Gropiusstadt

Verkeimtes Wasser - Zum Duschen vor die Tür

In Gropiusstadt müssen Mieter ohne Wasserversorgung in der Wohnung auskommen - wohl bis November. Schuld sind Keime.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Erika Maus blickt voller Zorn auf die weißen Container vor ihrem Wohnhaus. „Nicht mal mehr der Kaffee schmeckt mir“, sagt die 68-Jährige. Seit fast drei Wochen ist das Trinkwasser in ihrem Wohnblock und in den Häusern der Fritz-Erler-Allee mit den Nummern 99, 101, 103, 105, 107, 109 sowie der Eugen-Bolz-Kehre 2-12 mit einem entzündungserregenden Keim kontaminiert. Seitdem erfolgt die Frischwasserversorgung für die betroffenen 388 Wohneinheiten durch die vier Container mit Duschen und Wasserhähnen.

Schlechte Informationspolitik

Aber Erika Maus traut dieser Übergangslösung nicht, weil sie vermutet, dass das Wasser dort aus den gleichen Leitungen wie in ihrer Wohnung stammt. Die Stimmung in der Gropiusstadt ist angespannt. Die Bewohner sind sauer auf ihre Hausverwaltung, auf die Berliner Wasserbetriebe und auf das bezirkliche Gesundheitsamt. Viele glauben, dass sie einen Monat zu spät über das verseuchte Wasser informiert wurden und sind darüber entrüstet, dass sie bis November ohne eigene Wasserversorgung in der Wohnung auskommen sollen. Einige Anwohner wollen bis dahin jede Quittung für den Wasserkauf im Supermarkt aufbewahren und später in Rechnung stellen, andere Mieter haben Teile der Miete einbehalten.

Der Verursacher der Wasserverunreinigung ist das Bakterium Pseudomonas aeruginosa. „Den gibt es überall, in Toiletten, Krankenhäusern, und auch viele Menschen tragen ihn in sich“, erklärt Patrick Larscheid. Der Bereichsleiter des Gesundheitsamts Neukölln kann die Aufregung der Anwohner nicht nachvollziehen: „Ich glaube, viele Menschen auf diesem Planeten wären froh, wenn sie das Wasser trinken dürften“, sagt er, weißt aber gleich darauf hin, dass der Keim für Krebs- und Lungenkranke sowie Drogenabhängige und HIV-Infizierte eine Problem sein kann: „Gefährlich wird es höchstens für Leute, die ein geschwächtes Abwehrsystem haben. Der Rest muss keine Bedenken haben.“ Außerdem sei das Wasser nach dem Abkochen ungefährlich.

Dennoch wird das Wasser jetzt mittels Chlor desinfiziert. Damit alle Leitungen durchgespült werden, müssen die Bewohner dreimal täglich den Wasserhahn für einige Minuten aufdrehen und das Wasser laufen lassen. „Ich schaffe es nur zwei Mal am Tag zu spülen und manche Nachbarn sind im Urlaub. Wie sollen deren Rohre denn sauber werden?“, fragt Berin Binici. Sie ist im sechsten Monat schwanger und passt gerade auf ihren dreieinhalbjährigen Sohn Kiyan auf. Ihr Mann schläft, weil er in der Nachtschicht arbeitet. Um zu duschen oder auch nur etwas zu trinken, muss die 34-Jährige deshalb viele Treppen steigen und zum Container laufen. Noch belastender findet sie allerdings, dass für November auch noch eine Mieterhöhung angekündigt wurde. „Wir geben jetzt schon zu viel für Mineralwasser aus, weil ich einfach nicht meine Kinder gefährden will“, erklärt Binici. Andere Bewohner hätten sich das Mineralwassergeld schon von der Hausverwaltung zurückgeholt.

Wasserengpass im Supermarkt

Im Container für die Bewohner der Fritz-Erler-Allee 101 wurde ein Wasserhahn entwendet. Deshalb sind seitdem die Behelfsbauten nur noch mit dem Wohnhausschlüssel der Anwohner zugänglich. Im Supermarkt ist Wasser inzwischen ein knappes Gut. In der vergangenen Woche hat sich der Verkauf von Wasserflaschen verdoppelt, inzwischen sind die Geschäfte auf den gestiegenen Bedarf eingestellt.

Erika Maus geht jetzt häufiger zum Kaffeetrinken zu ihrer Cousine. „Das ist zwar sehr nett, aber dauerhaft keine Lösung“, sagt die Rentnerin.