Gropiusstadt

388 Berliner Haushalte dürfen kein Leitungswasser nutzen

Wegen Keimbelastung müssen Berliner Wasser abkochen und Flaschen schleppen: Schuld ist ein Pfützenkeim, der zu Durchfall führen kann.

Foto: Amin Akhtar

Gerda Geyer hat seit einer Woche einen langen Weg zur Dusche. Zu Hause darf sich die Rentnerin nicht mehr unter die Brause stellen. Auch trinken darf sie das Wasser aus der Leitung nicht und das Gemüse nur noch mit abgekochtem Wasser waschen. Ihre Hausverwaltung hatte die 90-Jährige und ihre Nachbarn in der Gropiusstadt in Neukölln mit Aushängen über eine „gesundheitliche Beeinträchtigung des Trinkwassers“ informiert.

Was den Bewohnern nicht nur in der Eugen-Bolz-Kehre 2-12, sondern auch in den angrenzenden Gebäuden Fritz-Erler-Allee 99-109 das Leben erschwert, ist das Bakterium Pseudomonas aeruginosa. Dieser Mikroorganismus, auch „Pfützenkeim“ genannt, weil er in abgestandenem Wasser auftritt, war bei Labortests im Auftrag der Hilfswerk-Siedlung GmbH aufgefallen. Bei geschwächten Personen wie Kranken, älteren Menschen oder Kindern kann er Durchfall und Magenkrämpfe auslösen. Gelangt er in offene Wunden, drohen eitrige Entzündungen.

Desinfektion durch Spezialfirma

Geyers Nachbarin Anja Walenczius ärgert sich über die Belastung. Sie findet diese Situation „anstrengend und zeitaufwändig“. Ständig müsse man sich in Erinnerung rufen, dass kein Wasser aus der Leitung genutzt werden dürfe. „Dabei braucht man das ständig“, sagt die 33-Jährige. Die evangelische Wohnungsgesellschaft mit insgesamt rund 8000 Wohnungen im Westteil Berlins hatte am 4. September per Fax das Gesundheitsamt des Bezirkes über die Probleme an der Fritz-Erler-Allee informiert. Dass auch die Anlage in der Eugen-Bolz-Kehre betroffen ist, wurde fünf Tage später offenkundig. Zu dem Zeitpunkt hatten sich die Gesundheitsaufseher mit dem Wohnungsunternehmen bereits auf einen Maßnahmenplan geeinigt. Am 6. September schickte die Behörde erstmals selbst Mitarbeiter in die Gropiusstadt, die Informationszettel verteilten.

Insgesamt 388 Mieteinheiten sowie zwei Gewerbeeinheiten müssen sich nun mit wochenlangen Notbehelfen arrangieren. Um die Keime zu bekämpfen, muss die über beide Wohnanlagen reichende Wasserversorgungsanlage von einer Spezialfirma desinfiziert werden. Dafür werden Impfstellen an die Leitungen angedockt, über die 0,2 Milliliter Chlordioxid pro Liter Wasser eingeleitet wird. Wegen der geringen Konzentration des Biozids kann das sechs bis acht Wochen dauern. „Die Konzentration kann nicht einfach erhöht werden, denn das Wasser muss in dieser Zeit weiter benutzt werden“, sagt Kerstin Weber, Gruppenleiterin der Gesundheitsaufseher im Bereich Hygiene- und Umweltmedizin des Gesundheitsamtes. Denn nur, wenn das Nass in den Leitungen in Zirkulation bleibt, werden alle Stränge ausreichend gespült. Eine Freigabe der Wasserversorgung durch das Gesundheitsamt erfolgt erst, wenn abschließende Laboruntersuchungen keinerlei Bakterien mehr aufzeigen. „Pseudomonaden kommen zwar ganz natürlich vor“, sagt die Expertin. „Im Trinkwasser liegt der Grenzwert aber bei Null. Da darf wirklich kein Bakterium mehr drin sein.“

Was die Verunreinigung ausgelöst hat, ist unklar. Anlass für die Hilfswerk-Siedlung GmbH, ein Labor zu beauftragen, waren Arbeiten in einer Wohnung. „Nachdem bei Mietern unzulässige Sanitäreinbauten festgestellt und diese entfernt wurden, wurde eine Überprüfung ausgelöst“, heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft. Dabei wurde der Keim entdeckt. Weshalb die Wasserproben auf eine Belastung mit Pseudomonas hin untersucht wurden, dazu gab es am Donnerstag keine Auskunft. Reguläre Laboruntersuchungen nach der Trinkwasserverordnung sehen einen Test für diesen Parameter nicht vor. Die Berliner Wasserbetriebe (BWB), die regelmäßig die Qualität des Trinkwassers an verschiedenen Probeentnahmestellen in der Stadt testen, prüfen auf Pseudomonas allerdings ebenfalls nach Bauarbeiten an den Leitungen.

Kritik an Informationspolitik

Auch im Umfeld der jetzt auffällig gewordenen Häuser in der Gropiusstadt seien in den vergangenen Tagen mehrfach Proben im öffentlichen Netz genommen worden, sagte BWB-Sprecher Stefan Natz. „Wir wollten sicherstellen, dass kein verunreinigtes Wasser zurückgelaufen ist.“ Sämtliche Ergebnisse waren unauffällig. Das Leitungssystem in den betroffenen Häusern wurde mittlerweile isoliert. Eine Gefahr für benachbarte Gebäude und Anwohner sehen die Experten deshalb nicht mehr. Trotzdem würden weitere Untersuchungen durchgeführt, versicherte Natz. Bei den Wasserbetrieben wie im Gesundheitsamt waren in den vergangenen Tagen zahlreiche Anrufe besorgter Anwohner der Region eingegangen.

Erstaunt war man bei den Wasserbetrieben, von den Vorfällen erst durch das Fernsehen zu erfahren. „Es wäre klug gewesen, wenn das Unternehmen sich an uns gewandt hätte“, monierte Natz. Dass die Mieter Wäsche wie das Geschirr in der Maschine bei mindestens 60 Grad waschen müssen, sei erst durch Nachfrage beim Gesundheitsamt bekannt geworden, kritisiert auch Mieterin Simone Beuthin. Kerstin Weber dagegen ist mit der Zusammenarbeit zwischen Behörde und Hilfswerk-Siedlung zufrieden. Spätestens am Montag soll die Desinfektion der Leitungen beginnen. Um die Last für die Mieter wenigstens etwas zu mindern, sollen am heutigen Freitag in der Fritz-Erler-Allee sowie der Eugen-Bolz-Kehre jeweils zwei Sanitätswagen mit WC, Waschbecken sowie je fünf Duschen aufgestellt werden. An Trinkwasserzapfstellen kann dann auch sauberes Trinkwasser entnommen werden. Außerdem hat das Unternehmen Mietminderungen zugesagt. „Aber das erst, wenn alles gelaufen ist. Und wir wissen auch nicht, wie viel das sein wird“, ärgert sich Mieter Michael Knaust (50).