Kriminalität

Panne bei der Polizei bringt Berliner in Gefahr

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Michael Behrendt und Steffen Pletl

Foto: Steffen Pletl

Auf der Flucht vor Schlägern rettet sich ein Mann in eine Berliner Kneipe. Zwar sind schnell Polizisten vor Ort, doch gibt es eine Panne.

Bei der Bearbeitung eines Notfalls hat es in der Kommunikationskette der Berliner Polizei offenbar erneut Fehler gegeben. Nach Informationen von Morgenpost Online hat sich am Sonntagabend ein Mann hilfesuchend in ein Lokal in Kreuzberg vor mehreren aggressiven Personen geflüchtet. Das Personal rief daraufhin die Polizei. Zwar erschienen wenig später zahlreiche Beamte, das Opfer und maßgebliche Zeugen wurden aber nicht angetroffen, weil die Einsatzleitung eine wichtige Information nicht an die Beamten weitergegeben hatte. Die Polizei bestätigte den Vorfall auf Anfrage. Die Hintergründe der Attacke sind noch unklar, auch ein Raubüberfall kann nicht ausgeschlossen werden.

Tatort Leuschnerdamm, 22 Uhr. In dem stadtbekannten Lokal „Wirtshaus Henne“ befanden sich nach Angaben von Geschäftsführerin Luana L. (49) knapp 80 Gäste, als ein völlig verstörter Mann türkischer Abstammung in die Räume stürmte. „Ihm lief der Schweiß in Strömen herunter, er hatte Todesangst. Er sagte, dass man ihn umbringen wolle und sein Freund bereits mit einem Messer angegriffen worden sei“, so die Geschäftsführerin. Sie habe sofort die Rollläden zum Haupteingang des Lokals und der Seitenfenster heruntergelassen, um den Zugang zu verhindern. „In diesem Moment ging die Tür schon auf, ich konnte sie schnell zuziehen. Wie es mir gelungen ist, mehreren wutentbrannten aggressiven Männer den Zugang zum Laden zu verhindern, weiß ich nicht.“ Die Gruppe habe schließlich aufgegeben.

Eine Stunde nichts passiert

Dennoch herrschte nach wie vor Angst in den Lokalräumen, das Opfer und auch die anwesenden Gäste seien laut Liana L. in Panik gewesen, weil niemand wusste, was sich vor dem Wirtshaus abspielte. „Wir riefen schließlich über die Notrufleitung 110 die Polizei und schilderten den Vorfall“, berichtet Luana L. weiter. „Ich bat um einen Anruf der Beamten, wenn sie vor Ort waren, da wir uns aus Angst nicht trauten, die Rollos wieder hochzuziehen.“ Dafür hinterließ sie auch eine Telefonnummer. Doch eine Stunde lang sei nichts passiert.

Dabei wäre eine schnelle Bearbeitung sehr wohl möglich gewesen, denn bereits fünf Minuten nach der ersten Alarmierung waren Streifenwagen und auch Bereitschaftspolizisten an den Einsatzort geschickt worden – allerdings ohne die Information, dass sich die Gäste in dem Lokal aus Angst verschanzt hatten. Polizeisprecher Thomas Neuendorf sagte dazu: „Die Kollegen waren schnell am Ort, haben Zeugen auf der Straße überprüft und auch nach den möglichen Tätern gesucht. Die Information über die Anwesenheit des Opfers als auch er Zeugen fehlte allerdings.“

Für Luana L. eine brenzlige Situation. „Wir wurden in diesem Zustand eine Stunde lang allein gelassen. Der bedrohte Mann verließ schließlich in einem Taxi den Ort, wir öffneten das Lokal wieder.“ Kurz darauf sei die Polizei eingetroffen, die Beamten hatten gedacht, das Wirtshaus sei geschlossen. Die Mitinhaberin kann diese Übermittlungspanne nicht verstehen. „In dieser Stunde haben wir insgesamt dreimal bei der Notrufzentrale angerufen und um einen Anruf gebeten, bevor wir die Türen öffnen. Es kann doch nicht sein, dass die Information dreimal nicht weitergegeben wird.“

Kein gutes Gefühl vermittelt

Zwar habe für sie die Hilfe für andere Menschen Priorität vor dem Geldverdienen, so die Geschäftsfrau. Dennoch sei dieser Zwischenfall zur Hauptgeschäftszeit keine schöne Angelegenheit. Im Wirthaus Henne seien regelmäßig Touristen zu Gast. Den Anwesenden vom Sonntagabend sei sicher kein gutes Sicherheitsgefühl in Berlin geboten worden, sagt Luana L.

Nach Angaben eines ranghohen Polizeiführers dürfen solche Pannen nicht geschehen. „Wir haben ohnehin zu wenige Beamte auf der Straße“, so der Beamte. „Wenn dann schon in einem solchen Fall viele Polizisten entsandt werden, müssen alle wichtigen Informationen zur Hand sein, damit sich der Einsatz auch lohnt und das Opfer befragt werden kann, um bei der Suche nach den Tätern helfen zu können.“

Erst kürzlich hatte die Polizei Versäumnisse bei der Bearbeitung eines Notrufs eingeräumt, bei dem ein Anrufer sie auf Hütchenspieler aufmerksam machen wollte. In einem anderen Fall hatte die Behörde zugegeben, dass sie einen Einsatz zum Schutz eines Passanten vor Hütchenspielern zu spät und zu langsam vorgenommen hatte.