Nach Thierse-Rückzug

In Berlins SPD drängt die nächste Generation nach vorn

Wechselstimmung: Die Sozialdemokraten präsentieren sich deutlich jünger – und weiblicher. Die nächste Generation wird teils gezogen.

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Ein 69-Jähriger Mann tritt nach einer langen politischen Karriere ab, eine 30-jährige Frau erscheint auf der politischen Bildfläche.

Zwar haben der Verzicht des früheren Bundestags-Vizepräsidenten Wolfgang Thierse auf eine erneute Kandidatur und die Wahl der jungen Julia Schimeta zur Vorsitzenden der SPD in Friedrichshain-Kreuzberg inhaltlich wenig miteinander zu tun, obwohl sie nur zwei Tage auseinander liegen. Aber Thierse und Schimeta machen eine Tendenz deutlich, die schon einige Monate in der stärksten politischen Kraft der Stadt zu beobachten ist: In der SPD vollzieht sich ein Generationswechsel.

„Es tut der Partei ganz gut, wenn frischer Wind reinkommt“, sagt Julia Schimeta, die beruflich als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) über Frauen in Führungspositionen und Gleichstellung in öffentlichen Unternehmen forscht.

Ihre Wahl durch die 90 Friedrichshain-Kreuzberger Kreisdelegierten gegen einen männlichen Mitbewerber nennt die Doktorandin ein „mutiges Zeichen“ ihrer Partei. Vor allem sei das ein Signal an noch jüngere Frauen, dass es sich lohne, in der SPD mitzuarbeiten, sagt Schimeta. Gerade für sie seien „Parteistrukturen doch sehr abschreckend“.

Die Wahl der jungen Wissenschaftlerin zur zweiten Frau im Reigen mächtiger SPD-Kreischefs nach Arbeitssenatorin Dilek Kolat (45) aus Tempelhof-Schöneberg ist eine direkte Folge der Erneuerung, die die SPD in den vergangenen Monaten bereits erlebt hat. Schimeta übernahm den Posten von Jan Stöß (39), der sich vor der Sommerpause in einem harten innerparteilichen Ringen um den Landesvorsitz gegen den Stadtentwicklungssenator und Wowereit-Vertrauten Michael Müller (48) durchgesetzt hatte.

Zuvor hatte schon der 35 Jahre alte palästinensisch-stämmige Raed Saleh in der Nachfolge Müllers die Führung der Abgeordnetenhaus-Fraktion übernommen.

„Jünger und weiblicher“

„Das ist Strategie“, sagt Stöß, „wir werden jünger und weiblicher.“ Gerade eine Partei, die lange an der Regierung ist, tue gut daran, sich während der Regierungszeit personell und auch inhaltlich zu erneuern. Bewusst habe er Schimeta bei der Wahl zur Kreischefin unterstützt – als ein Signal, dass die SPD auch in Leitungsfunktionen mehr auf Frauen setze.

Jahrelang gab es unter der Regie des Duos Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister und Michael Müller als Landeschef vielfach Klagen von Frauen und jüngeren Nachwuchsleuten, dass sie kaum zum Zuge kämen.

Das mag daran gelegen haben, dass Wowereit, inzwischen 59, und Müller eben selber noch ziemlich jung waren, als sie vor mehr als zehn Jahren in die erste Reihe traten. In der Fraktion waren die wenigen Führungspositionen besetzt, Senatoren und auch Staatssekretäre rekrutierte Wowereit gerne von außen und im Bundestag gaben verdiente Genossen wie Thierse, die Charlottenburger Finanzexpertin Petra Merkel oder der frühere SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter den Ton an.

Erst bei der Bildung des aktuellen Senats im Herbst vergangenen Jahres flog der Pfropfen aus der Flasche und eine ganze Gruppe der Generation der etwa 40-Jährigen wurde in hohe Ämter katapultiert. Dilek Kolat wurde Senatorin, ebenso Bildungsexpertin Sandra Scheeres (42). Ex-Juso-Bundeschef Björn Böhning (34) avancierte ebenso zum Staatssekretär wie der frühere parlamentarische Geschäftsführer Christian Gaebler (47) und der Ex-Sprecher der Berliner Parteilinken, Mark Rackles (45). Auch in die Fraktion rückten 15 neue Abgeordnete ein, und die 31-Jährige Clara West rückte in den Vorstand auf.

Das nächste sichtbare Zeichen für die erneuerte und weiblichere SPD soll die Kandidatenkür für die Bundestagswahl im Herbst 2013 bringen. Statt Wolfgang Thierse wird voraussichtlich Eva Högl (43), Bundestagsabgeordnete aus Mitte und Landeschefin der einflussreichen Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) die Landesliste anführen.

Die Landesliste mit Frauen besetzen

Als Bewerber für die einzelnen Wahlkreise sähe es die Parteispitze gern, wenn die Hälfte der zwölf Personen, die dann auch auf der Landesliste verteilt werden, Frauen wären. Als neues Gesicht ist etwa in Friedrichshain-Kreuzberg die türkischstämmige Cansel Kiziltepe im Gespräch. In Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg könnten die beiden langjährigen Berliner Abgeordneten Iris Spranger und Karin Seidel-Kalmutzki den Sprung auf die Bundesebene versuchen.

In Steglitz-Zehlendorf sähe es Kreischef Michael Arndt gerne, wenn die frühere Juso-Bundesvorsitzende Franziska Drohsel (32) antreten würde. Aber die frisch gebackene Juristin neigt derzeit eher dazu, ihre berufliche Laufbahn zu starten. „Die Leute wollen in unserer Erlebnis- und Ereigniswelt neue Gesichter sehen“, sagt der 61 Jahre alte Arndt, der einen jungen Kreisvorstand um sich geschart hat. Das habe nur bedingt etwas mit Alter zu tun.

Als er vor 20 Jahren angefangen habe, hätten ihm alle gesagt, er möge noch zehn Jahre warten mit dem nächsten Karriereschritt. „Die Zeiten haben sich geändert.“ Julia Schimeta, seine neue Kreischef-Kollegin, sieht das ähnlich. So jung sei 30 ja auch nicht, sagt sie. Jung seien 18-Jährige.

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