf dem Beifahrersitz, Ronny dahinter. Die drei sind ein Team. Noch ist Ruhe in der Stadt, doch bereits jetzt, fünfeinhalb Stunden vor Anpfiff, streifen die Beamten mit den Morgenpost-Reportern durch die Stadt. Scheinbar ziellos. Doch nur scheinbar. „Es gibt zahlreiche Kneipen in Berlin, die als Anlaufstelle für die gewaltbereiten und gewaltsuchenden Fans gelten. Wir schauen jetzt, ob sich die Klientel dort sammelt und wer sich darunter befindet“, berichtet Franky und wirkt beinahe fröhlich trotz der bevorstehenden Aufgabe.

Leere Szene-Kneipen

„Wir können hier echt was bewegen. Wenn unsere Einschätzungen zutreffen, tragen wir dazu bei, dass Krawalle ausbleiben und Polizisten wie auch Fans unverletzt bleiben.“ Manchmal, erzählt Sandy – er ist Vater zweier kleiner Mädchen – reiche ein richtiger Szeneschläger, um die Stimmung einer ganzen Gruppe zu kippen. „Wenn wir also einen dieser Bekannten erkennen, beobachten wir den Trupp und verfolgen ihn auch notfalls so lange, bis zu erkennbar ist, was sie vorhaben.“

Die Szene-Kneipen sind leer, die in Wedding, in der City West. In einer Seitenstraße der Otto-Suhr-Allee werden drei Fahrzeuge aus Dresden von der Berliner Bereitschaftspolizei kontrolliert. Franky bietet Hilfe an, die wird nicht benötigt. Weiter, Richtung Olympiastadion. Dort versammeln sich mehr und mehr Fans. Vor allem aus Dresden. Angetrunken und auf Krawall aus.

14.55 Uhr. Auf dem Platz vor dem Stadion durchbrechen knapp 30 Fans aus Sachsen eine Polizeikette und stürmen auf einen Parkplatz. Jetzt muss alles schnell gehen, da könnten Herthaner sein. Die grölenden Fans werden gestoppt, sollen durchsucht werden. Die Lage eskaliert, die Fans gehen auf die Polizisten los. Die Berliner Bereitschaftspolizei, in unzähligen Krawalljahren erfahren, klärt die Lage schnell. Mehrere Personen werden festgenommen. Durchsucht. Der Rest sitzt wie im Viererbob hintereinander und wartet auf die Personalienüberprüfung.

Ermittlungen gegen Polizisten

16.55 Uhr. Ein Trupp von Fans aus Dresden soll auf dem Weg zum Stadion Sachbeschädigungen und Körperverletzungen begangen haben. Die FKB der Bundespolizei sollen Ausschau halten. An der Flatowallee wird der schreiende Pulk entdeckt, begleitet von einer Hundertschaft. „Sind dran“, sagt Franky. „Personen sind lautstark und fantypisch.“ Dann eilen sie zu einer Absperrung, weisen Kollegen ein.

Sie bekommen nicht mit, was hinter ihrem Rücken geschieht: Ein Gruppenführer der Berliner Bereitschaftspolizei will den Aufzug stoppen, der Rädelsführer der Fans stemmt sich dagegen. Die Lage eskaliert, es gibt eine Schlägerei. Mehrere Beamte der Hundertschaft knien auf dem Fan-Anführer, wollen seine Hände fesseln.

Ein junger Beamter schlägt dem am Boden liegenden Mann unzählige Male auf den Kopf, ein anderer sprüht ihm aus unmittelbarer Nähe Pfefferspray ins Gesicht. Der Fan wirkt ohnmächtig, hat Schaum am Mund. Er kann nicht mehr allein gehen, wird in den Gruppenwagen getragen. Nach Informationen von Morgenpost Online wird mittlerweile wegen Körperverletzung im Amt ermittelt.

90 Minuten Ruhe

17.30 Uhr: Alle Fans sind im Stadion. Verschnaufpause für die Beamten. „Jetzt haben wir 90 Minuten Ruhe. Hoffentlich bleibt es ruhig“, hofft Franky. Ein völlig betrunkener Vater kniet vor seinem kleinen Sohn und lallt „nur nach Hause gehn wa nicht“. Drinnen fällt das 1:0 für Hertha. Durch ein Eigentor.

Bei dem Ergebnis bleibt es. Und es bleibt ruhig. Die Fans strömen ab, die Berliner Polizei hält die Linien und trennt die Fan-Gruppen. „Scheiß-Zivi“, heißt es hier und da, Sandy hört nicht hin.

„An diesem Platz sind bei der WM Engländer und Deutsche aneinander geraten. Dazwischen standen zeitweilig nur zwei Polizistinnen.“ Und dann? „Wir sind rein. Ging gut aus“, sagt er bescheiden. Später, auf der Dienststelle, zeigt er uns das Video von damals. Er und ein Kollege sind zu sehen. Zu zweit halten sie mit Schlagstöcken die 250 deutschen Hooligans auf, bis Unterstützung kommt. Mehrere Minuten lang. Minuten, die zu Stunden wurden. Eins auf die Nase habe er bekommen.

Die Truppe will nicht, dass man Aufhebens um sie macht. Auf dem Gang gibt"s eine Cola nach dem Einsatz. „Wer spielt am Wochenende?“, fragt Ronny. „Union zu Hause gegen Cottbus.“ Soviel zum Thema Wochenende.