Zwischenzeugnis

Unerwartete Kunstprüfung

Frau Freitag arbeitet als Lehrerin in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag.

Foto: BM

Wer klingelt denn so früh an meiner Haustür? Ich gehe an die Sprechanlage. „Hallo?“

„Frau Freitag?“

„Ja.“

„Frau Freitag, Sie müssen runterkommen, wir warten auf Sie. Beeilen Sie sich!“ Ich renne die Treppe runter. Meine Kunstseminarleiterin Frau Gubert steht vor einem roten Golf und hält die Tür auf: „Frau Freitag, nun kommen Sie schon! Wir müssen los!“

„Wohin denn?“ Ich verstehe nichts.

Frau Gubert blättert in dem Papphefter, den sie in der Hand hält: „Frau Freitag, Sie müssen Ihre Kunstprüfung noch machen.“

„Häh? Wie? Die habe ich doch schon längst gemacht. Ich bin doch schon seit mehr als zehn Jahren Lehrerin. Ich unterrichte doch auch schon seit...“

„Also hier steht, dass Sie die Kunststunde noch nicht gehalten haben und damit ist Ihr Staatsexamen auch nicht gültig. Also steigen Sie jetzt ein!“

Im Auto ist es eng. Vorne sitzt mein Hauptseminarleiter, hinten mein Englischseminarleiter und eine Frau, die ich nicht kenne. Ich quetsche mich neben sie. Ich werde das gleich im Auto klären, denke ich, das kann nur ein Missverständnis sein.

„Also, Frau Freitag, laut unserer Unterlagen fehlt die Prüfungsstunde in Kunst. Die müssen Sie jetzt halten. Das Thema der Stunde heißt: Plastisches Arbeiten mit Ton. Herr Dannert, Sie können losfahren. Treptow, Sie wissen schon.“ Herr Dannert, mein Hauptseminarleiter fährt los.

„Treptow?“, frage ich.

„Ja, Treptow“, sagt Frau Gubert.

„Aber Frau Gubert, Herr Dannert, ich kenne doch die Schüler gar nicht. Ich bin auch nicht vorbereitet.“

„Frau Freitag, das ist ja wohl nicht unser Problem.“

„Muss ich auch noch die mündliche Prüfung machen?“ Frau Gubert blättert in ihrem Papphefter: „Ja. Mündliche Prüfung fehlt auch.“

Ach du Scheiße, Schulrecht und diese ganzen fachdidaktischen Themen... davon habe ich doch gar keine Ahnung mehr.

Wir halten vor einer Schule. Herr Dannert steigt aus und öffnet mir die Tür. „Frau Freitag, wir gehen schon mal vor. Die Schüler sind im Raum 101. Bis gleich.“

Ich bleibe noch kurz vor dem Schulgebäude stehen. Was geht hier ab? Was ist los? Das kann doch nicht wahr sein. Okay, da muss ich jetzt wohl durch. Ich gehe in den ersten Stock. Ein langer Gang liegt vor mir. An der Wand hängt eine Uhr. Mist, ich muss mich beeilen. Ich versuche zu rennen, komme aber nicht vorwärts. Es fühlt sich an, als hätte ich Gewichte an den Füßen. Raum 101 muss ganz hinten sein. Ich renne und renne, komme aber nur in Zeitlupentempo voran. Neben einer Tür steht eine Flasche. Die nehme ich und trinke. Ich habe solchen Durst. Bahhh, was ist das denn? Schnaps. Igitt. Mist, jetzt habe ich bestimmt eine Fahne. Egal. Ich muss weiter. Raum 101. Die nächste Tür muss es sein. Aber was ist das? An der Wand vor dem Raum ist eine große Glasscheibe. Ein riesiges Aquarium. Aber da schwimmen keine Fische. Da sind Schüler drin. Sie stoßen sich mit den flachen Händen von der Scheibe ab und bewegen sich nach oben oder unten. „Frau Freitag! Frau Freitag, hallo!“, rufen die Kinder. Ich winke ihnen zu. Kenne ich sie? Ich weiß es nicht.

Es klingelt. In fünf Minuten fängt der Unterricht an. Ich betrete den Klassenraum. Vor der Tafel steht eine Frau mit Locken. Hinten im Raum sitzen Frau Gubert, Herr Dannert, mein Englischseminarleiter und die Frau aus dem Auto.

„Hallo, was machen Sie da? Ich soll doch hier unterrichten. Ich. Nicht Sie! Ich habe doch jetzt die Kunstprüfung.“

Die Frau guckt mich an. „Sie sind ja nicht rechtzeitig gekommen. Jetzt mache ich die Stunde. So Kinder, dann wiederholen wir erst mal, was wir in der letzten Woche gemacht haben.“ Ich stehe an der Tür. Stehe einfach nur da und warte. Es klingelt zum Unterricht. Es klingelt und klingelt. Plötzlich höre ich meinen Namen. Jemand rüttelt an meinem Arm: „Frau Freitag, aufwachen! Hörst du den Wecker nicht? Du musst aufstehen und in die Schule.“

>>> Die Kolumne von Frau Freitag auf Morgenpost Online

>>> Und hier geht es zum Blog von Frau Freitag